Kommentar: Boykott aus Toleranz?

Wenn man aktuell so durch die Sozialen Netzwerke rast und Kommentare zu Gaucks Russland-Absage ließt, könnte einem schon alleine dann schlecht werden, wenn man Russen (außer aktiven und unterdrückten Oppositionellen natürlich) nicht per se für verwerfliche Untermenschen hält. Haben sie doch wirklich mehrheitlich andere Einstellungen und Meinungen, als der linksliberale aufgeklärte Bürgerliche aus Deutschland mit stets gestrecktem moralischen Zeigefinger. Und das darf nicht sein. Nur was wir denken, ist richtig und das Maß der Welt.

Muss man im Netz doch tatsächlich häufig lesen, dass man hoffe, dass auch die deutschen Sportler für Sotschi absagen.  Auch ganze gesellschaftliche Gruppen, etwa die Sprachrohre sexueller Minderheiten, die Inkarnationen der Toleranz selbst, predigen aktuell den kompletten Boykott. Natürlich geht es gar nicht, dass sich freiheitlich-demokratisch-tolerante Sportler aus dem gebildeten Deutschland mit schlimmen garantiert opportunistischen Sportlern aus Russland in deren eigenem Land messen. Wo kommen wir da hin? Auf einmal verlieren sie noch, wo wir doch moralisch überlegen sind? Und wenn deutsche Sportler hier auch noch antreten wollen, dann garantiert nur aus egoistischen Motiven oder weil sie „nicht so viel Mut haben“ [Zitat eines Posters], die Reise abzusagen. Hier fragt man sich: Vor nicht allzu langer Zeit hies es immer, man habe Mut, wenn man überhaupt nach Russland fährt. Nun fährt man nach Meinung des neuen Mainstream nur hin, wenn man keinen hat (?). Darf ein Sportler nur gegen andere Sportler aus politisch korrekten Staaten antreten (wollen) und handelt er sonst verwerflich?

Für welche Werte kämpfen solche Mitteleuropäer  und welche sie selbst besitzen und praktizieren sie. Toleranz? Wie steht es mit der Toleranz gegenüber Völkern oder Menschen mit anderen Einstellungen und Werten? Oder gehen wir noch weiter: Toleranz gegenüber Leuten, die z.B. (man verzeihe mir meine Unverfrorenheit) Anhänger von Putin und seiner Partei sind? Auch wenn die gegenüber dessen Gegnern nicht tolerant sind? Ist Toleranz nur Toleranz, wenn man gegenüber denen tolerant ist, die die eigene Meinung haben? Wenn das die Definition von Toleranz ist, waren auch die Nationalsozialisten tolerant.

Bürgerlich-liberale Toleranz verdienen in Deutschland nur oppositionelle Russen. Opposition gegen Putin, das ist gut, das weiß man aus jedem Bericht der ARD oder des Spiegel. Dass der radikalste Teil der Opposition (also der „beste“) sich zu einem  guten Teil aus Nationalisten und Kommunisten speist – die zu Leuten wie Hitler und Stalin gar kein so distanziertes Verhältnis haben – kehre man dabei besser unter den Teppich. Ein gemäßigter Oppositioneller ist kein richtiger und maximal ein halb-guter oder ein „feiger“. Sollte aus der Opposition einmal Regierung werden und sie dann nicht toleranter sein, als die aktuelle, ist sie dann immer noch gut oder wäre sie dann böse? Vielleicht sollten wir diese Frage einmal dem ARD-Studion Moskau stellen, wo man sich mit der Sortierung gut-böse so exzellent auskennt. Aus solchen Redaktionsstuben stammt schließlich das aktuelle Russlandbild.

Kommen wir zum „Zeichen“, das man mit einem Boykott setzt. Man setzt das Zeichen, dass man mit Leuten, die nicht die eigene Meinung haben, nicht mehr spricht, keinen gemeinsamen Sport mehr treibt und sie auch nicht mehr besucht. Ist das die erfolgreichere Taktik, Russlands Führung von einem anderen Umgang mit Oppositionellen zu überzeugen? Es gab einmal eine Zeit, an die sich vielleicht manche Ältere noch erinnern, da predigt eine große deutsche linke Volkspartei gegenüber einem undemokratischen Regime in direkter Nachbarschaft den „Wandel durch Annäherung“.  Die Linke folgte ihr und die Annährung kam, später ebenso der Wandel. Heute hat die gleiche Partei einen Mann zum Bundespräsidenten gemacht, der genau das Gegenteil praktiziert, obwohl er von diesem Wandel am meisten profitiert hat. Da hoffen wir doch, dass diese Partei damit einfach nicht gerechnet hat. Aber einen Widerspruch von ihr hört man nicht. Denn sonst muss sie wohl Angst haben, dass sie noch zum Fürsprecher der „bösen“ Russen abgestempelt wird. Wem kommt das bekannt vor? Wie lange dauert es, bis Leute mit anderer Meinung wieder zu hören bekommen: „Dann geh doch rüber“ – dieses Mal noch ein Stückchen weiter. Armes Deutschland.

Roland Bathon / russland.TV

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.