Kiew: Prominenter Journalist mit Autobombe umgebracht

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Pawel Scheremet, als unbequemer Journalist im russischen Sprachraum weithin bekannt, ist in Kiew ermordet worden. In seinem Auto explodierte ein Sprengsatz. Prompt gibt es Schuldzuweisungen zwischen Russland und der Ukraine.

Der 44 Jahre alte Scheremet war am Morgen gegen 7.45 Uhr allein auf dem Weg zur Arbeit, als mitten im Kiewer Stadtzentrum ein Sprengsatz in oder unter seinem Auto detonierte. Der Subaru gehörte seiner Lebensgefährtin, der Inhaberin und Chefredakteurin des ukrainischen Internet-Mediums „Ukrainskaja Prawda“, Aljona Pritula. Scheremet moderierte werktags eine Sendung beim Radiosender „Westi“, war aber auch bei der Ukrainskaja Prawda tätig. Scheremet war russischer Staatsbürger, lebte und arbeitete aber seit etwa fünf Jahren vorrangig in der Ukraine.

Starke Bombe unterm Fahrersitz

Der Journalist starb noch am Ort des Anschlags. Nach Behördenangaben muss der Sprengsatz der Stärke von 400 bis 600 Gramm TNT unter oder in der Nähe des Fahrersitzes deponiert gewesen sein. Die Zündung erfolgte vermutlich über Zeitzünder oder Fernsteuerung. Nach Aussagen von Freunden hatten sich Scheremet und Pritula in jüngster Zeit darüber beklagt, dass sie beschattet würden. Der ukrainische Präsident Poroschenko ordnete nach dem Bombenanschlag die Bewachung von Pritula an. Auch sollen an den Ermittlungen Spezialisten aus den USA und der EU beteiligt werden.

Untragbar für Lukaschenko und auch Putin

Scheremet stammte aus Weißrussland, wo er auch seine journalistische Laufbahn begann. Allerdings geriet er schnell in Konflikt mit dem Regime von Präsident Alexander Lukaschenko. 1997 wurde er, damals Korrespondent des russischen TV-Senders ORT, zu zwei Jahren Haft verurteilt, wovon er drei Monate absaß. Danach wurde Scheremet zu einem der bekanntesten Fernsehjournalisten in Russland. Vorrangig arbeitete er für den „1. Kanal“ als Chefredakteur und Magazin-Moderator. Mit Beginn der Putin-Ära verließ der als gründlich, ehrlich und objektiv bekannte Journalist jedoch den Nachrichtensektor und kümmerte sich um TV-Dokumentationen und Sonderprojekte.

2008 schied Scheremet beim 1. Kanal aus, es folgte ein Intermezzo als Politik-Redakteur bei der Zeitschrift Ogonjok. Weißrussland entzog ihm 2010 die Staatsbürgerschaft – mit Verweis darauf, dass Scheremet russischer Staatsbürger geworden sei. In den folgenden Jahren bis 2014 moderierte Scheremet noch Sendungen im russischen Fernsehen, etwa für REN TV und den öffentlich-rechtlichen Kanal OTR.

Zweite journalistische Emigration in die Ukraine

Dann wechselte er endgültig in die Ukraine, wo er sich auch stark in der Aus- und Fortbildung von Journalisten engagierte. Von Kiew aus kritisierte er sowohl die inneren Verhältnisse in der Ukraine, aber auch immer wieder die Aktivitäten des Kremls in der Ostukraine und die Vereinnahmung der Krim. Mit dem 2015 ermordeten russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow soll Scheremet gut befreundet gewesen sein.

In Russland wie in der Ukraine gehen Politiker und Medienleute einhellig davon aus, dass das Mordmotiv mit Scheremets journalistischer Tätigkeit verbunden ist. Berater des ukrainischen Innenministers sprachen von einer möglichen russischen Spur: Diese könne man „in einer Situation, in der gegen uns ein Hybridkrieg geführt wird und unter Berücksichtigung, wie professionell dieser blutige Mord erfolgte“ nicht ausschließen, so Sorjan Schkirjak.

Auch sein Kollege Anton Geraschtschenko mutmaßte über eine mögliche Urheberschaft russischer Geheimdienste. Der Mord könne darauf zielen, „eine Atmosphäre der allgemeinen Verdächtigungen zu schaffen und auf diese Weise die Ukraine von innen noch weiter zu destabilisieren“, sagte er in einem TV-Interview.

Moskau hält nichts von „russischer Spur“

Maria Sacharowa, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, bezeichnete Scheremet als einen „Profi, der sich nicht gescheut hat, der Staatsmacht zu sagen, was er über sie denkt“ – und meinte die Führungen verschiedener Länder zu verschiedenen Zeiten. Die heutige Ukraine würde sich „in ein Massengrab für Journalisten und Journalistinnen“ verwandeln, sagte Sacharowa und verwies auf mehrere Morde an ukrainischen Pressevertretern in den letzten zwei Jahren.

Ein Kommentator der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Ria Nowosti vermutet das Mordmotiv weder in der Moskau-feindlichen Haltung Scheremets noch in seiner zunehmenden Kritik an der Führungsschicht in der Ukraine: Nationalisten und die „Kriegspartei“ in Kiew, der nicht an einer Umsetzung des Minsker Friedensplans und einer Verständigung mit den Separatisten gelegen ist, könnten auf diese Weise versuchen, eine Destabilisierung bis hin zur Verhängung des Kriegsrechts und der Einführung einer Diktatur zu erreichen.

Pawel Scheremet soll auf Wunsch seiner Mutter in seiner Heimatstadt Minsk beerdigt werden.

[ld/russland.NEWS]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.