Kloppo verkloppt die Tataren – 2. Akt

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Kasan – Georgsband gegen Georgskreuz, Steppe gegen Insel, Jürgen Klopp gegen die Tataren. Upps, wir schweifen ab. Wir befinden uns natürlich nicht in einem Abenteuerroman von Jules Verne, sondern beim Europa League-Spiel Rubin Kasan vs. FC Liverpool. Rubin sollte diesmal drei wichtige Punkte einfahren, um den Anschluss an die ersten beiden Plätze in der Gruppe B nicht zu verlieren.

Ein Punkt, ein Tor – Liverpool ist nur mit der Nasenspitze vor Rubin. Jürgen Klopp dagegen sollte mit seinen „Reds“, der seit Beginn der neuen Saison trainiert, endlich einmal gewinnen. Seinem Vertrauensvorschuss konnte das frühere Bundesliga-Unikat bislang noch nicht so richtig gerecht werden. Laut dem englischen Boulevard sollten sich die Tataren warm anziehen, wenn der britische Sturm über die Steppe weht. Warm anziehen mussten sich jedoch erst einmal die Gäste, die Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt.

Die „Reds“ in Weiß, Rubin gewohnt in Rot. Verkehrte Welt.Verkehrte Welt auch schon im Sommer: Die Kasan Arena wurde vom WM-Stadion 2018 kurzerhand in ein riesiges Freibad für die Schwimm-WM umgebaut. Jetzt ist alles wieder beim Alten, es wird wieder Fußball gespielt. Prächtige Kulisse, 40.000 Zuschauer wollen die Partie in dieser Traumhütte sehen. Darunter auch eine stattliche Anzahl Engländer. Aber die sind ja schon immer gern verreist. Liegt vielleicht an der Insel.

Erster Eindruck: Fantastisches Stadion, beeindruckende Choreographie der Kasaner auf den Rängen. Die erste Vierelstunde vergeht mit gegenseitigem Abtasten. Ein Lattenknaller der Liverpooler war der erste Akzent für das, was noch folgen sollte. Klopp wirkt recht entspannt – eine Frohnatur eben. In der 20. Spielminute fährt ein Tatar Alberto Moreno in die Fersen. „Freekick“ entfährt es dem englischen Kommentator, aber jener war nichts. Eigentlich bezeichnend für den Rest des Spiels. Nach einer halben Stunde zeichnet sich ab, dass die „Reds“ dominieren. „Krasnyje“ lässt sich hinten einengen.

Englisches Powerplay und der britische Humor

Irgendwie gehen aber sämtliche Bemühungen der Engländer stets weit links am Tor der Russen vorbei. Manchmal klappt das auch recht vorbei, aber die Kasaner haben in Ryschikow ja auch einen kompatiblen Torhüter. Der auf der anderen Seite, Mignolet, kann es sich bei dem planlosen Herausgedresche ab und an schon mal erlauben, den letzten Mann an der Mittellinie zu geben. Mit der letzten Minute wäre, wieder auf der anderen Seite, fast noch ein Eigentor durch Cotugno gefallen. Der „legendary final ball“, weiß der Reporter aus dem Mutterland des Fußballs. Wir sahen keine langweilige, aber sehr einseitige und vor allem uneffektive erste Halbzeit – trotz aller Bemühungen.

Der goldene Silant, ein Mittelding aus Vogel und Drache, das Wahrzeichen Kasans, steht mittlerweile im strömenden Regen. So wird das nicht mit den nötigen Punkten. Valeri Tschali bringt vorsichtshalber Osdonjew für den glanzlosen Brasilianer Eduardo. Viel geändert hat sich in der zweiten Spielhälfte indes nichts. Die Engländer ziehen ihr Ding unverändert durch. Marino prüft derweil Ryschikow. In der 52. Minute kam was kommen musste – Liverpool führt mit 1:0. Zuckerpass von Millner auf den 19-Jährigen Nigerianer Jordan Ibe und der sauber flach an den linken Innenpfosten – unhaltbar für Ryschikow.

So wie die Kasaner Abwehr stand, hätte er sich alle Wege aussuchen können. Klopp freut’s, Rubin braucht sich nicht wundern. In der 55. Marino auf Millner – fast hätte es geklappt, Ryschikow klärt zur Ecke. Die Kommentatoren suhlen sich nun in ihrem britischen Humor ob der vergebenen Chancen. In der 58. Minute muss Ryschikow gleich wieder ran. Beide Parteien wechseln noch einmal, da zischt ein Papierflieger vor der Kamera entlang. Ja ja, die Briten und ihr seltsamer Humor.

Spätes Erwachen und der ganze Rest

In der 62. Minute erneut Ecke, Can, Ryschikow. Der Mann ist heute Gold wert. Fünf Minuten später wieder Ecke für Liverpool, Rubin fabriziert ein fürchterliches Gebolze. 2:19 Torschüsse wissen die Kommentatoren, das spricht deutliche Worte. Die Russen sehen sich einem englischen Powerplay gegenüber. Noch eine Viertelstunde zu spielen, langsam erwacht Rubin aus seiner Lethargie. Ein beherzter Schuss aus 30 Metern – schön anzusehen. Der Mut der Verzweiflung. Noch zehn Minuten, noch immer 0:1. Sollte das Team von Jürgen Klopp gar den ersten Sieg in der Runde nach Hause tragen? Noch fünf Minuten, jetzt spielt Rubin – allerdings zu spät. Die „Freekicks“ rücken nun immer näher an den englischen Strafraum heran.

Mittlerweile spielt Ryschikow an der Mittellinie. Liverpool wechselt noch ein mal, die haben jetzt Zeit. „Can is, so to say, ,kaputt’“, weiß der Reporter. Ja solch teutonische Phrasen lieben sie, die Engländer. Und nach über drei Minuten Nachspielzeit ist endgültig Schicht im Schacht oder wenn Sie so wollen, Ebbe in der Steppe. Die Tataren haben in Kloppo ihren Meister gefunden und der ist stolz wie Bolle. 1:0 gewonnen, für ihn war das immens wichtig. Somit dümpelt Rubin Kasan nun auf dem letzten Platz der Vierergruppe. Das wird verdammt eng werden, bei nurmehr zwei ausstehenden Spielen.

Besser hingegen verkauften sich die Kollegen vom FK Krasnodar. Die behaupteten durch Tore von Ari in der 33. Spielminute und einem von Joaozinho verwandelten Foulelfmeter in der 67. mit 2:1 gegen den Verfolger PAOK Saloniki und belegen nun mit sicherem Abstand hinter Borussia Dortmund den zweiten Platz in der Gruppe C. Die Teilnahme an der Zwischenrunde dürfte theoretisch gesichert sein. Und zu guter Letzt fuhr Lokomotive Moskau in der Gruppe B ein respektables 1:1 bei Besiktas Istanbul nach Hause. Der Senegalese Oumar Niasse konnte in der 76. Spielminute die Führung der Türken ausgleichen und bescherte durch sein Tor seinem Verein die Tabellenführung der Gruppe.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.