Interview mit der russischen Künstlerin Irina Orkina

Seien Sie gegrüßt, Frau Irina Arsenjewa Orkina. Vielen Dank, dass Sie »russland.ru« die Gelegenheit zu diesem Gespräch geben.

Sagen Sie bitte einfach „Irina“.

Danke, Irina. … Es ist ja nun nicht gerade einfach, Sie einmal zu erwischen. Sie sind eine nicht nur in Russland bekannte Künstlerin mit Ausstellungen in Weißrussland, der Ukraine, Frankreich, Japan, den USA und Deutschland … ich hoffe, ich habe nichts vergessen.

Sie haben … In Russland natürlich, in Moskau, wo ich ja einen nicht unbeträchtlichen Teil des Jahres lebe, schon allein weil ich dort unterrichte, … und ganz besonders die Ausstellungen in den vielen großen Städten Ostsibiriens!

Pardon, das zu vergessen, ist ja fast schon ein Witz! Entschuldigung. … Sie sind darüber hinaus Preisträgerin verschiedenster Wettbewerbe in Moskau, in Chabarowsk und in Sotschi und … Sie sind eine unermüdlich Reisende zwischen Ost und West … von München bis an die äußerste Ostgrenze von Sibirien … das sind grob geschätzt 10.000 km Luftlinie … man kann sagen, wenn in München die Sonne untergeht, geht sie in Chabarowsk schon wieder auf. Aber geboren sind Sie zu Sowjetzeiten im Süden von Weißrussland. Wie passt das alles – bis hin zu Chabarowsk – zusammen? Wie gerät man als Europäer an den äußersten Rand von Sibirien?

01Sie machen wohl Witze?! … Wie kommt man nach Sibirien?!! … Also, dann will ich Ihnen einen kleine sowjetische Anekdote erzählen, wie man nach Sibirien kommt … wir haben ja Zeit, ich zumindest … und Sie können ja später kürzen: … Treffen sich zwei Richter auf dem Flur des Gerichts und der eine lacht ganz fürchterlich. Fragt ihn der andere, warum er den so heftig lacht. Darauf der lachende, er habe gerade einen prima Witz gehört. Der andere will sofort den tollen Witz hören. Der lachende winkt ab und will ihn nicht erzählen. Der andere Richter besteht aber darauf. Meint der lachende, es gehe wirklich nicht, denn er habe gerade 10 Jahre Sibirien für den Witz gegeben. … Nun. Ich habe zwar keinen Witz gemacht und landete auch nicht in einem Straflager, aber im Grunde war es ähnlich.

Da bin ich gespannt.

Im Jahr 1973 habe ich gemeinsam mit meinem Mann in Moskau die künstlerische Hochschule im Fach »künstlerische Keramik« beendet. Meine und meines Mannes Keramiken ähnelten nicht denen, die man damals für das sowjetische Volk machen musste. Freiheit des Geistes war in der Sowjetunion nicht gewünscht, sogenannter sozialistischer Realismus war angesagt … und da war wahrscheinlich auch noch mein Geburtsmakel. … Da wir aber die künstlerische Hochschule immerhin beendet hatten, sollten wir gemäß den Vorschriften drei Jahre in der Produktion von Keramiken arbeiten. Und da haben sie uns ganz einfach etwas weiter weg geschickt: nämlich nach Ostsibirien, nach Chabarowsk.

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Dort sollten wir als Maler in einem Keramikbetrieb arbeiten. Das würde uns den sozialistischen Realismus schon beibringen. … Unsere Eltern wollten uns natürlich nicht gehen lassen, weil sie dachten, dass es in Chabarowsk schrecklich sei: „Da laufen die Bären auf den Straßen herum!“ … Wir sind in Chabarowsk dann mitten im grimmigsten Winter gelandet: Minus 30 Grad und schneidender Nordwind! Natürlich erschien es uns nach dem Moskauer Wetter einfach grauenhaft! Bären haben wir auf den Straßen zwar nicht getroffen, aber die Menschen selbst sahen wie Bären aus: alle trugen riesige Pelze und Fellmützen. Sie sahen sehr drollig aus, aber nach ein paar Tagen ist uns das Lachen vergangen: durchgefroren von stärkstem Wind, der die Tränen fließen ließ, und erfroren im Gesicht, haben auch wir Pelze und Fellmützen angezogen. … Dort blieb ich dann 20 Jahre und bin noch heute fast die Hälfte meiner Zeit dort. Mein Mann hatte zwar enthusiastisch gesagt „Mit dir gehe ich bis ans Ende der Welt!“ Das tat er auch … allerdings ist er nach 10 Jahren nach Moskau zurückgegangen … und ich blieb mit zwei kleinen Kindern am Ende dieser Welt sitzen. … Deshalb sage ich heute übrigens meinen Studentinnen immer: „Wenn euer Mann sagt »mit dir gehe ich ans Ende der Welt«, freut euch nicht zu früh, es könnte sein, dass ihr an diesem Ende der Welt allein bleibt.“ … Aber ich will nicht ungerecht sein, mit ausgelöst hat den Entschluss meines Mannes auch wieder die Politik. ….

Die Politik?

Ja letztlich wieder die Politik. … Eine große Enttäuschung über eine heiß ersehnte Ausstellung. …. 1983 sollte nämlich eine große Ausstellung aller sibirischer Künstler nach Chabarowsk stattfinden. Mein Mann und ich bereiteten viele interessante Arbeiten vor. Zu dieser Zeit hatten wir, wie ich schon sagte, schon zwei Kinder, deshalb hatten wir natürlich nicht viel freie Zeit und arbeiteten nachts. Wir hofften sehr auf dies Ausstellung, aber leider! … Nicht eine Arbeit, weder von mir, noch von meinem Mann wurde für die Ausstellung angenommen. … Man beschuldigte uns des Formalismus und der Nachahmung des „Wilden Westens“, westlichen Epigonentums und der Nichtachtung der Gefühle des sowjetische Volkes. Das war für uns eine riesige Enttäuschung, besonders für meinen Mann. Und er hat dann für sich entschieden, dass man sich mit künstlerischem Arbeiten nicht beschäftigen darf, wenn die Menschen das nicht wahrnehmen. … Ich aber meine, dass der echte Künstler schafft, weil er nichts als schaffen kann … ohne sein Schaffen kann er nicht leben. Und es ist nicht wichtig, ob man ihn heute versteht oder nicht. Die Zeit wird kommen und man wird ihn verstehen. … So ist es mir ja dann auch ergangen. Ich setzte mein künstlerisches Arbeiten fort und im Jahr 1990 war meine erste persönliche Ausstellung. Und dann gab es Ausstellungen in Japan, in den USA usw. Mein Mann aber hatte aufgehört, künstlerisch zu arbeiten, war mit einer anderen Frau aus Chabarowsk weggefahren und hatte ein nichtkünstlerisches Leben begonnen.

Darf ich noch auf etwas zurückkommen, wovon Sie vorhin sprachen? Sie sprachen von Ihrem Geburtsmakel. Was haben Sie damit gemeint … oder wollen Sie darüber nicht sprechen?

03Nun, heute kann ich darüber schon sprechen. … Geboren bin ich in einer historischen Stadt im Süden Weißrusslands … heute ist das das urwüchsige Naturschutzgebiet Polessje, die Pripjatsümpfe … und leider stark von Tschernobyl verseucht. … Mein Großvater mütterlicherseits wurde während der Stalinrepressionen in den 30er Jahren enteignet und mein Vater wurde 1941 von den Nazis nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppt. Nach Kriegsende wurde er nach seiner Rückkehr in die UdSSR vom Stalinregime, wie fast alle Zwangsverschleppten, des Verrats beschuldigt und für fünf Jahre zur Zwangsarbeit in ein Lager gesteckt. Erst nach der Perestroika in den 90er Jahren wurde er rehabilitiert, bis dahin lebte er mit diesem Makel, und wenn wir etwas von den Behörden wollten, kam das sicherlich auch immer wieder auf den Tisch. … Das bürokratische Langzeitgedächtnis hat ja bekanntlich hervorragend funktioniert. … Heute ist das alles Geschichte … aber 1973, als wir nach Sibirien geschickt wurden, war das noch sehr aktuell.

Nun, Irina, das hört sich ja nicht gerade nach einem glücklichen Leben an …

Oh, nein! Das täuscht! Erstens bin ich nicht jemand, der sich die negativen Seiten des Lebens andauernd vor Augen hält … in Deutschland sagt man glaube ich, dass bei mir das Glas immer halb voll und nie halb leer ist … und außerdem hatte ich tatsächlich eine glückliche Kindheit … und auch mein Leben in Ostsibirien war voller spannender Ereignisse und ich habe dort große, tiefe Freundschaften gefunden, was Sie ja an meinen Werken, seien es Bilder oder Keramiken, sehen können.

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Nehmen Sie in der Reihe „Illusionen des Geistes“, das Projekt „Schamanismus“ … ja eigentlich alle meine Werke. Aber davon vielleicht später … Ich hatte wirklich eine glückliche Kindheit in einem kleinen Dorf nahe Moskau. Und das ist kein Glorienschein der Erinnerung. Wir lebten in einem Haus, das mein Großvater Vasil gebaut hatte und das auf dem schönsten Hügel lag, … ich bin oft in den Wald gegangen, habe Blumen gepflückt und Muster aus ihnen gelegt und habe die Natur genossen … natürlich nicht bewusst, wie heute … ich fühlte mich dort einfach aufgehoben, es war meine Welt. Schon mit acht Jahren schrieb ich kleine Märchen über Blumen und Bäume und machte Zeichnungen dazu, schon immer haben mich Farben und Formen magisch angezogen. Genau das habe ich dann auch in Sibirien in der herbstlichen Taiga mit ihrer unvorstellbaren Farbenpracht und den verrücktesten Formen wiedergefunden….

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Da geben Sie mir das Stichwort, Irina. Taiga! Für einen Europäer etwas unvorstellbar Geheimnisvolles, mal wild Romantisches, mal tödlich kalt Erschreckendes, die ewigen menschenleeren Weiten, gefährliche Wildnis und begnadete Ruhe und Stille, in der sich der Mensch findet. Ich will jetzt nicht in eigene poetische Ergüsse geraten …

Ja, Sie haben in allem recht, das alles ist die Taiga … und ich hatte viele außergewöhnliche … schreckliche, wie wunderbare Erlebnisse dort …. Vielleicht werde ich ihnen einige erzählen?

Das wäre hervorragend!

Aber … erst einmal ist da die begnadet schöne Landschaft … ich weiß noch, wie wir uns in unserem ersten Winter nach dem Frühling und dem Sommer gesehnt haben … Aber der Sommer war noch extremer als der Winter. Eine unerträgliche Hitze, Schwärme von Mücken und Fliegengeschmeiß … man konnte sich nicht eine Minute entspannen! Im Frühling oder im Sommer in den Wald zu gehen, ist nicht empfehlenswert. Außerdem gibt es Gehirnhautentzündung verursachende Zecken, deren Biss tödlich sein kann. Die Mücken und das Fliegengeschmeiß bedecken im Wald den Körper des Menschen mit einer so dicken Schicht, so dass sie wie eine eigenartige Kleidung aus Insekten aussieht, die sich am Körper festsaugten und erbarmungslos das Blut trinken. … Aber den Einwohnern der Taiga, den Nanai, macht das alles nicht viel aus … und wir Europäer müssen uns daran gewöhnen und uns entsprechend schützen … dann kann man die Schönheit auch genießen. Nur wenn der ausgetrocknete Torfboden der Taiga im Sommer brennt, was leider immer öfter geschieht, verschwinden die Mückenschwärme … aber dann kann man die Schönheit auch nicht genießen … im Gegenteil, dann wird es gefährlich. Erst im Herbst kann man sie frei und unbeeinträchtigt genießen. Dann leuchtet die Taiga in allen Farben des Regenbogens. Und dann im Winter … in einem normalen Winter bei minus 20 bis minus 30 Grad, wenn die unendliche Taiga tief verschneit ist, wenn die Sonne strahlt, … dann kommt man zur Ruhe, dann fühlt man, was für ein kleines, eigentlich unbedeutendes Wesen der Mensch ist.

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Um Gottes Willen! Minus 20 bis minus 30 Grad! Ruhe! Frieden und Glück!? Das ist schwer vorstellbar.

Oh doch. Dort ist die Kälte trocken, man empfindet sie nicht so kalt, wie im feuchten Westeuropa. Außerdem kann man sich mit dicken Bärenfellen schützen. Ungemütlich wird es erst bei minus 40 Grad oder wenn der Wind pfeift und Schneestürme über das Land jagen. … Aber auch dann leben dort die Nanai!

Irina, auf die Nanai will ich später noch zu sprechen kommen … aber immer wieder sprechen Sie von Bären. Auch für uns Westeuropäer verbindet sich das Wort Sibirien unweigerlich mit Bären. Ist es wirklich so, dass dort die Bären zum Alltag gehören wie bei uns irgendein x-beliebiges Wild?

Ja, Bären gehören in der Taiga zum Alltag … in manchem Winter kommen sie sogar in die Vorstädte, um im Abfall nach Fressbarem zu suchen. … Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen ja von meinem ersten Treffen mit einem Bären erzählen.

Ich bitte darum!

07Ich bin viel durch Sibirien, durch die Halbinsel Kamtschatka und Sachalin gereist. Einmal war ich auf der Insel Sachalin, um Skizzen vom Meer zu machen. Dort gibt es viele Bären und im Herbst, wenn in die kleinen Flüsse, die ins Meer münden, die Fische zum Laichen kommen, gehen die Bären auf Fischfang. … Die Sachaliner Künstler zeichneten damals das Meer, kehrten den Bären den Rücken zu, beachteten sie nicht und schauten aufs Meer. Das machen die Künstler so, weil sie, immer wenn ein Bär zum Wasser herunterkommt, ihn sehen und rechtzeitig weglaufen können. … Ich war zum ersten Mal gekommen, um das Meer zu zeichnen, und wusste nichts davon. Ich schaute nur auf das Meer, zeichnete es und genoss die Schönheit. …

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Plötzlich höre ich hinter meinem Rücken ein unheimliches Heulen. Ich erstarrte vor Angst und Schreck. Ich konnte weder Arme noch Beine bewegen. Als ich mich zu dem Heulen herumdrehte, sah ich einen Bären dicht neben mir. Mit einem wilden Schrei habe ich ihm die Farben, die ich gerade in der Hand hatte, in die Schnauze geschmissen. Vollkommen überrascht hat er mit den Ohren geschlackert und hat eine großen Haufen geschissen. … Ich muss zugeben, auch habe mich eingepinkelt…. Klugerweise haben der Bär und ich uns zu verschiedenen Seiten geworfen. … Erst später habe ich von Leuten, die sich mit Bären auskennen, erfahren, dass mich mein Aufschreien und weil ich dem Bär die Farben in die Schnauze geschmissen habe, gerettet hat. Damit habe ich ihn erschreckt. … Obwohl, … wer mehr erschrocken ist, der Bär oder ich, ist nicht so genau bekannt.

Fantastisch! … Selbst im Film würde manchem bei dieser Szene der Atem stocken … und Sie haben es selbst erlebt! … unglaublich. … Vielleicht können Sie am Schluss des Interviews noch das eine oder andere Erlebnis mit Bären in der Taiga erzählen?

Gerne, … wenn es Ihnen nicht zu lang wird?

Bestimmt nicht. … Aber lassen Sie uns in Ihrer Vita weitergehen. Aus meinen Unterlagen ersehe ich, dass Sie in Chabarowsk als Designerin, dann später Chefdesignerin in einem Werk der Volkskunstvereinigung gearbeitet haben und außerdem noch studiert und einen Abschluss an der Fakultät Kunst, Grafik und Design gemacht haben. … Und noch ethnografische Studien mit Exkursionen betrieben haben. Was muss man sich unter Letzterem vorstellen?

09Ich habe vorhin schon einmal kurz die Nanai erwähnt. Das sind die heute noch in diesem Gebiet lebenden Ureinwohner … etwa 13.000 …, die auch als staatliche Minderheit anerkannt sind. Viele von ihnen leben noch in der Taiga an den Flüssen Amur und Ussuri von Fischfang und Jagd und ein wenig Ackerbau … so wie in alten Zeiten … und sie haben sich ihre Tradition bewahrt, fast die Hälfte spricht neben russisch auch noch die nanaische Sprache und ihre Religion ist nach wie vor der Schamanismus. Mich als Künstlerin … und noch als eine, die sich mit Volkskunst beschäftigte … interessierte natürlich die Kunst dieses Volkes, … eine Kunst, die zudem reich an Farben und Ornamentik ist, was mir seit meiner frühesten Kindheit lag. … Ich reiste also allein … und später führte ich auch Studentengruppen … zu ihnen und wurde freundlichst aufgenommen. … Die Nanai sind ein sehr freundliches Volk. Ich fand viele Freundschaften, lernte ihre Bräuche und ihre Kunst kennen und kam natürlich auch mit ihrer Religion, dem Schamanismus, in Berührung. … Und daraus sind viele meiner Werke entstanden, wie in der Projektreihe „Illusionen des Geistes“ das Projekt „Schamanismus“.

Wenn ich kurz unterbrechen darf … ich kann mir nur schwer … ja eigentlich überhaupt nicht … vorstellen, wie man den Schamanismus … als jemand, der nicht dieser Kultur oder Religion angehört … künstlerisch umsetzen kann. Bedarf es da nicht einer spirituellen Erfahrung, wenn sich das Umsetzen nicht im Wiedergeben von Kultgegenständen erschöpfen soll?

10Natürlich muss eine geistige Nähe und Verbundenheit mit diesen Menschen bestehen. Und ich glaubte anfangs auch, ich könnte quasi als Nur-Betrachter den Geheimnissen näherkommen. Aber ich wurde gar nicht gefragt, was ich wollte. … Da wir Zeit haben, will ich Ihnen mein erstes Treffen mit einem Schamanen erzählen. … Es war in dem weit draußen in der Taiga liegenden Dorf Atschan. Das ist mehr als 20 Jahre her, ich wusste wenig über Schamanen und hielt das Verhalten der Schamanen für ein Spiel. Es zeigte sich aber, dass es bei Weitem kein Spiel ist. … Mich hatten sie als Künstlerin eingeladen, einen bekannten Schamanen zu besuchen. Dieser Schamane erwies sich als eine freundliche, viel lächelnde, bejahrte Frau. Man bewirtete mich mit aufgetautem Fisch und allerlei Taigadelikatessen. … Als wir saßen und aßen, kam eine Nanaika, eine Einwohnerin dieses Dorfes, ins Haus und klagte über Kreuzschmerzen. Sie bat die Schamanin um eine Behandlung mit Hilfe der Geister. … Die Schamanin hat sich eine besondere Kleidung mit Klappern und Glocken am Gürtel angezogen. Auf den Kopf hat sie eine spezielle Mütze gesetzt und eine Schellentrommel in die Hände genommen. Und zusammen sind wir nach draußen gegangen. Auf dem Hof brannte ein Feuer aus verschiedenen Kräutern, von dem ein strenger, seltsamer Geruch ausging. … Das alles geschah am Abend in der Dämmerung. Mir und der kranken Frau gab die Schamanin „Semeni“, das sind Kultgegenständer der Nanai, in die Hände. Die Schamanin hat begonnen mit der Schellentrommel um das Feuer zu kreiseln und irgendwelche Beschwörungsformeln zu sprechen. Ihre Bewegungen wurden schneller und schneller. Die Schamanin fiel in Trance und hat nichts mehr von dem um sie herum wahrgenommen. Sie schlug rasend auf die Trommel, heulte und sprang herum. Die kranke Frau wurde geschüttelt wie in Fieber. Ein Gefühl des Schreckens hatte auch mich ergriffen … Und plötzlich sah ich in der Nähe undeutliche Schatten. Und aus dem Wald wehte zu mir herüber Herz zerreißendes Stöhnen. Eine Gänsehaut überlief mich und ich bin bewusstlos zu Boden gestürzt. … Aufgewacht bin ich von einem scharfen Geruch irgendwelcher Arznei, die man mir unter die Nase gehalten hat. In meinem Kopf summte es wie in einem Bienenkorb und ich wusste zuerst nicht, wo ich bin. … Zu diesem Zeitpunkt hatte die Schamanin schon alle ihre Amulette abgenommen, trotzdem bin ich so erschrocken, dass ich vor ihrem Anblick zurücktaumelte. Sie sagte: „Fürchte dich nicht, alles ist gut! Du bist eine Künstlerin, ein sehr sensibler Mensch! Gib dem Geist des Feuers ein »Danke«“. Ich goss in die Flammen des Feuers ein bisschen Wodka, sagte dem Geist »Danke« und mein Kopf hörte auf zu schmerzen. Ich habe noch viele Male Schamanen getroffen, aber niemals wieder habe ich von ihnen Kultgegenstände angenommen, selbst wenn sie sie mir schenken wollten. … Ich habe damals, diese Kraft gespürt … und indem ich mich ernsthaft mit ihrer Kunst beschäftigt habe, stellte ich auch fest, dass alle Farben ihre Bedeutung haben … und auf diese Weise erzählen die Bilder quasi Geschichten und ergeben einen Sinn. Sie sind eben nicht nur nach Lust und Laune zusammengestellte Farben, die irgendein Bild ergeben.

Dazu würde ich gern mehr wissen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERANun, das Thema Schamanismus mit dem Projekt »Illusionen des Geistes« ist ein sehr schwieriges Thema … ich arbeite daran schon mehr als 20 Jahre. Die komplizierten Wechselbeziehungen zwischen den Menschen und der Natur haben mich immer erregt. … Der Schamane ist der Vermittler in diesen Beziehungen. Er sieht und fühlt das, was der einfache Mensch nicht sehen und fühlen kann. … Der Künstler muss sich auf seine Welle einstellen, dann kann er dasselbe fühlen und es dann sogar gestalten. … Die rote Farbe steht für Spannung, Eifer, Aufregung und Ekstase; durch die blaue Farbe wird Kälte, Enttäuschung und Schwermut ausgedrückt. Das Aufeinandertreffen dieser Farben im Werk symbolisiert den Kampf zweier Grundprinzipien: des Warmen und des Kalten. … Aber die Zeichnung selbst hat auch eine Bedeutung … Viele feine und kurvige Linien symbolisieren Hektik, ja Rausch, … gerade Linien Klarheit und Verständlichkeit. … Aber das gilt nicht nur für meine Werke über den Schamanismus.

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Einen breiten Raum in Ihrem Schaffen … sowohl in Ihren Bildern, als auch in Ihren Keramiken, als auch in Ihren Gedichten … nehmen die Liebe, die Erotik und Gnade und Güte ein. Warum liegen Ihnen gerade diese … ich will mal sagen … Seelenzustände so sehr am Herzen?

Ich glaube, die Liebe ist die wichtigste Kraft. Sie gestaltet die gesamte Schöpfung. Sie ist der unentbehrliche Grundstoff für die körperliche und geistige Entwicklung und ein Weg zur Verlängerung des Lebens. Ohne Harmonie zwischen Frau und Mann konnte kein glückliches Leben auf der Erde beginnen. … Und die Liebe ist die treibende Kraft für das geistige Streben, für das schöpferische Arbeiten, für die ästhetische Erschließung der Welt und sie vereinigt körperliche Schönheit mit geistiger Vollkommenheit. … Die Liebe ist uns doch von Natur aus gegeben. Die Verehrung des Genusses und der Freude besteht seit uralten Zeiten bei allen Völkern. … Feinste Erotik gibt es in den Werken vieler Künstler. … Ich vermittle das Entzücken, das sinnliche Freude hervorruft, ich vermittle die Harmonie der gegenseitigen sexuellen Beziehung, den Genuss, den Rausch, die Leidenschaft und die Ekstase.

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Die Grenze zwischen … sagen wir mal … rein voyeuristischer und einer durchgeistigten Darstellung kann da aber doch schwierig werden. Oder?

Die Ausdruckskraft meiner Gestalten wird durch Überspitzung, Überzeichnung und auch durch Vereinfachung erreicht. Die Figuren des Mannes und der Frau sind besonders flächig, … d. h. ohne räumliche Perspektive … und mit Ornamenten gezeichnet, damit sich die Empfindung eines mit Liebesenergie gesättigten Blumenteppichs ergibt. Diese stilisierten Figuren erzeugen meines Erachtens keine Lüsternheit und sind doch gleichzeitig angefüllt mit Gemütsbewegung und Gefühlen. … Ich will den Betrachter ja nicht erschrecken, sondern mit der Sprache der Kunst von dem schönen und scheuen Gefühl erzählen.

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Nun, ja … aber bei aller … sagen wir mal … Verschlüsselung, sprechen ihre erotischen Werke jedoch eine deutliche Sprache. Haben Sie keine Bedenken, in Ihren Werken so rückhaltlos offen zu sein?

Ich habe nichts zu befürchten! Ich rufe doch zu nichts Schlechtem auf! … Nicht zu Schmutz oder gar Gewalt. … Wofür sollte ich Rache erwarten. Ich rufe zu etwas Gutem auf! … Zur Liebe! … Ich habe nichts zu befürchten! …. Ja, … leider gibt es im Leben dieses hell leuchtende Gefühl so selten! … So selten! …

OLYMPUS DIGITAL CAMERAVor einigen Jahren habe ich Figurenkeramiken geformt: Zwei zarte, anmutige Frauengestalten »die ewigen Wanderer LIEBE und GNADE«. … Ja, genau … Wanderer! Wie schwierig ist es doch, in der Welt die Liebe und die Gnade zu finden! … Und zudem schrecklich ist, dass meistens, wenn der Mensch auf die echte Liebe trifft, er sie gar nicht erkennt … oder sich davor fürchtet, sie zu erkennen! Er hat Angst und denkt „Und plötzlich wird er … oder sie … mich betrügen. Muss ich mich zum Narren machen lassen? Besser, ich gehe vorbei.“ … GNADE, wo ist sie?! … Nicht die Schönheit rettet die Welt, wie Dostoevskij sagt, ich bin der Meinung nur die GNADE! … Wenn ein Mensch nicht gut ist, kann er auch die Schönheit für Böses missbrauchen.

Irina, MICH faszinieren Ihre Werke … und viele andere auch. Aber sie entsprechen doch nicht dem, was MAN heute sehen will. Sie sind sehr eigenwillig und entsprechen so gar nicht dem, was heute … sagen wir mal … in Mode ist.

Ja, das ist richtig. Das sollen sie auch gar nicht. … Und sie müssen nicht allen gefallen! … Aber ich mache nicht Erbsensuppe, um möglichst allen zu gefallen! Und selbst Erbsensuppe gefällt nicht allen, UND DOCH IST SIE NAHRUNG! … Ich bin wie eine Energiesender, und wenn ein Mensch auf meine Welle eingestimmt ist, dann versteht er mich und empfindet mit mir. … Nun … wenn aber nicht, dann „bitte ich um die Gnade einer anderen Hütte“, wie man im Russischen sagt.

Welche sind eigentlich Ihre … sagt man so? … Vorbilder? … Oder besser ausgedrückt … Künstler, die Sie besonders schätzen … oder gar verehren?

Grundsätzlich bejahe ich alles, was mit Talent gemacht ist, unabhängig von Stil und Kunstrichtung. … Aber ich verehre die Malerei von Polenov, von Wrubel und Korovin, die Grafiken von Dürer, die Skulpturen von Bourdelle und Rodin, die Zeichnungen von Picasso und die Architekturentwurfe von Gaudi. … Praktisch alle Werke dieser Künstler sind hervorragend, … voll von Sinn, Güte und Schönheit, und natürlich von Liebe. Und das ist einfach wunderbar. … Ich lehre meine Studenten, nur das Schöne darzustellen, vielleicht antworten die Menschen darauf und werden besser. … GEBE ES GOTT!

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Das bringt mich auf eine Frage, die schon lange in meinem Kopf umeinanderschwirrt. Ihre Werke sind extrem ausdrucksstark … ob zum Thema „Illusionen des Geistes“, „Schamanismus“, „Farben des Universums“, „Philosophie. Der silberne und goldene Faden“, Hommage an Klimt“ oder zum schon angesprochenen Thema „Erotik“ gehörend, … nichts scheint da zufällig oder mal so eben dahingeworfen. Ich frage mich … in diesem Fall Sie … wie macht das der Künstler, woraus schöpft er? … Bei einem Künstler, der nach der Natur zeichnet oder malt, der also im weitesten Sinn die Realität wiedergibt, kann ich mir das noch ungefähr vorstellen, … aber bei einem Künstler der abstrakten Malerei wie Kandinsky, oder bei Ihnen, einer Malerin des Symbolismus, ist mir das unverständlich.

Zuerst einmal „Danke für die Blumen“, dass Sie mich in einem Atemzug mit Kandinsky nennen … das ehrt mich, aber … seine Bedeutung ist doch eine andere. Und die Frage … so wie Sie sie gestellt haben … kann ich nicht beantworten. Was in anderen vorgeht, weiß ich nicht. … Ich kann Sie nur für mich beantworten. … Es geht hier um die schöpferische Energie. … Ich beziehe sie aus dem Leben in all seinen Erscheinungsformen. Ich BEOBACHTE. Mich interessiert seit meiner Kindheit alles ringsum mich herum … der Wald im Frühling und der Wald im Winter … der im Licht der Morgensonne und des Sonnenuntergang weihevoll dahinfließende Fluss … die gelbe einsame Blume am Wegesrand … der sich in einer Lache des Straßenasphalts spiegelnde Himmel … der alte Baum an der Pforte und vieles, vieles, was ich sehe. … Das alles sind für mich poetische Motive und sie sammeln sich bei mir im Herzen an, bis eine Idee geboren wird. … Eine Idee kann auch entstehen bei einem neuen Treffen mit interessanten Menschen und beim Reisen. Ich habe immer Papier und Bleistift bei mir, damit mich eine Eingebung nicht unvorbereitet erwischt, überall zeichne ich oder mache eine Skizze für ein zukünftiges Werk. … Es gibt aber auch Momente, in denen mich unvermutet Energie mit einem Gefühl höchster Glückseligkeit durchfährt … und es scheinen besondere Orte und Situationen zu sein.

Und wie geht es dann weiter?

In meinem Atelier überdenke ich dann die Idee. … Soll ich sie als Skulptur, als Grafik oder als Gedicht verwirklichen. … Häufig ergibt sich zuerst eine Grafik, dann ein Gedicht und erst dann eine Skulptur. Mit manchen Themen bin ich erst zufrieden, nachdem ich ein oder zwei Arbeiten dazu gemacht habe. … Aber es kommen auch Themen vor, die so schwierig sind, dass sie sich Jahre oder gar Jahrzehnte tief in meine Seele eingraben, wie zum Beispiel das schon erwähnte Thema Schamanismus mit dem Projekt »Illusionen des Geistes«.

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Und während Sie dann die Idee umsetzen, wie geht es Ihnen dann?

Dann lebe ich in einer anderen Welt, … es ist ein ungeheuer befreiendes Gefühl und ein riesiges Vergnügen. … Nichts darf mich dann stören, denn die Inspiration ist eine sehr brüchige Sache. … Man darf sich nicht eine Minute ablenken lassen, sonst kann man sie verlieren und das Werk wird keine Energie haben. … Ich hatte einmal einen lustigen Fall. … Ein sehr wohlhabender Mann hat einmal zu mir gesagt: „Sie, Irina, ich denke, Sie werden sich freuen, wenn ich, wenn ich in der Stadt zufällig spazieren gehe, mit einem Kuchen zu Ihnen in die Werkstatt komme und Tee mit Ihnen trinke?“ …Ich habe geantwortet: „Ohne vorherige Anmeldung werde ich Sie nicht empfangen! Vielleicht arbeite ich gerade, wenn Sie kommen.“ Er, beleidigt: „Warum?“ Ich habe geantwortet: „Stellen Sie sich vor, dass Sie gerade Sex mit Ihrer Lieblingsfrau haben und in dem Moment, in dem Sie zum Höhepunkt kommen, klingelt jemand an der Tür und sagt: ‚Wir sind mit Kuchen zu Ihnen gekommen, um Tee zu trinken!‘ Wie würden Sie sich verhalten?“ Er war sehr verwundert: „Irina, Sie wollen sagen, dass der schöpferische Prozess dem Geschlechtsakt vergleichbar ist?“ Ich: „Ja, genau das will ich sagen! Der schöpferische Prozess … nicht einfach dem Geschlechtsakt, sondern der reinsten, höchsten Liebe“. … Und während ich arbeite, höre ich Musik. Jeder Thematik meiner Werke ist eine bestimmte Musik zuzuordnen. … Wenn man bei meinem Werk stehen bleibt, um es zu betrachten, … sich hineinversenkt und lauscht, … müsste man meine Musik auch hören können, … denke ich. …

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Im Jahr 1998 habe ich zum Beispiel eine große Serie von Werken zu dem Thema „Klänge und Gestalten des Weltalls“ geschaffen. Der Komponist Sergej Maskajew hat eigens zu meinen Werken eine Sinfonie geschrieben und das Chabarowsker Sinfonieorchester hat es aufgeführt. … Es war ein großartiger Erfolg … ich lebte in einer anderen Sphäre.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIrina, ich glaube, wir könnten noch stundenlang miteinander reden, … und Themen gäbe es ja auch genug, wie die „Hommage an Klimt“ oder „Farben des Universums“ oder „Inversion“ oder … und vor allem … Ihre Tonskulpturen, die meiner Ansicht nach eine Harmonie ausstrahlen, wie man es selten findet … wir haben „die ewigen Wanderer LIEBE und GNADE“ schon angesprochen. Aber wir werden ja bei einer Ihrer nächsten Ausstellungen … über die wir natürlich berichten werden … erneut die Möglichkeit haben, miteinander zu sprechen. … Und dann sind Sie uns auch noch einige Abenteuer schuldig!!!

Danke, Irina. Das war eines der spannendsten Gespräche, das ich seit Langem geführt habe.

Auch ich danke Ihnen.

Das Interview führte Hanns-Martin Wietek
Übersetzer Hanns-Martin Wietek

Weiterführende Unterlagen und einen groben Überblick über Irina Orkinas Werke finden Sie hier. „Biografie“, „Keramiken“, „Projekt Schamanismus“.
Die Homepage von Irina Orkina, auf der weitere Werke von ihr zu sehen sind, lautet www.orkina-art.info
Den Kontakt zu Frau Orkina vermittelt Wietek@russland.ru. Ebenso steht er für weiter Auskünfte zur Verfügung.

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.