Gretchenfrage: Wer hat Europa vom Faschismus befreit?

FoTo: Wikipedia/Bundesarchiv Bild 183-R77767 CC BY-SA 3.0FoTo: Wikipedia/Bundesarchiv Bild 183-R77767 CC BY-SA 3.0
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In wenigen Tagen jährt sich zum 71. Mal die Befreiung Europas vom Faschismus. Wer verdiente sich in wessen Augen dabei die meisten Lorbeeren? Sicherlich, der Verdienst der vier Siegermächte darf dabei als kollektive Kraft gegen den (Alb-) Traum „1.000-jähriges Reich“ nicht unter den Teppich gekehrt werden, aber wer hatte letztlich den größten Anteil daran.

Bei einer Umfrage des französische Forschungsunternehmens „Ifop“ sowie des britischen Instituts „Populus“ unter der Bevölkerung der USA, Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens fiel die subjektive Entscheidung einhellig auf die USA. Von insgesamt der Hälfte der Probanden wurde die „Schlüsselrolle“ deutlich der US-Army zugeschrieben. 22 Prozent der Befragten entschieden sich für die britischen Streitkräfte ihrer Majestät.

Rund 15 Prozent der Bürger in deren Land die Befragung durchgeführt wurde, waren sich ihres Urteils sofort sicher. 13 Prozent konnten oder wollten sich mit ihrer Antwort überhaupt nicht festlegen. Großteils ausschlaggebend war sicherlich auch eine gewisse Portion Patriotismus den eigenen Veteranen gegenüber. Wobei auch hier von Land zu Land die Meinungen auseinander gingen.

So räumten in der französischen Hauptstadt Paris fast 60 Prozent ein, dass das Gros der Verdienste auf die USA ginge. Nur die wenigsten Franzosen würdigten die Leistung ihrer eigenen Streitmacht. Ganz anders in Großbritannien. Dort glauben mehr als die Hälfte der Briten, dass ihre eigene Armee den größten Beitrag zur Auslöschung des faschistoiden Wahnsinn hätte, während der Anteil der USA nur von 11 Prozent geteilt wurde. Im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ freilich, dort sind es fast 80 Prozent, gibt es keine Zweifel.

USA und Sowjetunion mit dem Löwenanteil der Befreiung bedacht

Kommen wir nun zur Rolle der Sowjetunion. Insgesamt sprachen sich rund 15 Prozent für den Löwenanteil der Roten Armee aus. Von den Briten würdigten 15 Prozent die Rolle der UdSSR, unter den Franzosen 12 Prozent und, wie nicht anders zu erwarten, lediglich 7 Prozent der US-Amerikaner.

Unter den Deutschen entfällt die Meinung zur Sowjetunion auf immerhin ein Viertel der Einwohner. Der Rest geht eindeutig an die USA. Dies jedoch bedarf einer besonderen Berücksichtigung. Deutschland zeigt, aufgrund seiner damaligen Teilung in Ost und West, ein gespaltenes Urteil bezüglich der Befreiung durch die US-Truppen sowie der Sowjetarmee.

Während im westlichen Teil des Landes der Einfluss Amerikas unübersehbar war, schlugen da die Werte zu Gunsten der USA mit rund 50 Prozent ins Gewicht. Nur 16 Prozent wussten die Sowjetunion zu würdigen. Ganz anders in den östlichen Bundesländern. Hier, noch als DDR vom „Großen Bruder“ geprägt, sprechen die Umfragewerte mit 55 Prozent deutlich für die Hauptrolle der UdSSR. Selbst in Berlin, hier wurde separat gefragt, entschieden sich 35 Prozent für die Sowjets.

Fernab jeglichen Jonglierens mit Zahlen, sprechen allerdings Fakten tatsächlich für die „Schlüsselrolle“ der Roten Armee. Im Verlauf ihrer Mission befreiten die Sowjets nahezu die Hälfte der heutigen Staaten. Zudem erlitten sie die meisten Verluste auf dem Weg nach Berlin. Alles in allem um ein Vielfaches mehr als das Kontingent der Westalliierten.

In ganz Europa wurden von der UdSSR mehr als 120 Millionen Menschen in 16 Ländern vom Faschismus gesäubert, die sich heute unabhängig nennen dürfen. Darüber hinaus kämpften die Sowjettruppen an der Seite der Alliierten in weiteren sechs Ländern, die dadurch vom Übel des Nationalsozialismus befreit wurden. Das mag zu einem gewissen Teil der Grund sein, warum für die heutigen Russen der Tag der Kapitulation der Deutschen einen überaus wichtigen Feiertag bis in die heutige Zeit darstellt.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.