Kosmonaut Waleri Kubassows letzte Reise

Baikonur/Houston/Kosmos – Wir schreiben das Jahr 1.9.7.5, 17.07 – Sternenzeit 14:15/03:15

Das Nachrichtenschiff russland.RU gleitet wie immer durch Raum und Zeit, auf der Suche nach Meldungen, die das Leben schreibt. Wir verzeichnen verschiedene irdische Zeiten in Houston und in Baikonur, aber aus den unendlichen Tiefen des Weltalls empfangen wir sensationelle Signale. Zum ersten Mal in der Geschichte der Raumfahrt besuchten sich sowjetische und amerikanische Kosmo-, pardon, Astronauten in ihren Raumkapseln im Kosmos.

Ein Beteiligter dieses kosmischen Meet and Greet ist nun im Alter von 79 Irdenjahren gestorben. Wir wollen ihn an dieser Stelle mit einem kleinen Rückblick würdigen. Er war einer der Helden der Sowjetunion, die damals bei dieser außergewöhnlichen Mission mitgewirkt hatten. Außergewöhnlich deswegen, weil wir uns bei dieser Geschichte in den frostigen Zeiten des „Kalten Krieges“ bewegen und ein derartiger Schulterschluss zwischen den USA und der Sowjetunion quasi einen Meilenstein der gemeinsamen Annäherung darstellte.

Aufbruch zu einer ungewöhnlichen Mission

Am 15. Juli 1975 verließ eine Sojus Träger-Rakete planmäßig und pünktlich den sowjetischen Raumbahnhof Tyuratam im Kosmodrom Baikonur. Es war seinerzeit der erste sowjetische Raketenstart, der weltweit übertragen wurde. An der Spitze dieses ballistischen Ungetüms, die Raumkapsel Sojus 19. In der Kapsel, die Kosmonauten Alexej Leonow und Waleri Kubassow. Nach knapp zehn Minuten erreichte die Sojus-Kapsel ihre Zielumlaufbahn und trieb auf ihrem errechneten Kurs.

Siebeneinhalb Stunden später startete eine Saturn1B-Rakete in Cape Caneveral, um ein amerikanisches Apollo-Raumschiff in das All zu befördern. Einen Tag darauf, am 16. Juli 1975, führte die Besatzung, bestehend aus Vance Brand, Donald Slayton und Thomas Stafford, vorbereitende Versuche im Inneren der Apollo-Kapsel durch. Um 01:01 Uhr (MEZ) des 17. Juli funkte der Astronaut Brand an das Kontrollzentrum in Houston, dass Sichtkontakt zu Sojus 19 bestünde. In der darauffolgenden Zeit näherten sich beide Raumschiffe allmählich einander an.

Das historische Rendezvous im All

Um 07:15 Uhr (MEZ), nachdem beide Bodenstationen die Freigabe für das bislang unvorstellbare Manöver gegeben hatten, koppelten sich die zwei Raumkapseln aneinander. Da an Bord der Raumschiffe verschiedene Druckverhältnisse herrschten, musste das Docking-Modul zwischen den Kapseln als Luftschleuse dienen. Dann endlich war der große Moment gekommen. Fünf Raumfahrer zweier verfeindeten Nationen trafen sich zu einem Rendezvous in der Umlaufbahn des blauen Planeten.

Um dieses Treffen überhaupt erst zu ermöglichen, wurden beide Besatzungen schon lange Zeit vorher intensiv geschult und mussten unter anderem die jeweiligen Fremdsprachen erlernen. Außerdem war es auch kein gemütliches Tete-a-tete, das bei dieser Mission stattfand. Während der folgenden 47 Stunden und 17 Minuten wurden bei gegenseitigen Besuchen ernsthafte Experimentreihen an Bord beider Kapseln gemeinsam durchgeführt. Auch nach der Abkoppelung unterstützten sich die zwei Raumschiffe. So ermöglichte zum Beispiel Apollo 18 mittels einer künstlich herbeigeführten Sonnenfinsternis der Sojus 19 intensive Sonnenbeobachtungen.

Am 21. Juli 1975 kehrten Alexej Leonow und Waleri Kubassow gesund und munter wieder auf die Erde zurück. Im Jahr 2010 trafen sich vier der damals an der Mission Beteiligten, Donald Slayton starb bereits 1993, zum 35-Jährigen Jubiläum in Moskau wieder. Jetzt hat auch Kubassow seine allerletzte Reise angetreten. Er sei am 19. Februar 2014 nach kurzer Krankheit plötzlich verstorben, wie die russische Raketen- und Raumfahrtkorporation Energija (RKK) mitteilte. Am Samstag dem 22. Februar wurde Waleri Kubassow an einem bisher nicht bekannten Ort in aller Stille beigesetzt.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.