Klitschkos endgültiges K.o.

Foto: TV-Screenshot

[von Michael Barth] Eine Ära ist zu Ende. Wladimir Klitschko dürfte nach seinem gestrigen Kampf gegen den Engländer Anthony Joshua endgültig Geschichte sein. In der elften Runde hatte der Ringrichter ein Nachsehen mit dem Ukrainer und brach den Kampf nach einem Stakkato an Treffern ab.

Er hat schon seit längerem fast alles seiner einstigen Größe eingebüßt, der inzwischen 41-jährige Ukrainer Wladimir Klitschko, der in seiner Karriere sämtliche Gürtel gewonnen hat, die man nur gewinnen konnte. Von vielen wegen seines Boxstils geschasst, von den anderen wegen seiner Popularität geliebt. In seinem 69. Kampf hat er es allen noch einmal bewiesen, warum er dennoch zu den Größten Boxern der Geschichte gezählt werden muss. Als er 2015 nach seiner letzten Niederlage gegen Tyson Fury wie ein geprügelter Hund im Ring stand, dominierte bei den meisten die Schadenfreude auf den Abgesang einer Werbe-Ikone.

Beworben hat er schon viel. Von der Schokoschnitte bis zu dem übergeschnappten ukrainischen Präsidenten Poroschenko, der gerade ihre beider Ukraine ruiniert. Nun konnte er noch einmal Werbung für sich selbst machen. 90.000 Zuschauer erlebten bei der Open-Air-Veranstaltung im Londoner Wembley-Stadion eine Gala zweier sich ebenbürtiger Boxer – einen Kampf, bei dem man nur mit der Zunge schnalzen konnte. Und einen Kampf der Superlative: Es war mit die größte Box-Kulisse der Nachkriegszeit, es wurden für 30 Millionen Euro die meisten Pay-per-View-Einschaltquoten in England verkauft und es war einer der höchstklassigen Box-Fights auf der Insel.

Man kann Wladimir Klitschko nachsagen, dass er nach seiner letzten Niederlage nicht wusste, wann es Zeit ist aufzuhören. Selbst bei den Buchmachern stand die Quote gegen ihn. Für ihn selbst jedoch schien es eine Art Comeback werden zu sollen. Ungewohnt wendig eröffnete der Ukrainer, der sich sonst immer alle seine Gegner mit seinen langen Armen vom Leib hielt, den Kampf um den Schwergewichtstitel. Vielleicht auch etwas zu wendig für einen 41-Jährigen, denn Anthony Joshua mit seinen jungen 27 Jahren ließ sich auf sein Spiel ein und gab ihm Konter. In der fünften Runde geht Klitschko das erste Mal zu Boden, blutet über dem Auge. Den Ringrichter lässt er nicht auszählen, sondern geht zum Angriff über. Joschua taumelt kurz vor dem K.o. stehend durch den Ring.

Volles Haus, volle Action

Das Publikum kommt schon jetzt voll auf seine Kosten. In der nächsten Runde geht der Engländer zu Boden und muss sich anzählen lassen. Der Aufschlag des Handschuhs dürfte noch im Oberrang zu hören gewesen sein. Die siebte Runde lassen beide Kontrahenten etwas geruhsamer angehen. Für Anthony Jushua ist es das erste Mal in seiner Karriere, dass er danach in die Achte muss. Bisher war für ihn immer hier schon Schluss und der Gegner besiegt. Die geht wieder deutlich an den Ukrainer. Es beginnt das alte Spiel des Distanzhaltens. Beide gehen nun deutlich langsamer zu Werke, der Kampf kostet Kraft. Inzwischen ist es ein Kampf auf Augenhöhe, das Publikum honoriert es, obwohl die wenigsten Anwesenden ausgewiesene Klitschko-Fans sind. Das altehrwürdige Wembley gleicht längst einem Hexenkessel.

Was kann man da noch draufsetzen? Zum Beispiel, wenn man wie Jushua in der elften Runde wie vom Katapult gelassen auf seinen Gegner losstürmt, auf ihn eindrischt als gäbe es kein Morgen mehr und eine Boxlegende aussehen lässt wie einen nassen Sandsack. Zwei Chancen gab der Ringrichter Klitschko noch und zählte ihn an. Beim dritten Mal blieb ihm nichts anderes mehr übrig, als den Kampf endgültig abzubrechen. Damit setzte er den vermeintlich endgültigen Endpunkt der Ära Klitschko. Die Ringsprecher-Legende Michael Buffer verkündete um exakt 23:53 Mitteleuropäischer Zeit das amtliche Urteil: Neuer und alter Weltmeister im Schwergewichtsboxen ist Anthony Jushua!

Nun sollte Wladimir Klitschko endgültig an einen Abgang vom aktiven Boxgeschen denken und sich und seiner schwindenden Fangemeinde eingestehen, dass seine Zeit vorüber ist. Artig bedankte er sich sichtlich gezeichnet bei seinem Publikum. „Ihr wart großartig, ich liebe euch“, waren seine vielleicht letzten Worte aus dem Ring. Seinem Gegner konnte er anschließend nur noch Respekt zollen. Die Engländer begleiteten ihn auf seinem letzten Weg von der Boxbühne mit Standing Ovations. Ja, die hat er sich verdient, Wladimir Klitschko, der einst ganz Große, zelebrierte einen würdigen Abgang seiner selbst nach einem epischen Kampf. Panem et circenses – Brot und Spiele.

Wie es nun mit dem deklassierten Idol weitergeht, weiß er selbst noch nicht. „Geben Sie mir ein paar Tage oder Wochen Zeit“, bat sich der Verlierer gegenüber den Medien aus. Er möchte den Kampf erst in aller Ruhe analysieren, wiegelte er ab. Es ist ungewiss, ob sich Klitschko nun einfach so zur Ruhe setzen kann oder ob ihm nicht noch laufende Verträge einen Strich durch die Rechnung machen. Vertraglich ist er an einen Rückkampf gebunden und auch beim Fernsehsender RTL steht er noch für drei Kämpfe in der Pflicht. „Wenn er einen Rückkampf will, bin ich definitiv bereit dafür“, sagte Joshua anschließend. Ob sich Wladimir, der endgültig Entthronte, Klitschko darauf einlassen sollte, sei dahingestellt. Eigentlich kann er nur noch mehr verlieren als eben nur einen Boxkampf.

[Michael Barth/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.