Iwan Turgenjew: Sein literarisches Schaffen, Erzählungen II

Turgenev, Klara Militsch

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

In den Jahren von 1844 bis zu seinem Tod 1883 hat Iwan Sergejewitsch Turgenjew 33 Novellen und Erzählungen, sechs Romane und dazu noch die 25 Erzählungen geschrieben, die zu den Aufzeichnungen eines Jägers zusammengefasst sind. Die 33 Novellen lassen sich – entlang seines Lebenswegs – in drei Perioden gliedern, wobei der Übergang von der zweiten zur dritten Periode fließend ist:
Bis in die Mitte der 1850er-Jahre – etwa bis zu Turgenjews 30. Lebensjahr – reicht die Periode der frühen Erzählungen. Hier finden sich noch viele Anklänge an Puschkin (*1799, †1837), Lermontow (*1814, †1841) und Gogol (*1809, †1852), Liebeslyrik und Landschaftsbilder spielen noch keine so zentrale Rolle. Liebe wird leicht satirisch behandelt und damit kann auch kein Entsagungsschmerz aufkommen. In diese Phase fallen: Andrej Kolosow (1844), Der Raufbold (1846), Drei Porträts (1846), Der Jude (1847), Petuschkow (1847), Tagebuch eines überflüssigen Menschen (1850), Drei Begegnungen (1852), Mumu (1852) und Die Herberge (1852). Im Jahr 1852 erschienen dann die thematisch einheitlichen Aufzeichnungen eines Jägers.

Von der Mitte der 1850er-Jahre bis ungefähr 1870 erstreckt sich die zweite Periode, die Periode der lyrischen Novellen; es ist die Zeit der Stimmungs- und Erinnerungsnovellen. Lyrische Landschaftsbeschreibungen sind ein zentrales Element, Resignation, das Scheitern und das Unerreichte die Hauptmerkmale dieser Periode, in der die Titel Zwei Freunde (1854), Stilles Leben (1854), Jakow Pasynkow (1855), Ein Briefwechsel (1856), Faust (1856), Fahrt ins Waldgebiet (1857), Asja (1858), Erste Liebe (1860) und Frühlingsfluten (1871) entstanden.

Die dritte, sich mit der zweiten stark überschneidenden Periode ist die Periode der geheimnisvollen Novellen (1864-1883), die sich mit Fantastischem, mit Okkultem, mit dem Unterbewusstsein der Menschen beschäftigen. Visionen (1864), Genug (1865), Der Hund (1866), Die Geschichte des Leutnants Jergunow (1868), Der Brigadier (1868), Eine Unglückliche (1869), Eine seltsame Geschichte (1870), Ein König Lear der Steppe (1870), Tuck…tuck…tuck (1871), Punin und Baburin (1874), Die Uhr (1876), Der Traum (1876), Die Erzählung des Vaters Aleksej (1877), Das Lied der triumphierenden Liebe (1881) und Klara Militsch (Nach dem Tode) (1883) gehören in diese Kategorie.

Mit der Novelle Frühlingsfluten (auch: Frühlingswogen) hat Turgenjew die Periode der lyrischen Novellen abgeschlossen; sie ist sicher auch seine beste und ausgereifteste und sie hat dem Umfang eines Romans. Turgenjew greift darin noch einmal mit kompositorischer Perfektion alle Themen aus dem Themenkreis der lyrischen Novellen auf: die große Liebe; das endgültig verlorene Glück; die bittere, fruchtlose Reue; das starke Weib, das einem schwachen Mann gegenübersteht; die Versklavung durch die Liebe und der alte Mann, der voll des „taedium vitae“ – des Ekels vor dem Leben – zurückblickt. Schauplatz der Handlung ist – wie in Asja (siehe Erzählungen I) – Deutschland, und auch diese Novelle geht auf ein Ereignis in Turgenjews Leben zurück (1840 hatte er in Frankfurt am Main ein flüchtiges Liebesabenteuer mit der Tochter der Besitzerin eines Konditoreiladens).

Erstmalig ist jedoch – und das zeigt, dass Frühlingsfluten, zehn Jahre nach der vorhergehenden Liebesnovelle geschrieben, nicht nur ein Abschluss, sondern auch ein neuer Aufbruch ist –, dass der alte, anfangs voll Lebensekel zurückblickende Erzähler am Ende nicht – auf den Tod wartend, ihn sich sogar herbeiwünschend – in seiner Resignation verharrt, sondern den Mut hat, sein Schicksal in die Hand zu nehmen und neu zu beginnen.

Als Turgenjew diese Novelle schrieb, war er 52 Jahre alt – Frankreich hatte 1870/71 den Krieg gegen Deutschland verloren – und siedelte mit den Viardots nach Paris über, um dem bürokratisch-militaristischen Gehabe in Deutschland zu entkommen.
Der französische Schriftsteller Gustave Flaubert (*1821, †1880) schrieb ihm am 21. Juli 1873: „Ich möchte Ihnen sagen, dass ich die »Frühlingsfluten« gelesen habe […] ich wurde von ihnen aufgewühlt, zu Tränen gerührt […]. Ach das ist ein wirklicher Liebesroman, wenn es überhaupt einen solchen gibt!“ (1)

Sanin, ein älterer Herr aus der besseren Gesellschaft, innerlich vollkommen vereinsamt, sitzt mitten in der Nacht in seinem Kabinett vor dem Kamin:
Über die Vergänglichkeit, Nutzlosigkeit und gemeine Verlogenheit alles Menschlichen sann er nach. Alle Lebensalter ließ er nacheinander vor seinem inneren Auge Revue passieren (er war unlängst zweiundfünfzig Jahre alt geworden), und kein einziges fand Gnade vor ihm. Überall und ewig das gleiche sinnlose Verhalten, das gleiche unnütze Tun, der gleiche halb unbewusste, halb bewusste Selbstbetrug – mag sich das Kind ergötzen, woran es will, wenn es nur nicht weint –, und dann kommt plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, das Alter über einen und zugleich mit ihm jene ständig zunehmende, alles zerfressende und aushöhlende Angst vor dem Tod – und schwupps saust man in den Abgrund! Dabei ist es noch ein Glück, wenn das Leben so verläuft und sich vor dem Ende nicht noch wie Rost auf dem Eisen Krankheiten und Leiden einstellen. Für ihn war das Meer des Lebens nicht vom Sturm gepeitscht, wie es die Dichter gern schildern; nein, er stellte sich dieses Meer spiegelglatt, unbeweglich und durchsichtig bis auf den dunklen Grund vor. Er selbst sitzt in einem kleinen, schwanken Boot. Dort am dunklen, schlammigen Grund aber sind, riesigen Fischen gleich, undeutlich grässliche Ungeheuer zu sehen: alle irdischen Leiden, Krankheiten, Unglück, Wahnsinn, Armut, Blindheit… Er schaut hin, und da löst sich eines der Ungeheuer aus dem Dunkel, steigt höher und höher, wird immer deutlicher sichtbar, widerwärtig deutlich. Noch ein Augenblick, und das Boot, von ihm angehoben, kentert. Doch da verwischen sich die Konturen des Ungeheuers wieder, es entfernt sich, sinkt auf den Grund zurück und bleibt dort, kaum merklich mit dem Schwanze wedelnd, liegen. Aber der Tag, vom Schicksal bestimmt, wird kommen, da es das Boot zum Kentern bringt.

Der Protagonist erinnert sich an die große Liebe und das große Scheitern seines Lebens:
Als 22-jähriger russischer Adeliger macht er auf der Rückreise aus Italien 1840 in Frankfurt am Main Station. In einer italienischen Konditorei lernt er Gemma, die bildhübsche Tochter der Besitzerin, kennen und verliebt sich unsterblich in sie, nachdem er sich mit einem flegelhaften deutschen Offizier um ihre Ehre duelliert hat. Er macht ihr einen Heiratsantrag und will in Zukunft in Frankfurt bleiben, um die Konditorei mit ihr führen. Da sie dazu Kapital brauchen, will er sein Gut in Russland verkaufen. Vor der Abreise nach Russland aber trifft er zufällig seinen alten, schwer reichen aber trottelhaften Schulkameraden Polozov, dessen Frau sein Vermögen selbstherrlich verwaltet und verbraucht. Die Polozova (polozov – dt. Schlange) ist eine dämonisch schöne, aufregende und wilde Frau mit einem Männerverschleiß nach Gutdünken. Sie will den frisch verliebten Verlobten, der ihren Reizen gegenüber unempfänglich zu sein scheint, in ihren Bann ziehen und verführen – sie wettet sogar mit ihrem Mann auf den Erfolg. Wie zu erwarten, schafft sie es und macht auch diesen jungen Mann von sich abhängig. Er kehrt nie wieder zu seiner Verlobten nach Frankfurt zurück, sondern folgt der Polozova als einer unter ihren vielen Liebhabern wie ein Hündchen nach Paris; dort lässt sie den von seiner Liebe völlig Versklavten schließlich „wie ein abgetragenes Hemd“ fallen. Gedemütigt, gebrochen und erniedrigt kehrt er nach Russland zurück, ohne je wieder etwas von seiner Verlobten gehört zu haben:

Lange, lange saß er in Gedanken versunken da und begriff, nach so vielen Jahren durch Erfahrung klüger geworden, immer noch nicht, wie er Gemma, die von ihm so zärtlich und leidenschaftlich Geliebte, einer Frau wegen hatte verlassen können, die seinem Herzen überhaupt nichts bedeutete. Am nächsten Tag überraschte er seine Freunde und Bekannten durch die Mitteilung, er werde ins Ausland reisen.

Sanin reist nach Frankfurt, stellt Nachforschungen an und findet heraus, dass Gemma geheiratet hat und nach Amerika gegangen ist; er erhält sogar ihre Adresse. Er schreibt ihr und erhält wider Erwarten auch Antwort:
…. Dann äußerte Gemma ihr Bedauern darüber, dass Sanins Leben sich offensichtlich so schlecht gestaltet hatte, wünschte ihm vor allem Ruhe und Seelenfrieden und erklärte, sie würde ihn mit Freuden einmal wiedersehen, wisse jedoch, wie wenig wahrscheinlich ein derartiges Wiedersehen sei…
Wir ersparen es uns, die Gefühle zu schildern, die Sanin beim Lesen dieses Briefes empfand. Derartige Gefühle lassen sich mit Worten nur ungenügend wiedergeben; sie sind tiefer und stärker und unbestimmter als jedes Wort. Allein die Musik könnte einen Eindruck von ihnen vermitteln.
Sanin antwortete sofort und schickte der jungen Braut
[Tochter von Gemma. hmw] mit der Widmung „Marianna Slocum von einem unbekannten Freund“ das Granatkreuz [das er einst von Gemma geschenkt bekommen hatte. hmw], in ein herrliches Perlenkollier eingearbeitet, als Geschenk. Obwohl es sehr teuer war, ruinierte es ihn nicht; hatte er doch in den dreißig Jahren, die seit seinem ersten Aufenthalt in Frankfurt vergangen waren, ein bedeutendes Vermögen erworben. In den ersten Maitagen kehrte er nach Petersburg zurück – aber wohl kaum für lange Zeit. Wie verlautet, verkauft er jetzt alle seine Besitzungen und trifft Vorbereitungen für eine Reise nach Amerika. (2)

Die Novelle hatte bei den Lesern einen Riesenerfolg, die Ausgabe des »Boten Europas«, in der sie erschienen war, musste sofort nachgedruckt werden; die Kritiker hingegen verrissen sie mit teilweise schon gehässigen Worten. Die Konservativen empfanden alle in der Erzählung vorkommenden Russen als zu negativ gezeichnet, die Liberalen vermissten staatsbürgerliche Motive und zeitgenössische Tendenzen und die Radikalen wie Pawel Wassiljewitsch Annenkow (*1813, †1887) machten sich sogar lustig. In Deutschland fühlte man sich schwer auf den Schlips getreten, die deutsche Presse diffamierte den ehemals geschätzten Turgenjew gar als „Deutschenhasser“, denn die Deutschen – der erste Verlobte von Gemma, Herr Klüber, mit dem sie auf Betreiben ihrer Mutter aus rein rationalen, finanziellen Gründen zusammen gewesen war, und die Offiziersgruppe um Herrn von Dönhof – waren satirisch gezeichnet, was sicher seiner Enttäuschung über die Veränderungen Deutschlands nach dem deutsch-französischen Krieg geschuldet war. Seinem Freund dem Schriftsteller und Zeichner Ludwig Pietsch (*1824, †1911), der ihm ebenfalls Vorhaltungen machte, antwortete er in seinem Schreiben vom 15. Juli 1872 in deutscher Sprache:
Gott! Wie seid Ihr alle Deutsche zarthäutig geworden, wie altjüngferisch susceptibel nach den grossen Erfolgen! Dass ich Euch in meiner letzten Novelle ein bisschen »egratiniert« habe – das könnt Ihr nicht ertragen? Habe ich doch meinem eigenen Volke – das ich doch gewiss liebe – ganz andere Hiebe versetzt! (3)

Als die Wogen in Deutschland schließlich ganz hoch schlugen, fühlte sich der Literaturwissenschaftler Julian Schmidt verpflichtet, für Turgenjew eine Lanze zu brechen: Er veröffentlichte im Januar 1873 in zwei großen Berliner Zeitungen die Erklärung Ein Wort über Turgenjew, Er fühle sich dazu gegenüber einem Dichter verpflichtet, „der uns Deutschen vor allen Ausländern lieb und wert geworden ist“.

Mitte der 1860er Jahre – Turgenjew war inzwischen fast 50 Jahre alt – musste er erkennen, dass sich trotz Bauernbefreiung 1861 und verschiedenen liberalen Reformen die Situation in Russland nicht geändert hatte; er geriet in eine tiefe geistige Krise, die ihn am Sinn des menschlichen Lebens zweifeln und ganz neuartige Überlegungen anstellen ließ. Eine Wissenschaft Psychologie im heutigen Sinn gab es noch nicht, doch Turgenjew suchte nach dem, was den Menschen beeinflusste, so oder anders zu handeln. Modern ausgedrückt: Er suchte nach dem Einfluss des Unterbewusstseins. Ihn beschäftigten, wie viele seiner Zeitgenossen, das Übersinnliche, das Geisterhafte, das Mystische, der Traum und die Auswirkungen dieser Dinge auf das Verhalten der Menschen; ihn interessierte das Wirken irrationaler Kräfte. Der Spiritismus, ausgelöst u. a. durch die Schauergeschichten Edgar Allan Poes und durch Schopenhauers Über das Geistersehen, war so sehr in Mode gekommen, dass sich 1875 sogar führende Naturwissenschaftler der Universität St. Petersburg in einer Kommission mit spiritistischen Erscheinungen beschäftigte – mit dem Ergebnis, dass Spiritismus Unfug sei.

Turgenjew war kein „Gläubiger“ auf diesem Gebiet, er war ganz im Gegenteil ein überzeugter Realist. In einem Brief an den Schriftsteller Michail Wassiljewitsch Awdejew (*1821, †1876) schreibt er am 25. Januar 1870:
Sie finden, dass ich mich vom Mystizismus hinreißen lasse, und führen als Beispiel die »Seltsame Geschichte«, die »Visionen« und den »Jergunow« an (was eigentlich Mystisches im »Jergunow« sein soll, verstehe ich nicht, denn ich wollte nur die Unmerklichkeit des Übergangs aus der Wirklichkeit in den Traum darstellen, was jeder an sich erfahren hat), aber ich kann Ihnen versichern, dass mich ausschließlich eines interessiert: die Physiognomie des Lebens und seine wahrhafte Wiedergabe, doch dem Mystizismus in all seinen Formen stehe ich vollständig gleichgültig gegenüber, und in der Fabel der »Visionen« sah ich nur die Möglichkeit, eine Reihe von Bildern zu gestalten. (4)

Er fühlte sich verpflichtet, auch der Frage des Übernatürlichen nachzugehen, wie er in seinem Brief an Marja Miljutina vom 22. Februar 1875 schreibt, deutete aber, wo irgend möglich, natürliche Erklärungen für geheimnisvolle Phänomene an.
In der Seltsamen Geschichte wird aus dem Übernatürlichen z. B. ein erklärbarer Fall von Hypnose und in Tuck…tuck…tuck führt Turgenjew das Übersinnliche als Einbildung eines krankhaften, zu romantischer Übersteigerung neigenden Gemüts ad absurdum.
Der Traum spielt eine zunehmende Rolle in seinen Erzählungen; mit seiner Hilfe zeigt er das Innenleben, das unterbewusste Ahnen und Fühlen seiner Figuren auf. Ängste und Erwartungen werden deutlich gemacht; auch bekommt der Traum vorausdeutenden Charakter und tritt daher an entscheidenden Wendepunkten in den Lebensläufen auf.
In Ein König Lear der Steppe fasst der Protagonist z. B. seinen Traum vom Rappenfohlen, das gegen ihn ausschlägt, als Ankündigung seines baldigen Todes auf und entschließt sich danach endgültig, seinen Besitz an die Töchter zu übergeben. Unmittelbar vor seinem Tode sieht er erneut das Rappenfohlen.

Die Motive von Turgenjews Erzählungen sind in dieser Periode vielfältig; zwei Hauptanliegen kann man jedoch feststellen: Da ist einmal das Bestreben, den Lesern die gesellschaftlichen und geistigen Traditionen und damit sozusagen die historischen Hintergründe der gerade stattfindenden sozial-revolutionären Bewegung aufzuzeigen; man kann die stark diesem Aspekt zugeneigten Erzählungen auch als „sozialhistorische Erzählungen“ bezeichnen. Zu dieser Gruppe gehören beispielsweise die grandiosen Erzählungen Punin und Baburin, Die Uhr – die große Vorbildfunktion auf die damalige Jugend hatte –, Alte Porträts und Der Verzweifelte.
Das andere wiederkehrende Anliegen ist die bereits erwähnte Analyse ungewöhnlicher psychologischer Erscheinungen wie Traum, Somnambulie, Hypnose und Halluzination. Beispiele hierfür sind Tuck…tuck…tuck, Der Traum, Die Erzählung des Vaters Aleksej und schließlich das Meisterwerk psychologischer Erzählkunst: Nach dem Tode (Klara Militsch).

Auf alle angesprochenen Erzählungen einzugehen, ist hier leider nicht der Raum gegeben. Herausgegriffen sei daher die kurz vor seinem Tode veröffentlichte Erzählung Nach dem Tode (Klara Militsch). Auch darin hat Turgenjew wieder auf ein tatsächliches Ereignis zurückgegriffen:
Vladimir Dmitrijevič Alenicyn, ein Magister der Zoologie, hatte sich nach ihrem Tod in die Schauspielerin Jevlalija Pavlovna Kadmina (*1853, †1881) verliebt, die sich am 4. November 1881 während der Aufführung von Alexander Ostrowskijs Schauspiel Wasilissa Melentjewa auf der Charkover Bühne vergiftet hatte.
Auch autobiografische Züge sind vorhanden: Aratov, der Protagonist in der Novelle, ist 25 Jahre alt – ebenso alt wie Turgenjew, als er im Herbst 1843 in St. Petersburg zum ersten Mal Pauline Viardot auf der Bühne sah; und die Protagonistin Klara wird als dunkler Typ geschildert und von Aratov als „Zigeunerin“ bezeichnet – so hatte auch Turgenjews Mutter Pauline Viardot abschätzig genannt.

Der Vater von Jakow Aratow hatte ein Jahr zuvor
das Dorf, in dem sie bis dahin ständig gewohnt hatten, verlassen und sich in der Stadt angesiedelt, damit er seinen Sohn auf die Universität schicken konnte, auf die er ihn selbst vorbereitet hatte; für einen Spottpreis kaufte er ein Häuschen in einer abgelegenen Straße und richtete sich darin mit allen seinen Büchern und »Präparaten« ein. Und Bücher und Präparate hatte er viele; denn er war ein Mann nicht ohne Gelehrsamkeit und, nach den Worten der Nachbarn, ein »ganz seltsamer Kauz«. Bei ihnen galt er als Schwarzkünstler und hatte sogar einen Spitznamen – »Insektenbeobachter«. Er befasste sich mit Chemie, Mineralogie, Entomologie, Botanik und Medizin, und er behandelte Patienten bei deren Einwilligung mit Gräsern und Metallpülverchen eigener Erfindung nach Paracelsusscher Methode. Mit ebendiesen Pülverchen hatte er seine hübsche, junge, doch allzu zarte Frau unter die Erde gebracht, sie, die er leidenschaftlich liebte und die ihm einen einzigen Sohn geboren hatte. Mit diesen Metallpülverchen hatte er auch die Gesundheit seines Sohnes untergraben, die er im Gegenteil zu stärken trachtete, als er an dessen Organismus eine Neigung zu von der Mutter ererbter Anämie und Schwindsucht feststellte. Der Name »Schwarzkünstler« war ihm übrigens zuteil geworden, weil er sich für einen Urenkel, freilich nicht geradliniger Deszendenz, des berühmten Brjus hielt, zu dessen Ehren er seinen Sohn Jakow getauft hatte. Er war, was mancher eine »Seele von Mensch« nennt, doch melancholischen Gemütes, schwerfällig, schüchtern und allem Geheimnisvollen, Mystischen zugetan. Ein halb geflüstertes »Ah!« war sein üblicher Ausruf, und mit diesem Ausruf auf den Lippen starb er auch – zwei Jahre, nachdem er nach Moskau gekommen war.

Über Jakow wird unter anderem gesagt:
Seinen Kommilitonen ging er aus dem Weg, mit fast keinem war er näher bekannt, und ganz besonders mied er Frauen; er lebte gänzlich zurückgezogen, vertieft in seine Bücher. Er mied die Frauen, obwohl er ein empfindsames Herz hatte und Schönheit ihn zu bezaubern vermochte.

Jakow, Student der physiko-mathematischen Fakultät und eigentlich allem Gesellschaftlichen abhold, wird von seinem Freund überredet, auf eine Soiree mitzukommen. Nach dem Abend empfindet er ein „undeutliches dumpfes Gefühl, durch welches hindurch etwas ihm Unbegreifliches, aber Bedeutsames, ja Beunruhigendes sich Bahn brach“. Sechs Monate später ist er auf einem literarisch-musikalischen Abend, auf dem die junge Sängerin Klara Militsch den Liebesbrief von Tatjana an Eugen Onegin aus dem gleichnamigen Versroman von Puschkin vorträgt und dabei unentwegt ihren Blick auf ihn gerichtet hält. Am nächsten Tag bekommt er einen anonymen Brief, der ihn zu einem Rendezvous auf den Tverskoj Boulevard bestellt. Nach langem Zögern entschließt er sich, hinzugehen, und er trifft dort – wie er schon vermutet hatte – Klara. Nur ein völlig gefühlsarmer Mensch kann missverstehen, das Klara ihm ihre Liebe gesteht. Aber Jakow bleibt unberührt.

»Ich bin bereit, Ihnen zuzuhören«, begann er wieder, »und wäre sogar sehr froh, wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein könnte, obgleich ich mich, wie ich gestehe, wundere … Bei meinem zurückgezogenen Dasein…«.
Bei seinen letzten Worten hatte sich Klara unvermittelt zu ihm umgedreht, und da blickte er in ein so erschrockenes, ein so tief betrübtes Gesicht mit so großen, hellen Tränen in den Augen, mit einem so bitteren Zug um den geöffneten Mund, und so schön war dieses Gesicht, dass er unwillkürlich stockte und selbst etwas wie Schrecken, Mitleid und Rührung verspürte.
»Ach, warum… warum reden Sie so!« sagte sie mit entwaffnender Freimütigkeit, und wie ergreifend klang ihre Stimme! »Hat Sie mein Schreiben verstimmt, haben Sie etwa gar nichts verstanden? Ach nein, nichts haben Sie verstanden, Sie haben nicht verstanden, was ich Ihnen gesagt habe, Sie denken Gott weiß was von mir und überlegen sich nicht einmal, was es mich gekostet hat, Ihnen zu schreiben! Nur an sich denken Sie, an ihre Würde. Ihre Ruhe! Habe ich vielleicht…« (Sie presste ihre vor den Mund gehaltenen Hände so heftig zusammen, dass die Finger hörbar knackten.) »Als ob ich etwas von Ihnen verlangt hätte, als ob erst Erklärungen nötig wären! ›Gnädige Frau … ‹, ›ich wundere mich… ‹, ›wenn ich Ihnen behilflich sein könnte … ‹. Ach, ich bin ja dumm! Ich habe mich getäuscht in Ihnen, in Ihrem Gesicht! Als ich Sie zum ersten Mal sah… Da… Sie stehen da… Wenn Sie wenigstens ein einziges Wort sagten! Wollen Sie mir wirklich nichts sagen?«
Sie verstummte. Plötzlich wurde sie rot im Gesicht und setzte eine hochmütige, abweisende Miene auf.
»O Gott, wie ist das dumm!« rief sie mit hartem Lachen aus. »Wie ist unser Treffen dumm! Wie bin ich dumm und Sie auch! Pfui!«
Sie machte eine verächtliche Handbewegung, als wollte sie Aratow aus dem Weg schieben, ging an ihm vorbei, eilte über den Boulevard und war verschwunden.

Einige Monate später liest Jakow, dass sich Klara aus verschmähter Liebe auf der Bühne vergiftet hat und wird nachdenklich. Klara erscheint ihm im Traum und fordert ihn auf, in ihre Heimatstadt Kasan zu fahren. Dort findet er Klaras Schwester, die ihm ein Bild von Klara und ihr Tagebuch gibt. Im Tagebuch findet er Hinweise darauf, dass Klara in ihn verliebt gewesen war, und verliebt sich nun seinerseits in sie. Von nun an ist er in der Gewalt der Toten. In der Nacht glaubt er, Klara bei sich zu spüren, und dann erscheint sie ihm auch:

Schließlich hob er an zu reden, nicht laut, aber feierlich getragen, so wie Beschwörungsformeln gesprochen werden.
»Klara«, sagte er, »wenn du wirklich hier bist, wenn du mich siehst, wenn du mich hörst, erscheine! Wenn die Macht, die ich über mir walten spüre, wirklich deine Macht ist, erscheine! Wenn du erkennst, wie bitter ich es bereue, dass ich dich nicht verstanden, dich von mir gestoßen habe, erscheine! Wenn das, was ich gehört habe, wirklich deine Stimme ist; wenn das Gefühl, das über mich Macht gewonnen hat, Liebe ist; wenn du jetzt sicher bist, dass ich dich liebe, ich, der ich bis heute nicht geliebt und keine einzige Frau gekannt habe; wenn du weißt, dass ich nach deinem Tod in leidenschaftlicher, unwiderstehlicher Liebe zu dir entbrannt bin; wenn du nicht willst, dass ich den Verstand verliere – erscheine, Klara!«
Aratow hatte dieses letzte Wort noch nicht ausgesprochen, als er plötzlich spürte, dass jemand rasch an ihn herantrat, von hinten, wie damals auf dem Boulevard, und ihm die Hand auf die Schulter legte. Er drehte sich um – und sah niemanden. Aber jenes Gefühl ihrer Gegenwart wurde so untrüglich und zweifelsfrei, dass er abermals schnell in die Runde blickte.
Was war das? In seinem Sessel, zwei Schritt von ihm entfernt, saß eine Frau ganz in Schwarz. Der Kopf war zur Seite gedreht, wie auf dem Stereoskopbild. Das war sie! Das war Klara! Doch wie streng, wie wehmütig schaute sie drein.
Aratow sank auf die Knie. Ja, er hatte damals recht gehabt, er spürte weder Schreck noch Freude, nicht einmal Verwunderung. Sein Herz schlug sogar ruhiger. Eine einzige Erkenntnis, ein einziges Gefühl beherrschte ihn: Endlich! Endlich!
»Klara«, sprach er mit schwacher Stimme, doch ohne zu stocken, »warum siehst du mich nicht an? Ich weiß, dass du es bist, aber ich könnte glauben, dass meine Fantasie mir ein Bild vorgaukelt, ähnlich dem da…« Er wies auf das Stereoskop. »Gib mir einen Beweis, dass du es bist, dreh dich um zu mir, sieh mich an, Klara!«
Langsam hob sich Klaras Hand und sank wieder herab.
»Klara, Klara! Dreh dich um zu mir!«
Und Klaras Kopf wandte sich um, die gesenkten Lider taten sich auf, und die dunklen Augen sahen Aratow stechend an.
Er wich zurück und brachte nur ein gedehntes, bebendes »Ah!« hervor.
Klara musterte ihn eindringlich, doch ihre Augen, ihre Miene behielten den nachdenklich-strengen, beinahe ungehaltenen Ausdruck. Mit dieser Miene war sie auch bei der literarischen Matinee auf der Bühne erschienen, ehe sie Aratow gewahrt hatte. Und ebenso wie damals wurde sie plötzlich rot, ihr Antlitz belebte sich, in ihren Augen loderte es auf, und ein frohes, triumphierendes Lächeln öffnete ihren Mund.
»Du hast mir vergeben!« rief Aratow aus. »Du hast gesiegt! Nimm mich hin! Ich bin dein, und du bist mein!«
Mit jäher Bewegung strebte er ihr zu, er wollte diese lächelnden, diese triumphierenden Lippen küssen, und er küsste sie, er spürte, wie sie ihn heiß berührten, er spürte sogar die feuchte Kühle der Zähne, und ein entzückter Schrei erfüllte das halbdunkle Zimmer.
(5)

Und wild entschlossen, sich endgültig mit Klara zu vereinigen, hungert sich Jakow zu Tode.

Ausführungen zu den Romanen und dem geistig-gesellschaftlichen Hintergrund Turgenjews folgen in den nächsten Teilen.

(1) [zitiert nach Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)]
(2) [alle Passagen aus den Frühlingsfluten sind nach der Übersetzung von Dieter Pommerenke zitiert]
(3) [zitiert nach Gerhard Dudeks Nachwort zum Band Frühlingsfluten aus den Gesammelten Werke in Einzelbänden]
(4) [ebenda]
(5) [Alle Passagen von Nach dem Tode (Klara Militsch) sind nach der Übersetzung von Wilhelm Plackmeyer zitiert.]

Literatur:
Iwan Turgenjew: Erzählungen 1857–1883, Gedichte in Prosa (1967)
Iwan Turgenjew: Gesammelte Werke in Einzelbänden 1–10 (1994), darin der Erzählband: Frühlingsfluten (mit einem Nachwort von Gerhard Dudek)
Iwan Turgenjew: Meistererzählungen (1993, mit einem Nachwort von Erich Müller-Kamp)
Iwan Turgenjew: Visionen und andere phantastische Erzählungen (1918, in der Übersetzung von Alexander Eliasberg)

Willy Birkenmaier: Das russische Heidelberg (1995)
Peter Brang: I. S. Turgenev. Sein Leben und sein Werk (1977)
Alexander Eliasberg: Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts (1922)
Wolfgang Kasack: Hauptwerke der russischen Literatur (1997)
Pëtr Kropotkin: Ideale und Wirklichkeit in der russischen Literatur (2003, herausgegeben und kommentiert von Peter Urban)
Reinhard Lauer: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart (2000)
Propyläen Geschichte der Literatur (1988, 6 Bd., herausgegeben von Erika Wischer)
Juan Eduardo Zúñiga: Turgenjew. Eine Biographie (2001)

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.