Ist Doping ein Phänomen des Sports in Russland? – Teil 1

Doping - 2014 in Sotschi? Russland ist für internationale Sponsoren sehr attraktiv.Doping - 2014 in Sotschi? Russland ist für internationale Sponsoren sehr attraktiv.
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Moskau. Ständig werden neue Fälle von Sportlern bekannt die mit der Einnahme von unerlaubten Substanzen versucht haben oder haben sollen ihre sportliche Leistung zu steigern. Dem russischen Sport wird gezieltes Doping vorgeworfen. Ist der russische Sport dafür prädestiniert?

Zur Beantwortung dieser Frage muss zuerst einmal definiert werden – was ist Doping? Eine einfache Definition für Doping gibt es leider nicht. Aufgrund der Vielfalt der angewendeten Wirkstoffe und der unterschiedlichen Methoden des Betruges ist es bisher nicht gelungen den Begriff Doping in einem kurzen Satz zu definieren. In der offiziellen Definition der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) werden daher eine Reihe von Zuständen und Handlungsweisen aufgelistet, die als Doping geahndet werden. Die Definition ist dort seitenlang.

Allgemein kann man sagen: Doping bedeutet das ein Sportler verbotene Medikamente einnimmt oder anwendet und dadurch eine unfaire und nicht trainingsbedingte Leistungssteigerung bewirkt. Mit anderen Worten – es ist das Eingeständnis der Schwäche des Athleten sowie der Inkompetenz des Trainers, den Sportler ohne Doping weiter zubringen. Dieses geschieht auf der ganzen Welt täglich und nicht nur in Russland.

Was sind die Beweggründe für den Sportler zum Doping?

Meistens werden ethische, juristische, medizinische und sportliche Gründe genannt. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Gesichtspunkte werden in diesem Zusammenhang kaum erwähnt. Dieses, obwohl es doch hauptsächlich um das liebe Geld geht und dieses in jedem Sportverband und in jeder Sportart auf der Erde.

Für dieses Geld führt der einzelne Sportler, wie jedes Unternehmen, für sich ganz persönlich eine individuelle Kosten-Nutzen-Analyse durch. Als Ergebnis kommt dann bei dieser Analyse heraus: es werden verbotene Substanzen eingenommen, wenn dadurch der erzielte Nutzen z. B. erhöhte Siegeschancen bei steigenden Preisgeldern und Einnahmen aus Werbeverträgen – die Kosten für Beschaffung und die gesundheitlichen Folgeschäden übertrifft.

Gemäß der Prämienliste der Internationalen Biathlon Union (IBU) gibt es in dieser Saison für einen Platz auf dem Siegespodest bei einem Welcuprennen 10.000, -, 7.500, – und 5.000, – Euro Prämie, für den Gesamtwelcup werden 25.000, -, 20.000, – und 15.000, – Euro gezahlt. In anderen Sportarten wie z. B. Fussball, Boxen, Leichtathletik usw. liegen diese Preisgelder entschieden höher.

Russland ist für internationale Sponsoren sehr attraktiv

Noch viel höher sind die Sponsorengelder die fließen. Russland ist für internationale Sponsoren ein sehr attraktiver Markt, hier sind hohe Renditen zu erwarten. Zum Beispiel werden die russischen Skispringer mit modernstem Sprungmateriel von internationalen Firmen ausgestattet. Ein Pharmaunternehmen aus der Oberpfalz ist erst kürzlich mit über 100.000 Euro Sponsorengeld im russischen Skisprung eingestiegen. Weiterhin stehen ein Sportartikelhersteller aus der Schweiz und die deutsche Niederlassung des Energiekonzerns Gazprom dem Team zur Seite.

Es sind aber nicht nur internationale Firmen die auf den russischen Sponsorenmarkt drängen, auch einheimische. So hatte die russische Olympia-Mannschaft in Turin massiven Ärger mit ihrem Bekleidungsausstatter Bosco di Cilegi. Die russische Firma mit dem italienischen Namen fordere wegen angeblicher Vertragsverstöße der Sportler eine Million US-Dollar Sponsorengelder zurück. Diese Summen locken jeden Sportler auf der internationalen Bühne.

Was sind die Kosten für den Sportler?

Eine ARD-Reportage über illegale Therapien mit Stammzellen deckte auf: eine Art Gendoping wird Sportlern schon in Krankenhäusern angeboten. Diese gibt es für 15.000 Euro. Die Methode war – wie viele andere Mittel auch – klinisch kaum getestet. Dieses Gendoping konnte jeder Sportler erhalten, egal aus welchem Land er kommt. „Die Sportler spielen mit dem Tod und wissen es nicht einmal“, sagt dazu Ex-DDR-Athletin Ines Geipel, die selbst Opfer von staatlichem Zwangsdoping war.

Nach Auskunft der russischen Staatsanwaltschaft betrieb der im Oktober/08 verstorbene Eishockey-Jungstar Alexej Tscherepanow monatelang Doping. Die Behörde stützte sich dabei auf die Ergebnisse von Urin- und Blutproben. Der erst 19-jährige Tscherepanow war beim Meisterschaftsspiel seines Klubs Avantgard Omsk kollabiert und wenig später verstorben. Tscherepanow hätte aber kein professionelles Eishockey spielen dürfen – niemals. Als offizielle Todesursache war eine Erkrankung der Herzkranzgefäße diagnostiziert worden, die schon seit Jahren bestand und auch bekannt war.

Nur das Ergebnis zählt für Sponsoren und Politik auf der ganzen Erde

Der Hintergrund des Dopings ist auf einer Ebene komplexer internationaler gesellschaftlicher Konstellationen angesiedelt und dieses ist ein internationales Erscheinungsbild und nicht nur für Russland spezifisch. Sponsoren geben Geld in den Sport um das wirtschaftlich Wichtige mit Hilfe sportlicher Akteure zu steigern. Der Sport ist nicht nur ein attraktives Werbemedium sondern auch ein interessanter Absatzmarkt für Konsumgüter. Die Sponsoren investieren dort, wo ihrem Erachten nach der größte Nutzen erzielt werden kann und dazu zählt nun mal auch der russische Markt.

Ebenfalls subventioniert auch noch die Politik in jedem Land den Spitzensport, vor allem um Aufmerksamkeit für Politiker und deren Wiederwahlinteressen herzustellen. Was eignet sich besser für die Herstellung von „Wir-Gefühlen“ und die Repräsentation des eigenen Landes im Ausland als sportliche Siege auf internationaler Bühne? So versuchen Politiker durch die Nähe zum Sport Eingang in die öffentliche Meinung zu erlangen und durch die Nähe zum Sportpublikum eine Gunst bei zukünftigen Wahlentscheidungen zu gewinnen.

Nie zuvor waren so viele hohe Politiker aus der ganzen Welt zu einer Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele angereist, wie in Peking. Unter den mehr als 80 Staats- und Regierungschefs die zu der Zeremonie in Peking waren, waren der ehemalige US-Präsident George W. Bush, Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin, Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy als damaliger amtierender europäischer Ratspräsident und auch Japans Ministerpräsident Yasuo Fukuda.

Sport als internationale Präsentation eigener Interessen

Politik und Wirtschaft in jedem Land nutzen also die weltweite Bühne des Spitzensports um sich sichtbar zu machen und sich ins rechte Licht zu rücken. Wirtschaft und Politik sind ebenso wie das Publikum uneinsichtig bezüglich ihrer Beteiligung und Rolle in der Dopingproblematik, zeigen eine Doppelmoral und konfrontieren Athleten und Sportverbände mit zahlreichem Beziehungsfallen.

Politiker zeigen sich entrüstet wenn Sportler des Dopings überführt werden, fordern ein härteres Durchgreifen der Verbände und beteiligen sich mit Steuergeldern an der Dopingbekämpfung – wobei sie diesbezüglich deutlich knauseriger als bei der Förderung und Belohnung von Spitzenleistungen sind. Bei ausbleibender Medaillenausbeute kürzen sie die Fördergelder für die weniger erfolgreichen Sportarten.

Nikolaj Durmanow Direktor der Antidopingkomission des russischen NOK sagte dazu: “Die Antidoping Labors beschaffen Ausrüstungen nur in Deutschland und in den USA, das erlaubt den nationalen Anti-Doping-Komitees ihre Proben zu vergleichen. Um das Wachstumshormon zu entdecken braucht man ein Gerät das eine Million Dollar kostet. Um dem Gen-Doping auf die Spur zu kommen braucht man fünf Geräte.”

Es werden in Russland Millionen für Prämien ausgegeben aber nur ein Bruchteil davon für funktionierende Antidoping Labors. Dadurch wird natürlich den Sportlern und ihren Trainern eine weit geöffnete Tür geboten.

Sponsoren wissen, dass nur ein als „sauber“ erscheinender Sport langfristig ihre Werbeinteressen und Absatzinteressen bedient und Einnahmen sichert. Sie schreiben deshalb Anti-Doping-Klauseln in ihre Athletenverträge aber wechseln beim Versagen der von ihnen geförderten Athleten ebenfalls schnell zu erfolgreicheren Sportlern oder Mannschaften, die (noch) nicht des Dopings überführt worden sind. Und manchmal sogar auch nicht.

Nach dem 20 Kilometer Geherwettbewerb bei den Olympischen Spielen in Peking sagte die Siegerin Olga Kaniskina aus Russland „ich komme aus einer Trainingsgruppe, wo die Hälfte gedopt ist”. Diese Aussage blieb ohne bekannte Folgen.