Gute Chancen für deutsche Mitttelständler in Russland trotz Krise und Sanktionen

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russland.RU sprach mit Uwe Leuschner, Vicepresident Business Development CIS und Central Asia bei DB Schenker und stellvertretender Vorsitzender des Wirtschaftsclubs Russland.

Herr Leuschner, bei demPodiumsgespräch auf dem Moskauer Wirtschaftsforum zur derzeitigen wirtschaftlichenSituation in Russland aus der Sicht deutscher Unternehmen verwiesen Sie auf Ihre mehr als zwanzigjährige Tätigkeit in diesem Land. Was hat sich in diesem Zeitraum hier verändert?

Alles aufzuzählen, wäre ein abendfüllendes Programm. Vielleicht nur soviel: Es gibt jetzt eine Geschäftskultur und es gibt einen gesetzlichen Rahmen für wirtschaftliche Tätigkeit. Beides war, als ich hier begann, kaum vorhanden. Damit sind die Voraussetzungen für ein Geschäft ähnlich wie in anderen osteuropäischen Ländern. Verständlicherweise zog es ausländische Unternehmen zuallererst nach Moskau. Aber ich favorisiere inzwischen mehr und mehr die Regionen, denn die haben in den letzten Jahren in puncto Attraktivität für Investitionen deutlich aufgeholt. Nicht zuletzt, weil die Gouverneure auch danach bewertet werden, in welchem Umfang sie Investitionen in ihr Gebiet geholt haben. Die Regionen sind in hohem Maße eigenständig, was ihnen auch bei der Gestaltung der Bedingungen für die Ansiedlung von Investitionen einen relativ großen Gestaltungsspielraum lässt, beispielsweise bei der Gewährung von Steuervergünstigungen. Ein Musterbeispiel ist sicher das Gebiet Kaluga, wo inzwischen große internationale Unternehmen, wie VW oder Citroen, große Produktionsstätten gebaut haben.

Aber auch denen machen offensichtlich, wie vielen anderen, die gegenwärtige Wirtschaftskrise und die Sanktionen des Westens zu schaffen…?

Ja und nein. Ja, weil die allgemeine Rezession die Nachfrage und damit die Produktion bremst. Nein, weil jene Unternehmen, die hier in Russland produzieren und nicht oder kaum auf Zulieferungen aus dem Ausland angewiesen sind, deutlich weniger Verluste hinnehmen müssen und durch den veränderten Wechselkurs sogar ihre Chancen auf dem Außenmarkt erhöhen. Auch in der Logistikbranche verzeichnen wir einen deutlichen Rückgang der Transporte aus dem Westen, dafür haben die Warenbewegungen in Inland deutlich zugenommen. Außerdem besteht seit 1. Januar die Euroasiatische Wirtschaftsunion, die uns ebenfalls Chancen zur Entwicklung unseres Business bietet. Auf diese neuen Möglichkeiten, gerade für mittlere Unternehmen, macht übrigens auch der Wirtschaftsclub Russland mit dem von ihm ausgelobten Zukunftspreis „Mittelstand Neue Seidenstraße“ aufmerksam.

Worum geht es dabei?

Wir suchen auf diese Weise Menschen und Unternehmen, die mit ihren Ideen, Projekten und unternehmerischen Initiativen durch Innovation, Nachhaltigkeit und kulturelles Engagement zum Erfolg des Wachstumskorridors zwischen Europa und China beitragen. Zugleich wollen wir damit Initiativen zur Unterstützung und Vernetzung kleiner und mittlerer Betriebe in Industrie, Handel, Dienstleistung und Handwerk sowie zur Schaffung notwendiger Rahmenbedingungen für die Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen EU und Eurasischer Wirtschaftsunion fördern. Dabei kommt Russland natürlich eine wichtige Rolle zu. Nähere Informationen zur Ausschreibung sind auf der Seite www. business-international.org zu finden. Die Bewerbungsfrist läuft bis 31. August dieses Jahres und die Preisverleihung findet am 4. Dezember im Berliner Schloss Charlottenburg statt.

Russland als Ausgangspunkt für eine vorteilhafte Geschäftserweiterung nach Asien ist sicher für manche Unternehmen ein interessanter Gedanke. Aber für viele ist nach wie vor der Gang auf den riesigen russischen Markt verlockend. Wie sinnvoll und realistisch ist das in dieser Zeit von Krise und Sanktionen?

Wenn ein Unternehmen nach Russland will, dann wäre jetzt gerade dafür eine gute Zeit – sozusagen antizyklisch. Allerdings sollte man mit der festen Absicht kommen, hier eine Produktion zu eröffnen. Vor allem als Zulieferer für die großen Unternehmen, etwa in der Automobilbranche, ergeben sich sehr große Möglichkeiten. Die Sanktionen betreffen nur einige Wirtschaftszweige, in vielen Branchen gibt es gerade -wegen der momentan fehlenden inländischen Konkurrenz – ein breites und dankbares Betätigungsfeld. Zur Zeit haben wir in Russland durch den Valutakurs Produktionskosten wie in den frühen 1990er Jahren. Wer hierher kommt, ohne an Lokalisierung zu denken, ist fehl am Platze. Allerdings muss er Ausdauer mitbringen, denn die aktuelle Krise ist nicht die erste und die letzte. Bisher haben wir Intervalle von fünf bis sieben Jahres erlebt. Wie lange die derzeitige Krise dauert, hängt von der Veränderung einiger innerer Rahmenbedingungen ab.

Welche sind das?

Unter anderem die staatliche Förderpolitik. Wenn der Staat die Monopole unterstützt, muss sich niemand wundern, dass kein Mittelstand entsteht. Er lässt sich nicht per Dekret einrichten, er muss sich entwickeln. Dazu braucht er unternehmerische Freiheiten und und einige Vorzugsbedingungen, u.a. steuerliche Ermäßigungen oder auch die Möglichkeit, seine Idee über die Medien zu verbreiten, oder auch in neuen sozialen Netzwerken, deren Entwicklung zugelassen werden sollte.

Außer dem langen Atem, was sollte ein Unternehmer mitbringen, der mit seinem Geschäft nach Russland kommt?

Vor allem den Willen, Russland zu verstehen, am besten auf Russisch. Wer in den letzten 20 Jahren hierher gekommen ist und sich den Eigenheiten der Arbeit in Russland gestellt hat, der hat auch gutes Geld verdient, selbst wenn es im Moment vielleicht weniger ist. Ein anderer Marker ist interkulturelle Kompetenz. In Russland spielt das persönliche Verhältnis zu den Partnern, ob im Geschäft oder in der jeweiligen staatlichen Administration, eine größere Rolle als anderswo. Man muss sich vertrauen lernen, dazu muss man, anders als in Europa, wissen, wer der andere ist.

Zum anderen haben wir deutschen Unternehmer in Russland eine soziale Verantwortung für unsere Mitarbeiter übernommen und der müssen wir uns gerade in dieser schwierigen Zeit stellen.

Wieviel Angst müssen Russlandwillige vor Korruption und Bürokratie haben?

Nun sind Bürokratie und Korruption keine Erscheinungen, die wir in Deutschland nicht kennen und ein Unternehmer weiß dort damit umzugehen, ohne Angst zu haben

Auch in Russland hat sich in den letzten Jahren viel getan, Zumindest ist es nicht so, dass ohne zusätzliche Zahlungen gar nichts läuft. Dass man bei manchen Behörden Geduld und Hartmäckigkeit braucht, kennen wir auch von anderswo. Meine Erfahrung ist, dass Effizienz in diesem Land sehr gut hilft, dagegen anzugehen. Wer effizient arbeitet, hat weniger Probleme mit der Korruption.

Das ist natürlich auch von Branche zu Branche unterschiedlich. In der Logistik gibt es eine positive Entwicklung, die Probleme mit dem Zoll sind deutlich weniger gewordenm was offenbar auch mit einem Wechsel der Generationen zusammenhängt.

Ein wichtiger Schritt nach vorn wäre sicher, wenn das hier noch sehr weit verbreitete Gefühl der administrativen Allmacht, auf der einen, wie auf der anderen Seite, aus den Köpfen verschwinden würde.

Wer sich dann entschlossen hat, mit seinem Geschäft nach Russland zu gehen, wo kann er sich Rat und Hilfe holen?

Da gibt es viele Einrichtungen: die örtliche IHK, die Deutsch-Russische AHK, das Deutsch-Russische Forum, und natürlich auch den Wirtschaftsclub Russland, wenn er an Erfahrungen von anderen Unternehmern in Russland interessiert ist.

Aber auf jeden Fall sollte er Moskau und einige Regionen besuchen, sich einen Eindruck von dem Land verschaffen und erst dann seine Entscheidung treffen.

Das Interview führte Hartmut Hübner-russland.RU

Über den Autor

Hartmut Hübner
Gelernter und sogar diplomierter Journalist. Nachdem ich im Ergebnis einer Fahrt auf einem Riesenrad von meinem ursprünglichen Wunsch, Pilot zu werden, endgültig Abschied genommen hatte, beschloss ich als, „rasender Reporter“ aus der ganzen Welt zu berichten. Als „Mittagspausen-Notenkoch“ im Schulfunk und Volontär bei der Berliner Zeitung „Junge Welt“ begann meine journalistische Karriere, die sich nach dem Studium als Verantwortlicher für eine Zeitung im sächsischen Gesundheitswesen, Pressesprecher an der Leipziger Sporthochschule DHfK und Redakteur an der Leipziger Volkszeitung fortsetzte, bis ich mir einen Kindheitstraum erfüllte und ein freies Korrespondentenbüro in Moskau übernahm. Das war 1995 – und seither lässt mich Russland nicht mehr los.