Kai Ehlers in Russland – Was kommt nach Putin?

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Kai Ehlers berichtet über seinen kürzlich in Russland verbrachten Aufenthalt. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Frederike von Dall `Armi bereiste er verschiedene Orte in Russland immer mit der Frage ‚Was kommt nach Putin? ‘.

Es ging um  die gegenwärtig sich in Russland entwickelnden oppositionellen Proteste zum Einen, um Impressionen aus dem kulturellen und sozialen Alltagsleben in der ‚Provinz‘, genauer in der Tschuwaschischen Republik an der Wolga zum Zweiten – zusammengefasst, wenn man so will, zu der sachlichen Frage, was in nächster Zeit – und schließlich überhaupt – von Russland zu erwarten ist und wie die Beziehungen zu Russland gestärkt werden können.

Entsprechend ‚privat‘ und doch zugleich politisch muss dieser Bericht ausfallen.

Ich hielt mich zunächst allein in St. Petersburg zu einer Redaktionskonferenz von www.russlands.news (früher www.russlands.ru) auf, danach in Moskau, danach in Tarussa, einer Kleinstadt Russlands im Süden Moskaus, dem Standtort von russland.ru. Ich konzentrierte mich auf die Frage, welche Bedeutung den von Alexei Nawalny, dem sog. ‚Korruptionsjäger‘,  inszenierten Protesten zukommt. Von Moskau aus fuhren Frederike und ich dann gemeinsam nach Tscheboksary, der Hauptstadt Tschuwaschiens an der Wolga.

Nicht alles kann hier ausführlich wiedergegeben werden. Aber die Hauptzüge dessen, was wir auf dem Treffen berichteten, will ich doch auch hier kurz skizzieren, um die wichtigsten Infos auch denen zukommen zu lassen, die an dem Treffen nicht teilnehmen konnten.

Ich schilderte zunächst meine Eindrücke von den Massenprotesten, die am 12. Juni vor allem in Moskau und St. Petersburg und einigen anderen größeren Städten stattfanden. Vornehmlich junge Leute hatten sich da, wie schon bei der der Großdemonstration im März des Jahres,  unter Forderungen wie „Weg mit der Korruption“, „Nieder mit Putin“, „Gerechtigkeit“ u.ä. versammelt – aber ohne direkte Verbindung zu den sozialen Protesten des Landes, die sich nach 15jähriger Stabilitätspolitik der Ära Putin im Lande in zunehmendem Maße stellen. (nachzulesen auch auf  meiner Website www.kai-ehlers.de unter der Überschrift: „Opposition in Russland: Nawalnyaufruf im nationalen Feiertag untergegangen.“)

Während meines Aufenthaltes in Moskau bemühte ich mich, kritische Stimmen zur Bewertung der aktuellen Lage von russischen Analytikern zu bekommen. Mein Fazit, in aller Knappheit, das ich erwartet hatte, das mich jedoch in seiner Schärfe überraschte: Es gibt eine Stimmung im Lande, die befürchtet, dass den Zeiten der relativen Stabilität nunmehr Zeiten sozialer Probleme folgen könnten, dass Putin die von ihm betriebene Politik des Krisenmanagers, des Lavierens im Konsens zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Kräften nicht mehr in der gleichen Weise wie bisher halten könne, dass eine Zeit der Instabilität bevorstehe, die entweder Putin selbst oder einen Nachfolger zwingen könne, zu einer „wirklichen Diktatur“ überzugehen, um die von ihm auf dem Weg der „gelenkten Demokratie“ nach Ansicht seiner Kritiker in Korruption steckenbleibende Kapitalisierung  nunmehr mit Gewalt sauber durchzusetzen. Alexei Nawalny ist hier der Stichwortgeber.

Kaum jemand glaubt jedoch, dass Nawalny, der ja bei der bevorstehenden Wahl 2018 auch für das Präsidentenamt  kandidieren will, Putin ablösen könnte. Eher wird Nawalny als „Rammbock“ gegenüber der gegenwärtigen Putinschen Führung gesehen, der von „interessierten Kräften“ vorgeschoben und benutzt werde, um eine solche Wende durchzusetzen. Wer diese Kräfte sind – Oligarchen, die sich der Staatsaufsicht wieder entziehen wollen, ‚Silowiki‘, also Kräfte aus dem Geheimdienst- und Militärbereich, Kräfte aus dem Ausland oder, wie manche Putinkritiker gar spekulieren, Putin selber, der sich auf diese Weise als kleineres Übel mehr Stimmen für die kommende Wahl 2018 verschaffen wolle, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Harte Fakten dazu gibt es so gut wie nicht. Einig ist man sich allein, dass die weitere Entwicklung des Landes jetzt entschlossene Maßnahmen erfordere – von wem oder wie auch immer. Manche Menschen vergleichen die jetzige Situation auch mit dem Übergang von Gorbatschow auf Jelzin, der den „Zauderer“ Gorbatschow seinerzeit mit seinem Programm der radikalen Privatisierung überrollte.

Diese Darstellung stimmte für einige Teilnehmer unseres Treffens – wie vermutlich auch für einige Leser dieses Berichtes –  nicht mit ihrem Bild von Russland und Putin überein. Sie konnten und wollten die Differenzierung von „gelenkter Demokratie“ zu „wirklicher Diktatur“, von gemäßigter zu beschleunigter Kapitalisierung des Landes nicht nachvollziehen, weil sie die Verhältnisse, die heute in Russland bestehen, bereits für ausbeuterisch, für diktatorisch und – mit Blick auf die Ukraine – für aggressiv halten. Man müsse nicht über mehr oder weniger Kapitalismus, mehr oder weniger Diktatur sprechen, sondern darüber, wie es den Menschen gehe. Um uns an dieser Stelle nicht in eine abstrakte Diskussion um diese Fragen zu verstricken, wandten wir uns nunmehr dem vereinbarten zweiten Teil des Treffens zu, den Impressionen aus dem russischen Alltag, die sich aus unseren Aufenthalten jenseits der großen Politik und außerhalb Moskaus – in Tarussa und Tschuwaschien – ergaben.

Vorausgeschickt werden muss, dass Frederike und ich uns an allen Orten – in Moskau, in Tarussa, wie auch in Tscheboksary, der Hauptstadt der tschuwaschischen Republik, sogar bei der Redaktionskonferenz in St. Petersburg – bei Menschen aufhielten, mit denen uns langjährige Freundschaften und gemeinsame Projekte verbinden, sodass wir aus deren  Umfeld heraus den jeweiligen Alltag erkunden konnten. In Moskau bei dem Dichter, Schriftsteller und Kritiker Jefim Berschin, in Tarussa bei Gunnar Jütte, dem Herausgeber von russland.news, in Tscheboksary bei dem tschuwaschischen Nationalschriftsteller Michail Juchma und seiner Frau Rosa Schewlebi, Autorin von Kindergeschichten.

Vorausgeschickt werden muss natürlich auch, wie oben schon einmal angemerkt, dass unser Bericht auf dem Forumstreffen und mehr noch dieser Bericht über unseren Bericht nur Stichworte liefern kann, die bei Gelegenheit weiterer Forumstreffen vertieft werden können. Zu einigen Punkten wären auch Veranstaltungen außerhalb  des Forums und/oder oder handfeste Aktivitäten wünschenswert.

Beginnen wir in Tscheboksary mit Michail Juchma. Aus seinem umfangreichem Schaffen zur Aufarbeitung der tschuwaschischen Kultur und Geschichte habe ich (zusammen mit zwei Freunden aus dem Forum, Christoph Strässner und Eike Seidel) in den zurückliegenden Jahren zwei tschuwaschische Epen ins Deutsche übertragen. Eines erzählt die Geschichte Attilas und Kriemhildes aus der Sicht der Hunnen im fünften, das andere den Untergang des Donaubolgarischen Reiches (im heutigen Gebiet zwischen Moskau und Ural) im Ansturm der Mongolen im 13. Jahrhundert. Die Tschuwaschen betrachten sich als Nachfolger der Hunnen, die nach dem Tod Attilas als Bolgaren an der Wolga siedelten  und nach der Zerschlagung des Bolgarischen Reiches in einer wechselvollen Geschichte vom wachsenden Moskau integriert wurden. (Da ich die Bücher hier nicht zeigen kann, verweise ich auf meine Website www.kai-ehlers.de )

Mein aktuelles Interesse in Tscheboksary stand unter dem Zeichen einer in Arbeit befindlichen Übersetzung einer von Juchma zusammengetragenen Anthologie der alten tschuwaschischen, das ist im Kern, der eurasischen Götterwelt Tangars, vergleichbar dem griechischen oder nordischen Pantheon.

Im Umfeld der schon übersetzten Epen und dieser neuen Arbeiten führte Michail Juchma uns auch dieses mal wieder zu verschiedenen Plätzen der tschuwaschischen Geschichte, unter anderem an den  Geburtsort von Timofejewitsch Jermak, der für Iwan IV., genauer für seinen kaufmännischen Gesandten Stroganow Sibirien eroberte, der aber, so Juchmas Kritik, in der russischen Geschichtsschreibung nur als „Kosake“, nicht als Tschuwasche vorkomme, der er tatsächlich gewesen sei.

Die Fahrt führte über einen blitzblanken Ort namens Ototschewo, wo Jermaks Andenken gepflegt wird. Dort bewirtete uns die Frau des Schriftstellers Leonid Petrowitsch Morosow mit „ökologisch sauberen Produkten“. Im Übrigen hörten wir über das Dorf, dass dort nur noch zwei Höfe eigene Landwirtschaft betrieben und die jungen Leute tendenziell, wie überall, das Dorf verlassen, um Arbeit in den Städten zu suchen. Weiter ging es mit ‚Petrowitsch‘ im Geländegängigen PKW zum Dorf Jermak, wo alle Familien Jermak heißen, von dort zu einer entstehenden Gedenkstätte für JERMAK, zurzeit nur eine Holzstele im weiten Feld zwischen Feldblumen, um deren Aufwertung zu einem echten Denkmal sich Juchma und seine Freunde bemühen.

In Tschuwaschien ist die Welt heute eine andere, sozusagen doppelbödig. Alles dreht sich um die tschuwaschische Identität und ist doch zugleich eingebettet in die russische, die russländische Realität. Mischa Juchma weist die Bezeichnungen Diktator für Putin energisch zurück, kritisiert jedoch, dass er sich zu wenig um die Kultur der kleinen Völker kümmere, nur seinen Machterhalt im Auge habe. Gleiches gelte für die Tschuwaschische Administration. Auch in Tschuwaschien lautet das Stichwort: Korruption. Den vierteiligen Film eines amerikanischen Teams über Putin, der zu besten Sendezeiten läuft, will Mischa gar nicht sehen. Alles bekannt, alles Propaganda, meint er. Rosa dagegen findet den Film aufregend interessant.  Werbung für Putin? Ja, aber er lasse doch sehr gut die heutigen Probleme der Ost-West-Beziehungen erkennen, meint sie. Darin stimmt sie mit vielen anderen überein, die wir sprechen konnten.

Juchma führte uns auch zu einem Besuch in die Dorfschule im Ort Sel Kintscher, die wir schon im letzten Jahr besucht und als vorbildlich kennengelernt hatten. Der jetzige Besuch war verbunden mit einem Dorffest, wo das Dorf sich in seiner Mischung aus traditioneller Kultur und Gegenwartsbewusstsein zeigte. Fünfzig Schülerinnen und Schüler werden heute in Sel Kintscher in sehr musischer Weise mit ihrer eigenen Kultur vertraut gemacht. Vor Jahren waren es fünfhundert. Aktuell drohte jetzt die Schließung durch die Republikbehörden, obwohl in Moskau gerade ein Gesetz vorbereitet wird, das kleine Schulen  vor Ort fördern soll. Durch unser demonstrativ formuliertes Interesse als Deutsche konnte Mischa dem Ministerium in Tscheboksary den weiteren Erhalt der Schule abringen. Hier öffnet sich die Möglichkeit eines unmittelbaren Austausches, der mitten in die russländische Realität der Vielvölkerkultur Russlands führt – ein attraktives, allseitig ausbaubares Projekt. Der verantwortliche Abgeordnete im tschuwaschischen Ministerium war so angetan von diesem Vorgang, dass er uns nach Abschluss dieses Vorgangs gleich noch zu einem Besuch in seiner supermodernen privaten Zahnklinik einlud. – So unmittelbar gestalten sich in Russland Verbindungen, wenn man sich darauf einlässt.

Über Mischa landeten wir auch in einem „Institut Atmansophia“. Das erwies sich als ein privater Schul- und Philosophiezirkel, wo Frederike und ich intensivst zur eurpäischen Kultur, zur allgemeinen politischen Lage und zum Leben schlechthin befragt wurden und uns unter dem Begriff „Suromologie“ eine „ganz neue wissenschaftliche Philosophie“ vorgestellt wurde, die Methoden der Heilung aus dem wissenschaftlichen Studium des Bösen entwickele. Eine Sekte? Ja, von manchen würden sie so gesehen, erklärt der Initiator, Anatoly Arinin, ein sehr ernsthafter und zugleich lebendiger Mann unter der Zustimmung der anwesenden, meist jüngeren Frauen, aber „Suromologie“ werde in Russland von vielen Fachleuten, vor allem von Psychologen und Philosophen, als ernstzunehmender neuer Wissenschaftszweig akzeptiert und immer wieder in Fachtagungen von Psychologen und Pädagogen erörtert.

Es ging jedenfalls von diesem Abend, an dem nach dem ernsthaften Arbeitsteil, gegessen und getrunken und viel gesungen wurde, keine klebrige Esoterik, sondern eine erstaunlich helle Botschaft aus, in der sich Besinnung auf traditionelle Tschuwaschische Kultur und zeitgenössische Geisteswissenschaft auf bemerkenswerte Weise verbinden. Anlass genug nachzuforschen, um was es sich bei dieser ‚neuen Wissenschaft‘ tatsächlich handelt.

Oh je, Freunde, Freundinnen, es gibt noch so viel zu berichten. Ich halte mein ‚Protokoll‘  jetzt ganz kurz, um weder mich noch Euch zu überfordern. Nur das Wichtigste noch:

Da waren die Kreise, die Frederike mit ihrem Angebot für die Entwicklung einer heilpädagogischen Ausbildung ziehen konnte. Anknüpfend an früheren Ansätzen aus den ersten Jahren nach Putins Antritt, die nicht fortgeführt werden konnten, war das Interesse jetzt wieder sehr groß. Vermittelt über die Ärztin Marina Grigorjewa und die Betreuerinnen eines kleinen Waldorfkindergarten Marina und Olga kam eine sich sehr schnell ausweitende interessierte Gruppe von Menschen zu aktiven Übungen zusammen, die darüber hinaus auch an einer weiteren Entwicklung heilpädagogischer und eurythmischer Kurse in Tscheboksary interessiert sind. Das führte Frederike bis ins „Institut für Kultur und Theater“, wo sie mit der dortigen Dozentin Lija Tschernowa mögliche Perspektiven einer Eurythmieaufführung in Tscheboksary erörtern konnte.

Da war das Atelier von Olga und Mischa, die auf sich drehenden Scheiben phantastische Mandalas herstellen. Ein Atelier von vielen in Tscheboksary.

Da war der grandios angelegte, noch in Entstehung begriffene ‚Amazonenpark‘ in klassizistischen Stil, der die Tradition der kämpferischen tschuwaschischen Frauen dokumentieren soll. Da war, von demselben Sponsor initiiert, eine soeben aus dem Nichts gestampfte Ökosiedlung, die traditionelles Dorfleben mit Tourismus und ökologischem Sommerlager verbinden will. Hier allerdings wurde auch der Widerspruch zwischen solchen herausragenden privaten Initiativen und der Wirklichkeit schmerzhaft deutlich: hier die traditionsechte ökologische Insel eines aus dem Boden gestampften, sozusagen handgeschnitzten Dorfes – eine Erholung für das Auge, den Körper und den Geist  – dort die tatsächlichen Dörfer draußen im Lande, die zunehmend verfallen.

Da war der tschuwaschische Nationalfeiertag, den wir miterleben durften, mit dem jedes Jahr die Begründung der autonomen Republik Tschuwaschien – ganz ohne irgendwelche Aufmärsche – gefeiert wird, natürlich eine willkommene Erholung. Hunderte von Gruppen kommen aus Dörfern und Bezirken der Republik, aus allen Teilen Russlands und der ehemaligen Sowjetunion, die ihre Lieder, Trachten und Tänze vorführen. Hier wurde deutlich, dass die eigene Tradition, aller Modernisierung zum Trotz, doch noch lebt

Und schließlich gab es auch in Tscheboksary noch eine Reihe von Gesprächen, die ich um die schon in Moskau erörterten Fragen nach der Rolle der Opposition und ihrer Verbindung zum Sozialen führen konnte. Sie bestätigten mir den in Moskau gewonnenen Eindruck, dass die Proteste gegen Korruption zwar die jungen Leute motivieren, mehr Freiheiten von ihrer Gesellschaft zu fordern, dass aber eine Verbindung zu den sozialen Problemen, die sich im Arbeitsleben, im Gesundheitsbereich, in Bildungswesen, in der Landwirtschaft , in der Beziehung von Moskauer Zentrum und Peripherie usw. stellen, bisher kaum besteht. Das kann sich natürlich in nächster Zeit ändern, zurzeit aber ist es so. Die sozialen Proteste, die es zurzeit gibt, sind in der Regel lokale Einpunktbewegungen. Wir bitten Euch, die Ihr bis hier gelesen habt, uns nachzusehen, dass wir hier jetzt nicht weiter ins Detail gehen. Es würde an dieser Stelle sonst einfach zu viel.

Aber lasst uns noch dies sagen: Trotz der russlandfeindlichen Politik der deutschen Regierung war das Interesse und die Freundschaft, die die Menschen Russlands deutschen Gästen und Besuchern entgegenbrachten, einfach umwerfend.

Kai Ehlers

russland.NEWS Sommergespräch mit Kai Ehlers

Über den Autor

Kai Ehlers
Selbstständiger Forscher, Buchautor, Presse- und Rundfunkpublizist. Mit Vorträgen, Seminaren, Workshops und Projekten bei Bildungsakademien, freien Trägern, politischen Gruppen in Deutschland und Russland tätig. Schwerpunkt liegt auf den Wandlungen im nachsowjetischen Raum und deren lokalen wie auch globalen Folgen.