Iwan Alexandrowitsch Gontscharow – Der Vater des Oblomow

Iwan Alexandrowitsch Gontscharow
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Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Er durchlebte fast das ganze so ereignis- aber auch ruhmreiche 19. Jahrhundert Russlands. Zur Welt kam er am 18. Juni 1812  in der damals noch recht idyllischen Stadt Simbirsk an der Wolga (heute Uljanowsk) zu einer Zeit, als Russland unter Alexander I. auf dem Höhepunkt seines Ansehens in der Welt war.

In seiner Jugend erlebte er das Goldene Zeitalter der russischen Literatur mit den großen Romantikern Puschkin und Lermontow und den schnellen Sieg des Realismus mit Gogol – alle drei verehrte er und wurde von ihnen geprägt.

Aber schon auf der Handelsschule in Moskau war er auch Zeitgenosse des Dekabristenaufstandes (1825) und seiner Niederschlagung durch Nikolaus I., dem Zaren, der dann für 30 Jahre Friedhofsruhe in Russland sorgte. Er musste den Duelltod eben jener, die er verehrte, hinnehmen – Puschkin (1837) und Lermontow (1841), mit dem er in Moskau studiert hatte. Hoffnungsvoll wurde er gestimmt durch den „Bauernbefreier“ Alexander II., der die Leibeigenschaft aufhob. Und er musste jedoch mit ansehen, wie sich die russische Gesellschaft zunehmend radikalisierte und eben dieser recht liberale Zar und Kaiser ermordet und 1881 mit Alexander III. der Untergang des Zarenreiches eingeläutet wurde. Das Ende dieses vierten Zaren zu seinen Lebzeiten erlebte er nicht mehr, er starb am 27. September 1891 in Sankt Petersburg vereinsamt.

Dabei war er auf dem Höhepunkt seines Erfolgs als Zeitgenosse der Großen der russischen Literatur – Dostojewski, Lew Tolstoi, A. K. Tolstoi, Saltykow-Schtschedrin, Boborykin, Leskow, Korolenko, Turgenjew, Melnikow, Tschernyschewskij, Pissarew – durchaus nicht einer unter vielen. Der fürstliche Anarchist und Schriftsteller Kropotkin – und nicht nur er – nennt ihn in einem Atemzug mit Lew Tolstoi und Turgenjew, und das obwohl Gontscharow, wie Melnikow, ganz und gar nicht Revolutionär geschweige denn Anarchist gewesen ist. Und Lew Tolstoi spricht mit Hochachtung von ihm. Dostojewski erklärt sogar, von ihm beeinflusst zu sein.

Er war Staatsbeamter; anfänglich ein kleiner Übersetzer im Finanzministerium und am Ende seiner Laufbahn (1867) Zensor – was ihm allerdings einige Schwierigkeiten mit seinen Schriftstellerkollegen eingebracht hatte, obwohl er alles in seiner Macht Stehende tat, um ihnen zu helfen (z. B. Turgenjew). 1871 zog er sich zurück, veröffentlichte nichts mehr, war beleidigt und grummelte nur noch vor sich hin. Schuld war sein letzter Roman „Die Schlucht“ (1869), der auf völliges Unverständnis gestoßen war. In einer Zeit von immer stärker werdendem revolutionären Bewusstsein hatte Gontscharow zwar keine reaktionären aber doch konservative Gedanken geäußert – außerdem war ihm ausgerechnet die Zeichnung der revolutionären Figur misslungen.

Insgesamt hat er wenig veröffentlicht: ein paar Erzählungen, die hochgelobte Beschreibung einer dreijährigen, dienstlichen Reise mit Schiff und Wagen „Die Fregatte Pallas“ (1858) – Kropotkin hält sie in seinen „Ideale und Wirklichkeit der russischen Literatur“ (1905) für das Beste, was auf diesem Gebiet jemals geschrieben wurde – und drei Romane, wobei der erste „Eine alltägliche Geschichte“ (1847) ihm Aufmerksamkeit einbrachte, und der zweite, „Oblomow“ (1859), seinen bis heute anhaltenden unsterblichen Ruhm begründete.

Der Ruhm geht soweit, dass ein bestimmtes menschliches Verhalten – und zwar das seiner Hauptfigur Oblomow – nicht nur in den Sprachgebrauch als Oblomowerei (im Russischen spricht man von „Oblomowschtschina“) eingegangen ist, sondern sogar in der Medizin als Begriffsbestimmung – als klassische Diagnose – verwendet wird. Damit wird ein an und für sich intelligenter, aber vollkommen antriebsloser Mensch bezeichnet, der Pläne schmiedend und nichts tuend seinem Untergang seelenruhig entgegensieht.

Diese Figur hatte er sich nicht ausgedacht. Es war der Urgroßvater der Schriftstellerin Nina Berberowa (*1901 †1993), Dmitri Lwowitsch, den er vor Augen hatte. Er zeichnete bis überzeichnete den typischen Adligen dieser Zeit, der, wohl sehend welche Umwälzungen die Zeit – z. B. das Ende der Leibeigenschaft – mit sich bringt und diese auch für richtig hält, es dennoch nicht fertigbrachte, die eingefahrenen Bahnen der Jahrhunderte alten Lebensweise des Adels zu verlassen.

Nun hätte man annehmen können, dass sich der Adel, derartig bloßgestellt, auf die Füße getreten gefühlt hätte, zumal sich in Oblomow alle irgendwo wiederfanden. Aber die Karikatur dieses Menschentyps ist keine bösartige, im Gegenteil, Oblomow ist sympathisch – man möchte ihm sogar helfen, damit er sein Leben in Ruhe leben kann –, aber gleichzeitig ist klar, dass er unausweichlich untergehen muss. Alle Szenen sind so liebe- und verständnisvoll gezeichnet, dass man fast vermuten kann, Gontscharow hat hier Teile von sich selbst gezeichnet – zumindest was die äußere Erscheinung angeht, hat sich er sich tatsächlich selbst gezeichnet. Der Unangenehme in der Partie ist sein Freund und Widerpart mit Namen „Stolz“ – ein Deutschrusse, der mit den (einem „On dit“ zufolge) typisch deutschen Eigenschaften, wie Tatkraft, Zielstrebigkeit, Rationalität und was es sonst noch alles an diesen „guten“ Eigenschaften gibt, ausgestattet ist.

Eigentlich geschieht in diesem Roman zwangsläufig nicht viel, aber das alles, was da nicht geschieht, ist schön und spannend erzählt. Es lohnt sich, sich darauf einzulassen.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.