Kommentar: Odessa – in der Tagesschau und in „echt“

Warum man sich über die Ukraine-Krise nicht nur aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen informieren sollte

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  • Hinweis: Dieser Artikel beruht ausschließlich auf ukrainischen Quellen – und natürlich den Meldungen der „Tagesschau“

Für Bewohner der Ostukraine kam der Blutfreitag von Odessa mit mittlerweile 46 Toten nicht so überraschend, wie für deutsche Fernsehzuschauer. Denn schon wenige Tage zuvor waren in Charkow proukrainische radikale Fußballfans in die Stadt eingedrungen und es war zu gefährlichen Krawallen mit örtlichen Antimaidanern gekommen.

Dennoch schien die Verwaltung in Odessa unter Führung des Euromaidan-Gouverneurs Nemirowsky am 2.5. bemerkenswert unvorbereitet, als das Gleiche in ihrer Stadt begann. Nach den blutigen Ausschreitungen meldet ARD-Korrespondentin Golineh Atai in den abendlichen Tagesthemen aus Donezk über den Beginn der Unruhen in Odessa:

„Das ganze hat angefangen mit einer riesigen proukrainischen Demo. Es sollen sich über 1.500 Anhänger dort zusammen gefunden haben. Porussische Anhänger – Aktivisten – Demonstranten sind mit Bussen weitgehend in die Stadt gekommen und haben mit Waffen, mit Schlagstöcken, mit Molotow-Cocktails die Menge angegriffen.“

So haben wir also friedliche ukrainische Demonstranten, mutwillig angegriffen von auswärtigen prorussischen Chaoten? Bei der Onlinezeitung Tajmer aus Odessa selbst hört sich das irgendwie anders an, deren Journalisten vor Ort waren und nicht wie Atai am 2. Mail in Donezk, über 700 Kilometer entfernt (siehe Einblendung ARD).

15:00 Uhr. Es versammelten sich Stützer des Euromaidan sowie Ultras am Domplatz zu einer Demonstration für die Einheit der Ukraine. Es werden Provokationen erwartet. Wie unser Korrespondent berichtet, sind 1.000-1.500 aggressive junge Leute anwesend, viele bewaffnet. Sie skandieren „Ruhm der Ukraine“, „Tod den Feinden“ (…) Zur gleichen Zeit bewegen sich auf sie 500 (Antimaidan) Aktivisten des Kulikowo-Feldes zu, ebenfalls bewaffnet. Es ist zu erwähnen dass an Marsch der Euromaidaner nach Informationen von Tajmer nicht nur Fans aus Odessa teilnehmen, sondern auch von außerhalb“

Plötzlich sind auch die Euromaidaner bewaffnet, aggressiv und alle erwarten eigentlich Provokationen und niemand ist überrascht von einem Überfall.  Plötzlich sind die Euromaidaner Auswärtige und nicht ihre Gegner. Auch bei den Brandstiftern des Gewerkschaftshauses mit über 30 Toten darin treten solche Unterschiede zu Tage. Die ARD zitiert am Folgetag auf tagesschau.de zu den Tätern nur noch die ukrainische Regierung und spricht unbestimmt von „krimineller Brandstiftung“. Auch hier ist in örtlichen Zeitungen nachzulesen, dass die Brandstifter durchaus bekannt sind:

19:08 Uhr – Unterstützer des Euromaidans, unter ihnen Fans von Cherno und Ultras kommen auf das Kulikowo-Feld (an dem das Gewerkschaftshaus steht)
19:25 Uhr – Die Schlacht beginnt – es fliegen sofort Steine und Brandsätze (…) beide Seiten werfen Feuerwerkskörper, Molotow-Cocktails und Steine. Aktivisten des Kulikowo-Feldes (Antimaidaner) haben sich im Gewerkschaftshaus verbarrikadiert. Feuer an einem der Zelte.
19:51 Uhr: Die Euromainer stürmen das Gewerkschaftshaus. Schüsse fallen.
20:07 Uhr: Das Gewerkschaftshaus brennt. Die Aktivisten davor brüllen „Ukraine!“ (…) Aktivisten des Euromaidan versuchen Gegner zu fangen, die dem Brand entkommen wollen und schlagen sie brutal.“

Auch die Kiewer Onlinezeitung „Politnavigator“ zeigt fröhliche Euromainer beim Brandbomben-Bau vor dem Gewerkschaftshaus. Nur die ARD scheint an unbekannte Kriminelle zu glauben, die wie aus dem nichts aufgetaucht sind. Es fragt sich, warum die Eskalation nicht so berichtet wird, wie sie bekanntermaßen in Odessa passiert ist. Niemand kann die Antimaidaner von einer Mitschuld daran frei sprechen – aber die ARD gibt den Euromaidanern genau diese Absolution, durch geschicktes Weglassen wichtiger Fakten. Wer sich gut informieren will, tut gut daran, das auch anderswo zu tun