Klimawandel – welche Auswirkungen erwartet Russlands Wirtschaft? [mit Video]

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Nach Meinung von „Republic“ kann die globale Klimaerwärmung sich positiv auf das Bruttoinlandsprodukt Russlands auswirken. Die Veränderungen müssten nur richtig genutzt werden.

Die meisten Gelehrten sind sich einig: Fast alle Wirtschaftsbranchen hängen von den klimatischen Bedingungen ab. Landwirtschaft, Energetik, Verkehr und Bauwesen reagieren empfindlich auf Temperaturanstieg und andere Erscheinungen, die den globalen Klimawandel begleiten. Wissenschaftler aus Stanford und von der Universität von Kalifornien, Berkeley, haben durch statistische Analysen herausgefunden, wie sich bis 2100 das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Länder der Welt unter Berücksichtigung der Temperaturerhöhung ändern wird.

Auf die Weltwirtschaft könnte eine Umverteilung der Reichtümer zukommen. Das Nachsehen hätten die USA, Mittel- und Südeuropa, Lateinamerika und Afrika; Gewinner wären hingegen Kanada, Nordeuropa und Russland. So würde die globale Erwärmung dem russischen BIP pro Person ein Wachstum von 419 Prozent bescheren, den USA dagegen einen Rückgang von 36 Prozent. Kann Russland diese Situation nutzen?

Zwischen zwei und fünf

Die globale Klimaveränderung verspürt die Menschheit bereits heute. 2016 war das wärmste Jahr auf dem Planeten in der gesamten Geschichte der Wetterbeobachtung. Die mittlere Temperatur war fast um ein Grad höher als in der Mitte des 20. Jahrhunderts. In Russland war der Winter 2015/2016 rekordwarm, und in diesem Jahr wurde im europäischen Teil des Landes ein anomal warmer März fixiert.

In der Regel bringen Wissenschaftler diese Veränderungen mit der Tätigkeit des Menschen in Zusammenhang. Die Nutzung von fossilen Brennstoffen als Energiequelle führt zu einer erhöhten Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre. 2015 brach die Konzentration von Kohlendioxid alle Rekorde – 400 Milliliter auf einen Kubikmeter statt 350, die als Norm gelten. Die Treibhausgase hüllen die Erde ein und hindern die Sonnerwärme daran, sich zu zerstreuen. Je mehr Treibhausgase es gibt, desto stärker heizt sich die Atmosphäre auf.

Wie stark sich das Klima ändern wird, ist noch unklar. Es gibt fünf Hauptszenarien, erklärt der Alexander Kislow, Leiter des Lehrstuhls für Meteorologie und Klimakunde an der Geographie-Fakultät der Moskauer Universität. Doch selbst die konservativsten unter ihnen sehen eine Temperaturerhöhung von 1,5 Grad bis Ende des Jahrhunderts vor, während die radikalsten von fünf bis sechs Grad ausgehen. Im Pariser Abkommen von 2015, das fast alle Länder der Erde unterschrieben haben (Russland ebenfalls, aber bisher ohne Ratifizierung), ist die Rede davon, dass die Unterzeichneten alle Anstrengungen unternehmen werden, um den Anstieg der mittleren Temperatur auf zwei Grad bis 2100 einzuschränken. Aber diese Pläne sind bisher nicht umzusetzen, meint Kislow: „Dafür müssen unverzüglich Maßnahmen ergriffen werden. Zum Beispiel müssten alle zusammen zu alternativen Energiequellen übergehen. Dazu ist aber keiner bereit.“ Der Wissenschaftler hält das Szenario mit einem Temperaturanstieg um vier Grad am realistischsten.

Die Folgen der Klimaveränderung haben für Russland positive und negative Folgen zugleich. Die südlichen Regionen – das Schwarzerde-Gebiet, Kuban, der Nordkaukasus – bekommen es mit Dürreperioden zu tun, dort könnte es zu Wassermangel kommen. Die Nordregionen müssen sich auf das Auftauen des Permafrostbodens gefasst machen – das kann zum Einsturz von Häusern und anderen Bauten führen und Pipelines gefährden. Der Zerstörungsprozess hat schon eingesetzt – aktuell kommt es im Norden zu mehreren Häusereinstürzen im Jahr. Dieser Effekt wird im Laufe der kommenden Jahrzehnte zunehmen, sagt Igor Makarow, Dozent an der Fakultät für Weltwirtschaft und -politik der Wirtschaftshochschule.

Moskau wird sich an heiße Sommer gewöhnen müssen, meint Wladimir Klimenko, Leiter des Labors für globale Energieprobleme am Moskauer Wirtschaftsinstitut: Bis 2050 werde sich die Zahl der Tage mit Temperaturen von über 30 Grad um das Dreifache erhöhen. Heute sind es nur sechs bis acht Tage im Jahr. So wird sich Moskau den Klimabedingungen von Wolgograd oder Belgorod annähern. Damit hört die Ähnlichkeit aber auch schon wieder auf: Kislow ergänzt, dass die Klimaveränderung unweigerlich zur Erhöhung der Niederschläge führen wird. Gewitter und Regengüsse werden es erlauben, Moskau mit den Schwarzmeerregionen zu vergleichen.

Der kurze Weg nach China

Einer der größten Vorteile der globalen Erwärmung für Russland ist die wachsende Bedeutung der Nordmeer-Route. Geografisch ist dies der kürzeste Weg zwischen dem europäischen Teil des Landes und dem Fernen Osten. In Perspektive könnte die Nordost-Passage eine Alternative zum Suez-Kanal und der Landroute zwischen Europa und Südostasien werden, meint Jewgeni Plissezki, stellvertretender Direktor des Instituts für Regionalstudien und Stadtplanung an der Wirtschaftshochschule. Von Murmansk kommt man über die Nordmeer-Route innerhalb von 21 Tagen ins chinesische Ningbo – durch den Suez-Kanal sind es 36 Tage. Im Durchschnitt wird der Weg von Europa nach China oder Japan um 20 bis 40 Prozent kürzer. Dabei wurden 2016 über die Nordmeer-Route nur sechs Millionen Tonnen Waren befördert, durch den Suez-Kanal sind es jährlich 900 Millionen.

Es gibt zwei Probleme: die schwierigen Wetterbedingungen und die mangelnde Infrastruktur. Heute wird die Nordost-Passage von Dezember bis Juni nicht genutzt, weil das Eis dies nicht zulässt. Aber das wird sich ändern: 2010 wurde erstmals eine Exportfahrt von Murmansk nach Schanghai unternommen, für die kein Eisbrecher nötig war. Sergej Donskoi, Minister für Naturressourcen, nimmt an, dass bis 2050 das Eis in den Meeren der Arktis im Sommer völlig verschwinden wird. Sergej Frank, Leiter der Schifffahrtsgesellschaft Sowkomflot, einer der größten in Russland, erklärte 2016 beim Petersburger Weltwirtschaftsforum, dass die Transportmöglichkeiten auf dieser Route Tag für Tag wachsen. Er sagte voraus, dass 2017 alle historischen Rekorde des Güterverkehrs auf diesem Weg gebrochen werden; bis 2020 würde der Transport verdreifacht. Nornikel, einer der größten potentiellen Nutzer der Nordmeer-Route, sagte gegenüber „Republic“, das Unternehmen plane für 2017 ein Wachstum des Güterverkehrs um elf Prozent im Vergleich zu 2015 (jährlich transportiert die Firma etwa 1,2 Millionen Tonnen).

Solch eine Zunahme an Transporten erfordert Großinvestitionen in die Infrastruktur. Die Ausgaben allein für die wichtigsten Projekte im Rahmen des entsprechenden Staatsprogramms werden auf 114,5 Milliarden Rubel geschätzt. Der Plan sieht vor, dass die Hälfte dieser Summe von ausländischen Investoren angelegt wird. Im Auftrag des Ministeriums für die Entwicklung des Ostens durchgeführte gemeinsame Untersuchungen des Analytischen Zentrums der russischen Regierung und von McKinsey zeigen, dass die Einrichtung einer Container-Zubringerlinie zwischen den beiden Umschlagshäfen Petropawlowsk-Kamtschatski und Murmansk am effektivsten wäre.

Auch China ist bereit, in die Nordmeer-Route zu investieren. Seit 2013 ist dieses Land ständiges beobachtendes Mitglied im Arktischen Rat. Peking hat die Absicht erklärt, sich eine Eisbrecherflotte zuzulegen. 2015 gab das chinesische Unternehmen COSCO, einer der größten Akteure auf dem Gebiet der Seetransporte, seine Pläne bekannt, reguläre Routen über die Nordost-Passage einzurichten.

Aber der größte Teil der Pläne ist bisher nicht umgesetzt worden. „Die Infrastruktur ist veraltet, sie wird sehr langsam erneuert oder erst geschaffen. Es muss so viel getan werden, dass schnelle Dividenden völlig unrealistisch sind“, fährt Plissezki fort. Ein Problem bleibt auch weiterhin, dass die Geschäftswelt nicht glaubt, dass sich die globalen Klimaveränderungen auf die Arktis auswirken könnten. Sergej Balmassow, Leiter des russisch-norwegischen Projekts Northern Sea Route, erklärte gegenüber „Republic“, die Zunahme der Gütertransporte auf der Nordmeer-Route gehe auf die steigenden Verlademengen an den Öl- und Gasvorkommen zurück. Der Prozess der Eisschmelze sei zyklisch: Rekordhohe Abtauflächen wechselten mit Kälteeinbrüchen, sodass die Akteure am Markt nicht das Gefühl bekämen, es sei notwendig, sich auf eine Erwärmung einzustellen. „Die Geschäftswelt bereitet sich auf schwere Navigationsperioden vor. Die Schiffe werden mit hoher Eisklasse gebaut, es läuft der Bau von Eisbrechern. Wäre es offensichtlich, dass das Eis auftaut, würde die Planung der Arbeit ganz anders aussehen“, meint Balmassow.

Vor wenigen Tagen hat das Wirtschaftsministerium der Regierung ein Projekt zur Entwicklung der Arktis bis 2025 vorgelegt. Dort wird die Schaffung von Stützzonen mit entwickelter Infrastruktur vorgeschlagen, die unter anderem helfen würden, die Nordmeer-Route zu entwickeln. Das Projekt beläuft sich auf 210 Milliarden Rubel.

Mehr Weizen

Der Klimawandel wirkt sich auch auf den Umfang der Wasserressourcen aus. Viele Länder werden mit Wassermangel konfrontiert werden, aber hier ist Russland eine Ausnahme. Seit Beginn der Erwärmung in den 1970er Jahren nehmen die Wasserreserven im Lande stetig zu. „Nach unseren Prognosen wird mit den Wasserressourcen im Land alles gut sein, vor allem wegen des Wassers in Sibirien. Uns droht kein Wasserhunger“, sagt Wladimir Georgijewski, Direktor des Staatlichen hydrologischen Instituts. Von einer günstigen Situation kann man natürlich nur im Landesdurchschnitt sprechen, einige Regionen werden ein Defizit verspüren: Zum Beispiel wird am Don bereits heute empfohlen, keine Produktionen aufzubauen, die viel Wasser erfordern. Aber in den meisten Regionen wird es keine Probleme dieser Art geben.

Besonders günstige Bedingungen schafft dies für die Landwirtschaft. Die Erwärmung erweitert die Zonen, in denen Ackerbau betrieben werden kann. Die Bauern verspüren bereits seit 20 Jahren den positiven Einfluss der globalen Klimaveränderungen, sagt Andrej Sisow, Geschäftsleiter des Analysezentrums SowEkon. Die milderen Winter und – als Folge – weniger erfrorene Wintersaat führen zu höheren Ernteerträgen.

„In den 1990er Jahren überstieg die Anbaufläche von Sommerweizen die von Winterweizen um 75 Prozent“, so Sisow. „2016 war die Anbaufläche von Winterweizen erstmals größer als die von Sommerweizen. Bisher unbedeutend, aber der Trend ist da.“ Der Anbau von Winterweizen sei sehr viel günstiger, im Schnitt ergebe er drei, vier Tonnen Ertrag, Sommerweizen nur halb so viel. Im Ganzen sei in den letzten Jahrzehnten der Anbau von wärmebedürftigen Kulturen wie zum Beispiel Mais bedeutend gestiegen, sagt Sisow.

Die Wissenschaftler merken aber an, dass die weitere Anpassung an die neuen Bedingungen nicht ganz so einfach sein wird. Es wird eine grundlegende Transformation der gesamten Landwirtschaft vonnöten sein, die die Bauern nicht ohne zentralisierte Unterstützung durch den Staat durchführen können, zeigt sich Igor Markow von der Wirtschaftshochschule überzeugt. Es werden Untersuchungen benötigt, die helfen zu verstehen, welche Kulturen für die russischen Regionen geeignet sind und wie sie gepflegt werden müssen. Aber bisher gibt es kein einziges staatliches Programm für solche Untersuchungen. Der Kampf gegen Schädlinge erfordert eigenständige Arbeiten. Mit der Klimaveränderung ist die Migration der Fauna zu erwarten, was dazu führen kann, dass Insekten und Nager auftauchen, die es in den betreffenden Regionen bisher nicht gab.

Der wachsende Wert von Wasserreserven könnte sich auch auf die Migration von Menschen auswirken. Wie Wladimir Georgijewski anmerkt, könnte der Wassermangel in Mittelasien eine sehr angespannte Lage hervorrufen: „Der Aralsee ist bereits ausgetrocknet, die Menschen können dort keine Landwirtschaft betreiben. Natürlich werden sie umziehen.“ Markow nimmt an, dass es unter den Einwanderern nach Russland bereits Menschen gibt, die mit Wassermangel konfrontiert waren. Bisher wurde das jedoch nicht erforscht.

Olga Gulina, Direktorin des Instituts für Migrationspolitik, ist der Ansicht, dies sei trotzdem eine ferne Perspektive. Außerdem wäre es zur Umsetzung eines solchen Szenarios notwendig, dass Russland nicht nur durch seine Wasserreserven Attraktivität ausübe, sondern auch vom wirtschaftlichen Standpunkt aus. Andernfalls könnten sich Einwanderer anderen Ländern zuwenden. Für Russland wäre der Zustrom von Migranten allerdings von Vorteil. Bereits 2030 würde auf zwei Erwerbstätige ein Rentner kommen – eine kritische Zahl. Es würden neue Arbeitskräfte gebraucht, so Gulina.

Ein Leben an der Sonne

„Es ist schwer, eine Branche zu finden, die nicht vom Klima abhängt. Im Laufe unserer Untersuchungen überzeugen wir uns ständig von Neuem davon“, sagt Wladimir Katzow, Direktor des Geophysischen Wojejkow-Hauptobservatoriums. Seit 2016 arbeitet das Observatorium an der Bewertung des Einflusses des Klimas auf verschiedene Sektoren der russischen Wirtschaft bis Ende des 21. Jahrhunderts; finanziert werden die Forschungen von der Russischen Akademie der Wissenschaften. Dafür werden eigene Entwicklungen genutzt, nämlich ein physikalisch-mathematisches Modell des Regionalklimas. Damit werden massenhafte Gesamtberechnungen durchgeführt, mit deren Hilfe ein Szenario auf verschiedene Weisen durchgespielt wird. Die ersten Ergebnisse werden 2018 erwartet.

Laut Katzow sind solche genauen Untersuchungen zu verschiedenen Sektoren nach wie vor eine Seltenheit – trotz des offensichtlichen Einflusses der Klimaveränderungen auf die Wirtschaft. Dies kann große Probleme bei der Anpassung der Wirtschaft hervorrufen. Als Beispiel dient ihm der Verkehr. Im Zusammenhang mit der Erwärmung kann Glatteis zu einem Problem werden – es bildet sich dort, wo es früher nicht war. Auf den Verkehr wirkt sich auch das Auftauen des Permafrostbodens aus, was zu Bodeneinbrüchen führt. Neue Risiken tauchen im Forstwesen auf – schon jetzt sei es an der Zeit, sich einen Schutz vor neuen Arten von Schädlingen auszudenken.

Auch das Leben des Menschen selbst könnte sich wesentlich verändern; er sollte sich nicht nur auf höhere Temperaturen einstellen, sondern auch auf sich häufende Naturkatastrophen. Möglich ist die Verbreitung neuer Krankheiten. So könnte die Ruhr zum Beispiel in Regionen zum Normalfall werden, wo sie früher als exotische Krankheit galt. Ein weiteres Risiko ist der Rückgang der Arbeitseffektivität. Sollte sich die Moskauer Sommerhitze von 2010 jedes Jahr wiederholen (solch ein Risiko besteht), wird die Arbeit im Sommer unerträglich.

Dabei ist Katzow der Ansicht, dass die Anpassung an die Klimaveränderungen auf Alltagsebene schon begonnen hat. So steigen die Verkäufe von Klimaanlagen in Russland stetig. Jetzt fehlen noch die Anpassungsmaßnahmen auf staatlichem Niveau. Von ihnen wird auch die wirtschaftliche Lage des Landes am Ende des Jahrhunderts abhängen. Die Besonderheit der globalen Klimaveränderungen liege darin, dass die Welt mit ihren negativen Folgen konfrontiert werden wird, unabhängig davon, ob sie dazu bereit ist. Damit auch positive Folgen eintreten, bräuchte es schon heute gewaltige Investitionen, schließt Igor Makarow von der Wirtschaftshochschule.