Ist Wladimir Putin ein politisches Genie – oder nur ein mittelmäßiger Mensch, der das für ihn perfekte Herrschaftssystem gefunden hat? Zwei russische Publizisten führen darüber einen ungewöhnlich offenen Dialog. Michail Edelstein warnt davor, Putin weiterhin als unbedeutend und unfähig abzutun. Dmitri Bykow antwortet: Putins Erfolge bewiesen nicht seine Größe, sondern seine vollkommene Anpassung an ein krankes System.
Seit mehr als einem Vierteljahrhundert begleitet eine bemerkenswerte Konstante die Herrschaft Wladimir Putins: Seine Gegner erklären ihn für mittelmäßig, talentlos und politisch beschränkt – während er selbst weiterregiert.
Diesen Widerspruch nahm der Philologe und Publizist Michail Edelstein am 4. August in seinem Meinungsbeitrag „Doch der Boss ist immer noch da“ zum Ausgangspunkt. Wer eine riesige und komplizierte Gesellschaft unter seine Kontrolle gebracht, Oligarchen, regionale Machthaber und mehrere Generationen von Oppositionellen ausgeschaltet und 2008 sogar einen zuverlässigen Platzhalter für das Präsidentenamt gefunden habe, könne schwerlich vollkommen unfähig sein.
Edelsteins Provokation lautet deshalb: Vielleicht müsse man anerkennen, dass man es mit einem „Genie der Politik“ zu tun habe – oder zumindest mit einem Genie dessen, was in der Russischen Föderation Politik genannt werde.
Am 16. August antwortete der Schriftsteller Dmitri Bykow im Magazin Republic mit dem Essay „Das Hasenmäntelchen – oder: Wessen Gurke ist länger?“. Er weist Edelsteins Beobachtung nicht zurück. Putin hat sich an der Macht gehalten. Er hat Konkurrenten ausgeschaltet, Krisen ausgesessen und das politische System des Landes seiner Person untergeordnet. Bykow bestreitet jedoch, dass daraus auf historische Größe oder besondere politische Intelligenz geschlossen werden könne.
Damit ist ein bemerkenswerter schriftlicher Dialog entstanden: Edelstein sieht im dauerhaften Erfolg den Beweis für Putins Fähigkeiten. Bykow sieht darin vor allem den Beweis seiner perfekten Eignung für das russische Machtsystem.
Der Erfolg des Stärkeren
Edelstein argumentiert zunächst empirisch. Im Jahr 2000 übernahm Putin ein Land, in dem Oligarchen, regionale Gouverneure, Geheimdienste und die sogenannte Jelzin-Familie miteinander um Einfluss rangen. Aus diesem fragmentierten Machtgefüge entstand Schritt für Schritt ein zentralisierter Staat, dessen Institutionen schließlich vollständig vom Kreml abhängig wurden.
Putin überstand die Proteste von 2011 und 2012, die wirtschaftlichen und politischen Folgen der Krim-Annexion, westliche Sanktionen und schließlich auch den Verlauf eines Krieges, der erkennbar anders verlief als geplant. Selbst wer seine Politik für verbrecherisch und seine strategischen Entscheidungen für verheerend hält, müsse erklären, weshalb Putin noch immer im Kreml sitzt.
Edelstein wendet sich damit gegen eine verbreitete Form des Wunschdenkens. Wer Putin lediglich verspottet und ihm jede Fähigkeit abspricht, erspart sich die unangenehme Frage, warum seine Gegner ihm so wenig entgegensetzen konnten. Auch ein alternder Akela, so Edelstein, dürfe nicht vorschnell abgeschrieben werden.
Der Erfolg eines Gewalttäters mache diesen allerdings noch nicht zum Champion, erwidert Bykow. Dass Putin stärker gewesen sei als seine Opfer, sage zunächst nur etwas über die ungleiche Verteilung der Machtmittel aus.
Der Mann mit der längeren Gurke
Bykow nähert sich Putin nicht als Politologe, sondern als Schriftsteller. Er versucht, den Herrscher von seiner Herrschaft zu trennen: Was bliebe von Putin, wenn man ihm Amt, Apparat und unbegrenzte Macht nähme?
Seine Antwort ist das Bild eines kleinlichen Datschennachbarn. Eines Mannes, der sich durchaus hilfsbereit zeigt, solange alle anerkennen, dass sein Haus stabiler, sein Gewächshaus wärmer und seine Gurke länger ist. Einer, der die verliehene Rasenmähermaschine zurücknimmt, aber einen Kratzer niemals vergisst. Nicht dämonisch, nicht charismatisch – doch nachtragend, empfindlich und besessen von Rangordnungen.
Der russische Thron, schreibt Bykow, vergrößere die schlechten Eigenschaften desjenigen, der auf ihm sitze: Misstrauen, Intoleranz und Größenwahn. Die Dimension der angerichteten Schäden dürfe deshalb nicht mit der Dimension der Persönlichkeit verwechselt werden.
Putin sei kein Führer, sondern ein idealer Vollstrecker. Er bewege sich sicher, solange alles „im Rahmen“ bleibe. Er beherrsche die Regeln des Apparats, lese Abhängigkeiten und Kränkungen, erfülle seine Funktion mit großer Pedanterie – besitze aber weder Vorstellungskraft noch die Fähigkeit, außerhalb des vorgegebenen Systems zu denken.
Bykows Urteil lautet daher: Putin sei weder ein Genie noch ein vollständiges Nichts, sondern ein „geniales Nichts“ – eine zur Vollendung gebrachte Leere.
Intelligenz oder Anpassungsfähigkeit?
Hier liegt der Kern des Streits. Edelstein schreibt Putins Erfolge dessen persönlicher Machtintelligenz zu. Bykow verlagert die Ursache vom Menschen auf das System.
Putin gewinnt nach dieser Lesart nicht, weil er größer wäre als die russische Machtordnung, sondern weil er ihr genauer entspricht als jeder andere. Er muss keinen historischen Kurs erfinden. Es genügt, den vorhandenen Instinkten des Systems zu folgen: Zentralisierung, Repression, äußere Aggression, negative Auswahl und die Bewahrung der Vergangenheit.
Bykow beruft sich dabei auf eine Unterscheidung des Schriftstellers Fasil Iskander. Intelligenz sei die Fähigkeit, gesellschaftliche Gesetze zu erkennen und ihnen entsprechend zu handeln. Weisheit dagegen bedeute, diese Gesetze zu kennen und dennoch gegen ihre Strömung handeln zu können.
In diesem begrenzten Sinne spricht auch Bykow Putin Intelligenz nicht völlig ab. Putin versteht die kurzfristigen Gesetze seiner Umgebung. Er weiß, wie Loyalität erzeugt, Angst genutzt und Konkurrenz verhindert wird. Was ihm fehlt, ist die Fähigkeit zu erkennen, dass diese Gesetze auf lange Sicht das System selbst zerstören.
Edelstein und Bykow reden deshalb teilweise von verschiedenen Dingen. Der eine fragt: Wie konnte Putin so lange an der Macht bleiben? Der andere: Wohin hat diese Begabung Russland geführt?
Machterhalt beweist Machtintelligenz. Er beweist jedoch weder politische Weisheit noch strategischen Weitblick. Ein Herrscher kann jeden innenpolitischen Machtkampf gewinnen und zugleich sein Land in eine historische Niederlage führen.
Russland als Sumpf und Zeitbombe
Im zweiten Teil seines Essays verlässt Bykow die psychologische Charakterstudie und entwirft eine große Theorie der russischen Geschichte. Russland erscheint darin als Sumpf, der eine einzigartige Flora und Fauna hervorbringt, aber jede grundlegende Trockenlegung verhindert. Staat, Bevölkerung und Intelligenzija beklagten die Verhältnisse und schreckten zugleich vor Veränderungen zurück, sobald diese die vertraute Ordnung tatsächlich gefährdeten.
Die russische Intelligenzija, so Bykows bittere Diagnose, benötige die Unterdrückung beinahe ebenso sehr wie der Staat. Sie leide unter ihr, entwickle aber gerade aus diesem Leiden ihre kulturelle Identität. Würde sie ihre reformerischen Ziele vollständig erreichen, verschwände auch die historische Rolle, aus der sie ihr Selbstverständnis bezieht.
Putin wird in diesem Geschichtsbild zum Vollstrecker eines lange vorbereiteten Endes. Frühere Herrscher hätten den Untergang des Systems im entscheidenden Augenblick durch Reformen oder menschliche Schwäche aufgeschoben. Putin dagegen weiche von seiner Funktion nicht ab. Gerade seine Leere mache ihn zum idealen Werkzeug eines historischen Prozesses, der Russland in die Selbstzerstörung führe.
Das ist sprachlich kraftvoll, analytisch jedoch problematisch. Bykow ersetzt die mögliche Überschätzung Putins durch eine beinahe metaphysische Überschätzung des „russischen Vektors“. Nicht mehr der Herrscher, sondern die Geschichte selbst scheint allmächtig. Putin wird zum Instrument eines nationalen Schicksals, Bevölkerung und Opposition zu Bestandteilen eines Uhrwerks.
Wenn Bykow daraus folgert, über Schuld und Verantwortung zu reden sei sinnlos, geht er zu weit. Zwischen der Behauptung, das russische Volk sei kollektiv schuld, und der Behauptung, Verantwortung spiele überhaupt keine Rolle, liegt nahezu das gesamte Feld der Politik: persönliche Entscheidungen, institutionelle Interessen, Opportunismus, Angst, Widerstand und individuelle Handlungsspielräume.
Auch der Hinweis, Russlands Anteil an der Weltwirtschaft betrage nur rund zwei Prozent und müsse deshalb zwangsläufig gegen die übrigen 98 Prozent verlieren, ist eher eine publizistische Pointe als eine politische Prognose. Wirtschaftliches Gewicht allein entscheidet weder über die Stabilität autoritärer Systeme noch über den Ausgang von Kriegen.
Eine notwendige Korrektur in beide Richtungen
Trotzdem ergänzt Bykows Text Edelsteins Argument auf produktive Weise. Es ist tatsächlich gefährlich, Putin als lächerliche Null abzutun. Ebenso gefährlich wäre es jedoch, aus seinem langen Machterhalt auf umfassende politische Genialität zu schließen.
Putins besondere Begabung liegt möglicherweise gerade in ihrer Begrenztheit. Er erkennt Menschen, Abhängigkeiten und Schwächen. Er beherrscht die kurzfristige Sicherung persönlicher Macht. Doch er kann sich weder eine Ordnung vorstellen, die nicht auf Unterwerfung beruht, noch eine Zukunft, in der Russland ohne den permanenten Konflikt mit seinen Nachbarn und dem Westen bestehen könnte.
Edelstein bewundert widerwillig den Fahrer. Bykow weist darauf hin, dass Straße, Fahrzeug und Abgrund in dieselbe Richtung weisen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Putin klug oder dumm ist. Sie lautet: Welche Art von Intelligenz wird von einem politischen System belohnt – und woran erkennt man, dass die Fähigkeit, sich in diesem System durchzusetzen, zugleich dessen Untergang beschleunigt?
Putin könnte dann als Sieger zahlloser Machtkämpfe in die Geschichte eingehen – und dennoch als der Mann, der den größten verlor.

COMMENTS