Kirgisistan. Eindrücke aus Zentralasien

Dr. Christian WipperfürthDr. Christian Wipperfürth
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Kirgisistan* hat überrascht. Ich habe mich mit dem Land zwar unter politischem Aspekt beschäftigt, z.B. mit den gewaltsamen Umbrüchen von 2005 und 2010 oder den russisch-amerikanischen Rangeleien um Einfluss. Ich war auch nicht zum ersten Mal in der Region, sondern habe mich zweimal in Kasachstan aufgehalten.

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Ein persönlicher Eindruck vermittelt durch die Wirkung, die das Land und seine Bewohner ausüben, aber weitere und andere Facetten. Hiermit möchte ich Sie bekannt machen. In einem zweiten Beitrag, der in Kürze folgen wird, werden touristische Eindrücke und schöne Bilder folgen, die Sie vielleicht interessieren.

(Meine widersprüchlichen Eindrücke aus Russland finden Sie unter http://www.cwipperfuerth.de/2015/09/russland-widerspruechliche-eindruecke/)

  1. Das Äußere der Menschen in Kirgisistan wirkt durch die häufig mongolisch anmutenden Gesichtszüge sehr fremd. Andererseits hatte ich in der Hauptstadt Bischkek eher den Eindruck, mich in einer zwar armen, aber doch russischen Stadt zu befinden. Zum einen aufgrund ihres Erscheinungsbilds: Die Kirgisen waren, anders als etwa die benachbarten Usbeken, bis vor wenigen Generationen Nomaden. Sämtliche Städte des Landes sind somit russische bzw. sowjetische Gründungen, die zwischen der Mitte des 19. und 20. Jahrhunderts erfolgten. Überraschender für mich aber war: Keine einzige Frau in diesem muslimischen Land war verschleiert, und die zahlreichen Frauen mit Kopftüchern (vor allem auf dem Lande), trugen sie offensichtlich nicht, um einer religiösen Botschaft Ausdruck zu verleihen, sondern weil es aufgrund der starken Sonneneinstrahlung zweckmäßig, wenn nicht geboten war. Auch die meisten Männer bedienten sich aus diesem Grund einer Kopfbedeckung.
    Bischkek, eine Stadt in der Mitte Asiens wirkte deutlich europäischer auf mich als Istanbul, wo meine Tochter und ich uns auf der Rückreise dreieinhalb Tage aufhielten: In Bischkek gingen Paare gemeinsam durch die Stadt oder Parks, während dies in Istanbul eine seltene Ausnahme war. In Bischkek gab es Männer, die sich sichtbar um ihre Kinder kümmerten. Das habe ich in Istanbul nirgends gesehen. Es gab vereinzelt durchaus junge Türkinnen, die nabelfrei trugen, jedoch etwa zehnmal so viele vollverschleierte Frauen.
  1. Kirgisistan gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Es steht beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf an 148. Stelle von 186 Ländern, zwischen Pakistan und Kamerun. So wirkt das Land jedoch nicht. Es gibt keine Elendssiedlungen, keine zerlumpten Obdachlosen, keine Bettler. Die Erklärung dieses Phänomens: In Kirgisistan, wie wohl auch den anderen Ländern Zentralasiens funktionieren die Großfamilien. Sie bieten Halt bei Krankheit und Alter – der Staat ist hierzu nicht in der Lage. Und die Sippe fordert hierfür natürlich Loyalität und Einordnung, anders könnte das System nicht funktionieren. Nicht die Interessen des Individuums stehen im Vordergrund, sondern diejenigen der Großfamilie. Das heißt auch: Der Einzelne kann sich auf die Sippe verlassen. Und sie sich auf ihn, z.B. wenn er Karriere machen sollte, dann kümmert er sich um die Seinen. Was uns also als „Vetternwirtschaft“ erscheint ist unentbehrlich, um das gesamte System funktionstüchtig zu halten.
  2. Ich habe im Grunde erwartet, wiederholt nachdrücklich auf die Präsenz des übermächtigen Nachbarn China gestoßen zu werden. Beispielsweise durch Werbetafeln für chinesische Produkte, eine starke Präsenz chinesischer Automarken, Chinesen im Straßenbild oder etwa chinesische Sprachschulen. All dies fehlt.

Der große östliche Nachbar wird respektiert oder bewundert, geliebt aber wird er ganz und gar nicht. Hierfür gibt es drei Ursachen: Die Kirgisen haben zum ersten ein positives Bild der Sowjetunion und sind auch aus diesem Grunde ausgesprochen pro-russisch.

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Zum zweiten definieren sich die Kirgisen geradezu durch ihre Abgrenzung gegenüber China: Manas, der wichtigste kirgisische Volksheld verteidigte die Unabhängigkeit der Kirgisen gegen die Uiguren – die zwar keine Chinesen sind, aber seit Jahrhunderten zum chinesischen Staatsverband gehören.

Zum dritten hat gleichwohl ein großer Teil Kirgisistans vor der Eroberung durch das Zarenreich zu China gehört. Vergleichen wir die Karte des gegenwärtigen Zentralasien (s.o.) mit der nun folgenden Karte:

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Das Südufer des langgestreckten Balchaschsees gehörte einmal zu China, liegt jetzt jedoch einige hundert Kilometer innerhalb Kasachstans. Und der kirgisische Issyk-Kul, der sich einige hundert Kilometer direkt unterhalb des Balchaschsees befindet, lag vollständig innerhalb Chinas. Beim Vergleich der beiden Karten wird deutlich, dass sogar etwa drei Viertel des heutigen Kirgisistans zu China gehörten. China wird gefürchtet, weil zum einen mit seiner Herrschaft in früheren Zeiten kein zivilisatorischer Fortschritt verbunden war – anders als mit der russischen bzw. Sowjetherrschaft. Und zum anderen, weil es seit einigen Jahren geradezu übermächtig ist. Russland wird somit weithin als Garant der Unabhängigkeit Kirgisistans betrachtet.

 

*Es gibt drei gebräuchliche Namen des Landes: Kirgisien, Kirgistan und Kirgisistan. Der letztgenannte ist die offizielle deutsche Bezeichnung.

 

Quellenangaben:

Graphik 1: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/de/6/6b/Zentralasien_politisch_2010.jpg; https://en.wikipedia.org/wiki/de:Creative_Commons; https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/; Autor: Sae 1962

Graphik 2: Tabelle selbst angefertigt nach: http://www.gallup.com/poll/166538/former-soviet-countries-harm-breakup.aspx

Graphik 3: https://en.wikipedia.org/wiki/de:Creative_Commons; https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de; Pryaltonian