IS droht Russland per Video-Botschaft

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Moskau – Liegt nun auch Russland im Fokus des Islamischen Staates? Laut Medienberichten sei ein Video der Terrororganisation IS aufgetaucht, in dem Russland vorgewarnt wird. Auch Deutschland wird angeblich gedroht. In Frankreich hat es bereits gekracht. Die Schweizer Botschaft in Moskau gibt indes Entwarnung.

Was wahr und was unwahr ist, vermag in diesen Tagen sowieso niemand mehr verlässlich zu sagen. Die Meldungen überschlagen sich. Russland führt einen offenen Krieg gegen den IS und Frankreich hat es gestern am eigenen Leib verspürt. Aber beginnen wir mit der (vermeintlich) guten Nachricht, die Schlechten kommen eh von ganz alleine.

Am Freitag gab die Schweizer Botschaft in Moskau insofern Entwarnung für ihre Eidgenossen, dass zwar auf erhöhte Sicherheitsvorkehrungen in Russland hingewiesen wurde, sich die Schweizer aber nicht mehr oder weniger Sorgen machen müssten als gewohnt. Demnach hätte der Chef der Moskauer Polizei, Anatoly Jakunin, eine höhere Sicherheitsstufe auf Grund von Vergeltungsschlägen wegen der russischen Luftangriffe in Syrien herausgegeben. Eine offizielle Bestätigung solcher Anschläge gibt es jedoch noch nicht.

„Bald, sehr bald!“

Und nun die schlechte Nachricht. Wie „Russia beyond the headlines“ vermeldete, sei ein IS-Video aufgetaucht, in dem Russland massiv gedroht wird. Es kursiere zwar schon seit vergangenem Donnerstag, jedoch würde sich das mit der Schweizer Meldung decken. Auf Grund dessen appellieren „Experten“ an die russische Regierung der Videobotschaft Bedeutung beizumessen. Bekräftigt durch die Pariser Anschläge läge Russland als nächstes im Visier des Terrors.

„Bald, sehr bald“ verheißt das fünfminütige Video, das über das Internet verbreitet wurde und zeigt dazu Sequenzen martialischen Hinrichtungsszenarien seitens des IS. Hinterlegt mit Bildern aus Moskau und Kasan. „Bald, sehr bald“ höre man nach jeder weiteren Drohung. Die „Botschafter“ des IS sprechen dabei astreines und klares Russisch. Der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow habe das Video zwar noch nicht selber gesehen, aber der russische Geheimdienst prüfe es gerade auf Herz und Nieren. Bestätigen kann Peskow also noch nichts.

Laut Sergej Gontscharow, dem Vorsitzenden der internationalen Vereinigung von Veteranen der Antiterror-Spezialeinheit Alfa, sei Russland zum „Opfer der politischen Situation“ geworden. Er sieht die Schuld auch in den westlichen Medien: „Diese arbeiten sehr konsequent an einem Meinungsbild: Russland als Erzfeind des IS“. Er empfiehlt daher, die Drohungen sehr ernst zunehmen.

Hat der IS jetzt auch endlich Zeit für Russland?

„Solange sie gekämpft und sich mit der Konsolidierung beschäftigt haben, hatten sie keine Zeit für Russland. Aber nach den Luftangriffen hat sich alles verändert. Jetzt hassen sie uns sogar noch mehr als die Amerikaner oder Briten“. Das wiederum sagt Georgy Mirsky, Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen an der Russischen Akademie der Wissenschaften. Auch er sieht also die Luftangriffe Russlands auf IS-Stützpunkte in Syrien als Stein des Anstoßes.

Zudem fordert Mirsky, dass die russischen Geheimdienste so gut vorbereitet und geschult würden, wie die israelische Polizei. Er habe Respekt vor deren langjähriger Erfahrung in der Terrorbekämpfung. Darüber hinaus fordert er V-Männer oder auch -Frauen, die es gilt in Terrorzellen einzuschleusen. Sein Kollege, der Antiterror-Veteran Gontscharow, ist der Meinung, dass Russland über gute und einsatzbereite Geheimdienste verfüge. Allerdings muss der auch zugeben, dass sie nicht immer einwandfrei funktionieren würden.

Zumindest könnten sie aber sicherstellen, dass die Vorgänge im eigenen Land kontrollierbar sind. Zudem sollten sie die Grenzkontrollen übernehmen. Ansonsten sähe er keine Gewährleistung für die Sicherheit seiner Landsleute mehr. Von Flugverboten über vermeintliche Krisengebiete, wie die Staatsduma kürzlich forderte, hält Gontscharow indes nichts. Seiner Meinung nach würde dies einen neuen „Eisernen Vorhang“ heraufbeschwören. Nun muss man sicherlich die Traumata und mitunter auch das Alter von Veteranen berücksichtigen, aber Herr Gontscharow, lassen Sie sich sagen: Der erneute „Kalte Krieg“ ist schon längst Realität und, wie Sie selber sehen, heißer denn je!

[mb/russland.RU]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.