Kloppo kloppt sich mit den Tataren – 1. Akt

Foto: commons.wikimedia.org/Jürgen Jung CC BY-SA 2.0Foto: commons.wikimedia.org/Jürgen Jung CC BY-SA 2.0
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Liverpool – Sie erinnern sich? Es war vor etwa 800 Jahren, da waren die Steppenreiter aus der heutigen russischen Mitte gefürchtet. Bezwungen seinerzeit lediglich von der „Goldenen Horde“ des Dschingis Khan und später von Zar Iwan „dem Schrecklichen“. Dafür nahm sich das nomadisierende Turkvolk fast drei Jahrhunderte lang alles was es brauchte bei den Nachbarvölkern.

Anders die Engländer. Etwa 300 Jahre länger auf dem Laufsteg der Geschichte vertreten, blieben sie damals einfach dort, wo sie waren. Das mag sich, zugegeben, auf einer kleinen Insel in der Nordsee doch etwas einfacher gestalten, als in einer weiten zentralasiatischen Steppe. Da mussten zuerst noch ein paar wesentliche Erfindungen gemacht werden, bis Großbritannien im 17. Jahrhundert anfing in alle Teile der Welt zu expandieren.

Nein, Sie erinnern sich natürlich genauso wenig wie wir, außerdem schweifen wir ab. Denn: Es geht um Fußball. Genauer gesagt um die Gruppe B der aktuellen Europa League-Runde. Da traf es sich, dass sich der FC Liverpool und Rubin Kasan gegenüber standen. Das alleine hätte heutzutage keine allzu große Bedeutung in Deutschland mehr, hätte da nicht ein polarisierender Trainerwechsel die Runde gemacht. Jürgen Klopp, der Trainerkauz, der Kloppo eben, trainiert jetzt die „Reds“. Die Gazetten überschlagen sich, wir überschlagen mit.

Der getürkte Schlachtgesang

Das altehrwürdige Stadion an der Anfield Road, da erinnern wir uns schon noch gerne dran. „You“ll never walk alone“ wurde da erstmals beim Fußball gesungen. Ein lausiger Popsong, der erst durch die Liverpooler Fans in höhere Weihen getragen wurde. Heute wird das Lied vom Band eingespielt und der geneigte Fan darf gediegen mitschunkeln. Der englische Fußball wurde seiner Leidenschaft beraubt, wohingegen der Russische gerade dabei ist, da anzuknüpfen, wo es in den Stadien Europas allzu sehr ausuferte. Bis zur WM 2018 gilt es also für den russischen Fan noch ein paar Benimmregeln zu pauken.

Das Spiel, jo mei würde der Kaiser Franz jetzt sagen, das Spiel war im Grunde genommen, jo mei, lausig. Irgendwie schien es, als hätte diesen Kloppo-Hype niemand außer den Medien so wirklich wahrgenommen. Der Moderator am Fernsehgerät redet sich um Kopf und Kragen, um zumindest einen Hauch von diesem spektakulären Trainerwechsel aufrecht zu halten. „Eine episch lange Verletztenliste bei Klopp“, weiß unser Unterhalter zu konstatieren. Auch dass beide Mannschaften ein 4-4-2-1 System spielen. Und während alle noch über Systemen brüten, schnappt sich Oleg Kusmin den Ball an der Mittellinie, sieht Marko Devic und es steht 1:0 für Rubin.

Unser geschmeidiger Kommentator sieht eklatantes Abwehrverhalten und ein leichtes Auseinanderbröseln der Liverpooler Verteidigung. Wir sehen einfach nur ein fades Spiel. Die „Reds“ versuchen Klopps angekündigte „Vollgasvorstellung“ zu bieten, Rubin macht einen soliden Job. Englische Härte oder rüdes russisches Foul? In der 36. Minute ist plötzlich wieder Stimmung in der Bude. Kusmin, dummerweise schon mit Gelb vorbelastet, begeht ein simples taktisches Foul am Deutschtürken Can. Daraufhin fliegt der Turktartaren Rittmeister, also der Spielführer von Kasan, vom Platz und Rubin spielt fürderhin zu zehnt. Turkvölker unter sich.

Turken unter sich und der ganze Rest

Und eben jener Can gibt nun den Spielverderber. Mutterseelen alleine vor dem Torwart der Tataren kann er sich seine Ecke aussuchen. Er nahm die Linke. 1:1 der neue Spielstand. Dieses Tor ist insofern bemerkenswert, weil es das Erste für Jürgen Klopp außerhalb der Bundesliga in seiner Trainerkarriere war. Wir gratulieren aufrichtig Kloppo. Mittlerweile will uns unser Kommentator ein unterhaltsames Spiel verkaufen. Kann man auch anders sehen. Das Bemerkenswerteste in der zweiten Spielhälfte waren die Sprechchöre von den Rängen: „Klopp, Klopp, Kloppkloppklopp“. 49:5 Torschüsse wirken da auch eher wie Augenwischerei.

1:1 Unentschieden, das sei so etwas wie ein Standartresultat in dieser Europa-League, kann unser Conferencier noch drauf setzen. Wir dagegen wissen jetzt, dass der Himmel für Jürgen „Kloppo“ Klopp nach zwei Remis in seinem zweiten Spiel bei den Briten noch ganz schön hoch hängt. Aber vielleicht sollte unser Kommentator ja auch recht behalten. Lokomotive Moskau trennte sich ebenfalls 1:1 Unentschieden gegen Besiktas Istanbul durch Tore von Maicon (54.) und dem Ausgleich durch, ja genau dem, Mario Gomez in der 64. Spielminute. Der FK Krasnodar kam bei PAOK Saloniki nicht einmal über ein torloses 0:0 hinaus.

Tabellarisch bedeutet dies: In der Gruppe B ist noch alles offen. Der FC Sion setzt sich zwar mit sieben Punkten bereits deutlich ab, dahinter ist jedoch genug Luft nach oben. Rubin als Dritter ist noch am zweiten Tabellenplatz dran. In der Gruppe C gibt der FK Krasnodar mit drei Punkten Rückstand auf Dortmund einen soliden Zweiten und die Gruppe H führt souverän Lokomotive Moskau an, die mit bislang sieben Punkten, also zwei Punkten Vorsprung vor den Mitbewerbern, davon dampft. Wir melden uns wieder vom Schlachtgetümmel aus dem zentralasiatischem Kasan am 8. November. Ja Kloppo, wir haben dich doch trotzdem lieb…

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.