Hilfsaktion für Kinderkrankenhäuser in der Südost-Ukraine – Humanitäre Hilfe kennt keine Politik und Konfession

Hartmut Hübner und Wolfgang Gehrcke, Fraktions-Vize der Partei DIE LINKEHartmut Hübner und Wolfgang Gehrcke, Fraktions-Vize der Partei DIE LINKE
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Zur Vorbereitung einer Medikamenten-Hilfslieferung für Kinderkrankenhäuser in der Südost-Ukraine war Wolfgang Gehrcke, Fraktions-Vize der Partei DIE LINKE im Bundestag, in der vergangenen Woche in Astrachan. Über die Ergebnisse seiner Reise sprach er mit Russland.RU.

Herr Gehrcke, Astrachan ist rund 1000 Kilometer vom Krisengebiet in der Südost-Ukraine entfernt. Warum sind Sie gerade dorthin gefahren, um eine Hilfslieferung zu organisieren?

Zunächst einmal zurück zum Anfang. Als mein Fraktionskollege und ich Ende vergangenen Jahres ein Lager mit Flüchtlingen aus dem Donbass in der Nähe von Rostow am Don in Russland besuchten, berichteten uns dort viele von den katastrophalen Zuständen bei der medizinischen Versorgung im Kriegsgebiet, worunter vor allem die Kinder litten, und baten uns, gerade diesen Unschuldigen zu helfen. Wir organisierten daraufhin eine private Spendenaktion, die in kurzer Zeit viel Geld erbrachte. Nachdem wir bereits im Februar unter schwierigen Umständen, es gab noch keine Waffenruhe, eine erste Lieferung von Medikamenten im Wert von 30 000 Euro nach Donezk gebracht hatten, gingen bis zum Abschluss der Aktion weitere fast 100 000 Euro ein. Auf der Suche nach einem zuverlässigen Partner für die Organisation und Durchführung der Hilfslieferung sind wir schließlich in Astrachan fündig geworden.

Warum haben Sie nicht den direkten Weg über die Ukraine gewählt?

Das hatten wir ursprünglich vor. Wir wollten die Medikamente in Deutschland kaufen und sie durch die Ukraine an den Bestimmungsort bringen. Deshalb haben wir uns an die ukrainische Regierung mit der Bitte um die Gewährleistung eines sicheren Transportes in das Krisengebiet gewandt. Das kam nicht zustande, darum entschlossen wir uns damals, die Medikamente mit Hilfe russischer Freunde in Rostow zu kaufen und brachten sie mit vier Transportern nach Donezk. Auch diesmal kam von ukrainischer Seite keine effektive Zusammenarbeit zustande. Von mehreren Seiten wurde uns empfohlen, uns an das Ioanno-Predtetschenskij-Männerkloster in Astrachan zu wenden, das große Erfahrung bei der Entsendung von humanitärer Hilfe in den Donbass hat. Wir baten daraufhin den Vorsteher des Klosters, Igumen Pjotr, um seine Unterstützung. Nach Abstimmung mit der russisch-orthodoxen Kirche signalisierte er schließlich seine Bereitschaft zu helfen. Also fuhr ich hin, um eine entsprechende Vereinbarung abzuschließen und Einzelheiten zu besprechen.

Linke und die russisch-orthodoxe Kirche – ist das nicht eine eigenartige Zusammenarbeit?

Wir, Igumen Pjotr und ich, waren uns sehr schnell einig, dass es hier nicht um Politik und Konfession geht, sondern einzig um die Hilfe für die Bedürftigen in der Südost-Ukraine, insbesondere die Kinder. Andrej Hunko und ich sind unserem Partner sehr dankbar, dass er uns seine Möglichkeiten zur Verfügung stellt, um die dringend benötigten Medikamente und Verbrauchsmaterialien schnell, sicher und kostengünstig an die medizinischen Einrichtungen, wie das Kinderkrankenhaus in Gorlowka, bringen. In den nächsten Tagen wird bereits die erste Partie Hilfsgüter zusammengestellt und auf die Reise geschickt.

Sollte alles so funktionieren, wie wir es uns vorstellen, und davon sind wir überzeugt, wäre das durchaus eine Variante für andere, die ebenfalls eine adressierte Hilfe in die Südost-Ukraine schicken wollen. Wir helfen hier gern weiter.

Wenn auch die Hilfslieferung ein privat organisiertes Projekt ist, sind Sie doch zugleich Parlamentarier. Hatten Sie auch in dieser Eigenschaft Gespräche in Astrachan?

Ich wurde vom Vorsitzenden der Astrachaner Gebietsduma, Alexander Klykanow, zu einem Meinungsaustausch eingeladen. Es war ein intensives, aber auch freundschaftliches Gespräch, bei dem mein Gastgeber vor allem wissen wollte, wie die Deutschen heute über Russland denken und welche Chancen ich sehe, die Beziehungen zwischen beiden Staaten wieder zu verbessern. Wir waren uns einig, dass die Parlamentarier beider Länder dabei eine besondere Verantwortung tragen. Alexander Borisowitsch verwies auf die Erfahrung und führende Rolle des Gebietes Astrachan bei der Entwicklung einer konstruktiven Partnerschaft zwischen allen Anrainerstaaten des Kaspischen Meeres. Wie gut das funktioniert, konnten wir bei der Eröffnung des Kaspi-Forums in Astrachan erleben. Wir wollen nun alles tun, um unsere Kontakte auf allen Ebenen zu intensivieren, etwa beim Jugendaustausch, im kulturellen Bereich und auch bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, wo sich, trotz aller Sanktionen sehr gute Möglichkeiten bieten. Das war dann auch zentraler Gegenstand meiner Begegnung mit dem regionalen Minister für internationale Beziehungen und Außenhandel, Denis Afanasjew, der uns das kurz vor seiner Eröffnung stehende Projekt einer Sonderwirtschaftszone in der Region vorstellte, das Investoren neben umfangreichen Steuernachlässen die breite Unterstützung der Gebietsregierung bietet. Ich denke, hier gibt es gerade für deutsche Mittelständler ein dankbares Aufgabenfeld.

Unbedingt erwähnen will ich aber auch unseren Besuch in einem Astrachaner Heim für Flüchtlinge aus der Südost-Ukraine, bei dem uns noch einmal deutlich wurde, wie wichtig gerade jetzt jegliche Form von Hilfe für diese Region ist, die aus eigenen Kräften die jetzige Situation nicht bewältigt.

Wie könnte diese Hilfe konkret aussehen?

Ich nenne nur zwei Beispiele aus dem Kinderkrankenhaus Gorlowka. Durch den Beschuss wurden nahezu alle Fenster des Hauptgebäudes zerstört, so dass jetzt die kranken Kinder im Keller behandelt und untergebracht werden müssen. Außerdem wurden medizinische Geräte und Anlagen durch Kugeln und Granaten unbrauchbar gemacht. Auch hier muss dringend geholfen werden. Ich bin gern bereit, alle Spendenwilligen mit meinen Kontakten und Erfahrungen zu unterstützen. Noch einmal: Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern einzig und allein um tätige Hilfe für diejenigen, die unschuldig unter dem Krieg und seinen Folgen leiden.

(Das Gespräch führte Hartmut Hübner)

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.