Graf Aleksej Konstantinovič Tolstoj

Tolstoj A. K.
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Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Jeder, der den Namen Tolstoj liest oder hört, denkt sofort an das große, streitbare, weltberühmte Schriftstellergenie Lev Nikolaevič. Aber es gab noch zwei andere große Tolstojs, die in seinem Schatten standen: Aleksej Konstantinovič (*1817, †1875) und Aleksej Nikolaevič (*1883, †1945), der zu Sowjetzeiten „der rote Graf“ genannt wurde. Ersterer stand dort, was seine literarische Größe betrifft, ganz sicher zu Unrecht.
Alle drei Tolstojs waren Schriftsteller und mehr oder weniger nah miteinander verwandt, sie hatten einen gemeinsamen Urahnen – Aleksej Nikolaevič in der sechsten und Lev Nikolaevič und Aleksej Konstantinovič, von dem dieses Essay handeln wird, mit einem gemeinsamen Urgroßvater in der vierten Generation (Stammbaum Tolstoj väterlicherseits der drei Tolstoj-Schriftsteller hier als PDF). Bei dem riesigen Stammbaum des Geschlechtes der Grafen Tolstoj, der bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht und ca. 650 Personen umfasst, ist dies schon ein erwähnenswertes Detail.

Aleksej Konstantinovič Tolstoj kam am 24. August jul. / 5. September greg. 1817 in St. Petersburg zur Welt und starb am 28. September jul. / 10. Oktober greg. 1875 auf seinem Gut Krasnyj Rog in der Ukraine. Väterlicherseits entstammte er der schon oben erwähnten Tolstoj-Linie, einem ärmeren Zweig des Grafengeschlechts. Mütterlicherseits waren seine Vorfahren u.a. die Grafen Razumovskij, ein reiches und einflussreiches Geschlecht (Stammbaum mütterlicherseits von Aleksej Konstantinovic Tolstoj im PDF-Format): Sein Urgroßvater Kirill Grigorevič Razumovskij (*1728, † 1803), war der letzte Ataman oder Hetman (ukr.), der oberste Führer der russischen Kosaken in der Ukraine, bevor Katharina die Große 1764 die Hetmanate auflöste; sein Großvater Aleksej Kirillovič Razumovskij (*1748, †1822) war unter Katharina der Großen Senator und unter Alexander I. Minister.

Schon sechs Wochen nach seiner Geburt trennten sich seine Eltern. Es war wohl eine Zweckehe gewesen, von der sich Tolstojs Vater Konstantin Petrovič Geld und Prestige erhofft hatte. Außerdem soll er charakterschwach gewesen sein und gern zur Flasche gegriffen haben. Aleksej K. wuchs bei Aleksej Alekseevič Petrovskij (*1787, †1836), dem Bruder seiner Mutter, auf dem Gut Krasnyj Rog in der Ukraine auf und lernte seinen leiblichen Vater erst anlässlich des Todes der Mutter im Jahr 1857 flüchtig kennen. Der Onkel war ebenfalls Schriftsteller (Pseudonym: Antonij Pogorelskij) und in den literarischen Kreisen der Puschkinzeit sehr engagiert; außerdem war er leidenschaftlicher Kunstkenner und -sammler. Diese Leidenschaften und die Kindheit auf dem Gut in der üppigen ukrainischen Natur haben Aleksej K. geprägt; die Gedichte seiner frühen Jahre beschreiben in romantischer Art das Leben in dieser Natur.

Als er neun Jahre alt war, zog Aleksej K. mit seiner Mutter zuerst nach St. Petersburg und später nach Moskau. 1826 wurde er bei Hofe vorgestellt und Žukovskij, der Erzieher des späteren Zaren Alexander II., nahm ihn in den Spielkreis des gleichaltrigen Thronfolgers auf. Dort nahm eine lebenslange, ehrliche Freundschaft zwischen Aleksej K. und Alexander ihren Ursprung, die sich unter anderem in der Kunstreise durch Italien manifestiert, die die beiden 1838/39 gemeinsam unternahmen. Aleksej K. gehörte zum engsten Beraterkreis des künftigen Zaren, konnte ihm offen seine Meinung sagen und musste dabei mit Kritik nicht sparen – z. B. konnte er sich für Turgenev einsetzen, als dieser wegen seines von der Petersburger Zensur verbotenen Nekrologs auf Gogol (den er trotzdem in Moskau veröffentlicht hatte) 1852 auf sein Gut verbannt wurde, und maßgeblich daran mitwirken, dass die Verbannung 1853 wieder aufgehoben wurde. Er trat auch (allerdings erfolglos) für den verhafteten, revolutionären Schriftsteller Nikolaj Černyševskij ein. Nach seiner Krönung im Jahr 1855 machte Alexander II. Aleksej K. sogar zu seinem »Flügeladjutanten« und dieser musste bis 1861 darum kämpfen, wieder freigegeben zu werden, denn er wollte ausschließlich für die Literatur leben. Die Krönungsfeierlichkeiten waren übrigens der Anlass, bei dem er seinen berühmten Vetter zweiten Grades Lev Nikolaevič das einzige Mal im Leben traf – freundlich und höflich, aber reserviert begegnete man sich und das blieb für immer so.

Wie schon erwähnt war Aleksej K.s Onkel Aleksej A. Perovskij ein ausgesprochener Kunstkenner und leidenschaftlicher Sammler. Das brachte es mit sich, dass er viel in Europa herumreiste, und immer wieder nahm er auch den Jungen mit. Von bleibender Erinnerung war für Aleksej K. seine erste Reise nach Deutschland (1827, im Alter von zehn Jahren), die ihn auch nach Weimar führte. Sein Onkel machte ihn mit Goethe bekannt und noch im hohen Alter erzählte er von dessen Ehrfurcht gebietender, imposanter Erscheinung und vergaß nie zu erwähnen, dass Goethe ihn liebevoll auf den Schoß genommen hatte.
In Italien lernte er 1831 die großen Künstler kennen und lieben, wobei seine Lieblinge die Künstler der Renaissance waren; in Deutschland und Frankreich waren es Musik, Literatur und Theater, die ihn begeisterten.

Mit 18 Jahren legte er 1835 an der Universität Moskau sein Abschlussexamen an der literaturhistorischen Fakultät ab und wurde Beamter im Archiv des russischen Außenministeriums.
Hier begann seine intensive Beschäftigung mit der Geschichte, die sein ganzes späteres Schaffen bestimmte. Sein weiterer Lebensweg ist recht unspektakulär und soll hier nur stichwortartig wiedergegeben werden:

Im Jahr 1836 trat er in den diplomatischen Dienst. Anfang 1837 wurde er (bis Ende 1840) zur russischen Gesandtschaft beim Bundestag in Frankfurt versetzt – diese Zeit ist etwas dubios, weil er dort in den Akten niemals auftaucht, man vermutet einen Spezialauftrag Alexander II. Seine Beamtenlaufbahn – auch später in St. Petersburg – war im Wesentlichen von Beurlaubungen geprägt, was ihm ausgedehnte Reisen wie die oben erwähnte Kunstreise mit  Alexander ermöglichte. Auch hatte er viel Zeit für die Jagd und für seine schriftstellerische Arbeit, die anfangs fast ausschließlich Gedichte umfasste, erst 1841 trat er zum ersten Mal mit einer Erzählung (Upyr; dt. Der Vampir) an die Öffentlichkeit – allerdings unter dem Pseudonym Krasnorogskij. Kurz darauf lernte er seinen jüngeren Vetter Aleksej Žemčužnikov kennen, dem das Beamtendasein ebenso verhasst war wie ihm – dieses Treffen sollte später hervorragende literarische Früchte tragen.

Obwohl er als Beamter und bei Hofe meist durch Abwesenheit glänzte, kletterte er in der Hierarchie beständig weiter nach oben: 1843 ernannte ihn Nikolaus I. zum Kammerjunker, 1845 wurde er Kollegienassessor (Oberst), 1846 Hofrat und 1851 gar „Zeremonienmeister des Hofes Seiner Majestät Nikolaus I.“
Im Winter 1850/51 lernte er in St. Petersburg seine spätere Frau Sofja Andreevna, die von ihrem Mann getrennt lebte, kennen und lieben; nach ihrer Scheidung heirateten sie (1857), 1863 wurde die Ehe offiziell als rechtsgültig anerkannt. Es gab nun zwei Sofja Andreevna Tolstaja, denn genau so hieß auch die Ehefrau von Lev Tolstoj – im Gegensatz zu Lev und seiner „Sonja“ aber führten Aleksej K. und seine Sofja Andreevna eine äußerst harmonische Ehe.
Patriotisch wie die meisten seiner Zeitgenossen nahm er am Krimkrieg (1853–1856) teil – allerdings auf Allerhöchsten Befehl hin nur als Major in einer Schreibstube, was ihn trotzdem fast das Leben kostete, denn seine Einheit wurde nach Odessa verlegt, wo er wie tausend andere lebensgefährlich an Typhus erkrankte.
Wie schon oben erwähnt ernannte Alexander II. seinen Jugendfreund nach seiner Thronbesteigung (1857) zu seinem „Flügeladjutanten“ (Bezeichnung für einen allein dem Zaren unterstellten Stabsoffizier) und Aleksej K. musste bis 1861 auf seine Freistellung vom Beamten- und dienstlichen Hofleben warten. Alexander II. entließ ihn schließlich mit dem Titel eines „Hofjägermeisters“, dessen einzige Aufgabe darin bestand, die kaiserlichen Jagden zu organisieren – was einem leidenschaftlichen Jäger, wie es Aleksej K. war, natürlich ein großes Vergnügen und eine Ehre war; zudem hatte er reichlich Zeit für seine Arbeit als Schriftsteller.
Es folgte dann auch die fruchtbarste Schaffensperiode seines Leben, die aber bald schon von seinen schweren Krankheiten überschattet wurde. Mitte der sechziger Jahre war er nur noch bedingt arbeitsfähig: Er litt unter Asthma, Angina Pectoris, verschiedenen Neuralgien und schweren Kopfschmerzen und hielt sich ab diesem Zeitpunkt häufig zur Kur im Ausland oder auf seinem Gut Krasnyj Rog in der Ukraine auf. Ab Anfang der siebziger Jahre konnte er nur noch sehr wenig schreiben; 1874 begann er seine Schmerzen mit Morphium zu betäuben – war sich jedoch, wie aus seinen Briefen hervorgeht, der Risiken nicht bewusst. Im September 1875 starb er auf seinem Gut, 58-jährig, vermutlich an einer Überdosis Morphium.

Aleksej Konstantinovič Tolstoj war, wie aus seiner Biografie hervorgeht, wahrlich kein Revolutionär im landläufigen Sinne, aber beileibe auch kein Reaktionär. Er war ein aufgeklärter Hocharistokrat, der soziale Veränderungen von oben wollte und trotz seiner Nähe zum Thron jeglichen Despotismus ablehnte.
Literatur durfte seiner Auffassung nach keine Waffe sein – zu schreiben, um Veränderungen zu erreichen, widersprach seiner Auffassung von Kunst; das war Tendenzliteratur. Kunst war allein um ihrer selbst willen Kunst – „L’art pour l’art“, das war sein Credo. Dieses Credo vertrat er allerdings so heftig, dass man manchen seiner Werke vorwerfen konnte, sie seien Tendenzliteratur gegen die Tendenzliteratur.
Aleksej K. war nicht allein mit seiner Überzeugung, besonders bei den Lyrikern, von der Romantik über den Symbolismus bis hin zur Neoromantik, war diese Auffassung – wenngleich in verschiedenen Ausprägungen – häufig zu finden. Aleksandr Puškin, Aleksandr Družinin, Afanasij Fet, Pavel Anennkov, Nikolaj Nekrasov, Apollon Majkov, Lev Mej und Vasilij Botkin sind berühmte russische Vertreter dieser Richtung – auch Lev Tolstoj fühlte sich ihr vorübergehend zugehörig.

Erst in den fünfziger Jahren veröffentlichte Aleksej K. seine schon viel früher geschriebenen Gedichte. Es waren Gedichte über die Landschaft und später – besonders nachdem er seine Frau kennengelernt hatte – über die Liebe. Es handelt sich um einige der wohl schönsten und tiefsinnigsten Liebesgedichte, die es überhaupt gibt. Die Themen „Kunst“ und „das Leben als Dichter“, „Seelenstimmungen“ und Gedichte über die Heimat stammen aus der zweiten Hälfte seines Lebens, erst zu seinem 50. Geburtstag erschien eine lang erwartete Lyriksammlung.
Insbesondere die Natur- und Liebeslyrik Aleksej K. Tolstojs ist zu russischem Gemeingut geworden, wurde von berühmten Komponisten vertont und wird heute noch deklamiert und als russische Romanzen gesungen. »Heller klingt der Lerche Singen« wurde 1858 und »Es war im ersten Frühling« wurde 1871 von Rimskij-Korsakov vertont; Borodin vertonte 1856 das Lied »Spes«; Tschaikowski schrieb 1851 die Melodie zu »Im Lichtglanz des rauschenden Balles« und Rachmaninow 1856 zu »Du mein Feld«.
Als Beispiel sei hier ein von Aleksej K. selbst ins Deutsche übertragenes Gedicht zitiert (er hat zwölf Gedichte in deutscher Sprache geschrieben):

Oh, glaub‘ mir nicht, in trüber Stund‘, in schlimmer,
Wenn ich dir sag‘, ich liebte dich nicht mehr!
Zur Ebbezeit glaub‘ nicht, es sei auf immer
Vom Land gewichen das bewegte Meer!
Schon sehn‘ ich mich, mit dir aufs neu zu teilen
Freud‘ oder Schmerz, die ich mit dir empfand,
Und, brausend, schon aufs neu die Wellen eilen
Von fern zurück zu dem geliebten Strand.

Aber, die Zeit der großen romantischen Lyriker war vorbei und das Zeitalter, in dem die Lyrik die bedeutendste literarische Form war, am Ausklingen. Puškin, der Gott der romantischen Lyriker, war tot; Lermontovs Aufschrei zu seinem Tod – „Der Dichter fiel! … Als Sklave der Ehre / ist er gefallen, …….. Ihr aber, ihr hochmütigen Nachkommen / eurer für ihre notorische Schurkerei berühmten Väter, …… und mit all eurem schwarzen Blut werdet ihr nicht fortwaschen / das gerechte Blut des Dichters! – war längst verhallt und er selbst den gleichen Weg wie Puškin gegangen. Die erwähnte kleine Gruppe der L’art pour l’art-Dichter und der junge Turgenev hielten das Fähnlein der Lyrik noch hoch, aber mit Gogol war unumkehrbar die Zeit der sozialkritischen, realistischen Prosaiker angebrochen; die Tendenzliteratur hatte gesiegt, die Revolution begonnen. Man brachte ihnen, und ganz besonders Aleksej K.– vielleicht vorsichtshalber auch wegen seiner Nähe zum Thron – Achtung entgegen, gefeiert aber wurden andere. Im Gedächtnis des russischen Volkes blieben ihre Namen und Werke jedoch trotz aller Wirren der Geschichte haften und einige von ihnen erleben heute eine Renaissance.

Nicht verschweigen sollte man jedoch – was leider die meisten russischen Literaturgeschichten (in deutscher Sprache) tun –, dass Aleksej K. in seinen zwanziger Jahren auch Erzählungen geschrieben hat. Sein Onkel Aleksej Alekseevič Perovskij war wie erwähnt selbst Schriftsteller und als Romantiker ein großer Verehrer von E. T. A. Hoffmann (*1776, †1822), dem Romantiker schlechthin. So geriet auch Aleksej K. unter diesen Einfluss, was man an seinen Erzählungen deutlich sehen kann.
Zwei von ihnen – 1840/41 entstanden – sollen hier erwähnt werden, da sie auch in deutscher Übersetzung vorliegen. Es sind Erzählungen im Stil der romantischen Groteske, die sich mit dem Vampirismus beschäftigen (Geister- und Gespenstergeschichten, Geheimbünde, Séancen, der Mesmerismus u. ä. waren in der Zeit der Romantik sehr in Mode): La famille du Vourdalak (im Original französisch, dt. Die Familie des Vampirs) und Upyr (dt. Der Vampir).

In Die Familie des Vampirs erlebt ein nach Moldawien reisender Diplomat bei einer Übernachtung in Serbien, wie das Oberhaupt der Gastgeberfamilie zum Vampir wird und nach und nach verschiedene Familienmitglieder holt und auch sie zu Vampiren macht. Der Diplomat hat sich in die Tochter des Hauses verliebt und will bei ihr bleiben, reist dann aber pflichtgemäß weiter. Zwei Jahre später, auf dem Heimweg, kommt er in dasselbe Dorf und findet im Haus nur noch die Tochter vor. Sie macht ihm Avancen und will ihn verführen. Im letzten Moment erkennt er jedoch, dass er es mit einer Toten zu tun hat, dass auch sie mittlerweile ein Vampir ist. Er flieht und kann sich retten, nur sein Pferd fällt den Vampiren zum Opfer.
Der Vampir ist eine verwickelte Geschichte, die in Moskau und Italien spielt. Wirklichkeit und Übersinnliches lassen sich kaum auseinander halten (obwohl es die Protagonisten versuchen), so dass es unmöglich ist, den Inhalt in wenigen Worten wiederzugeben. Es ist eine fantastische Geschichte, in der das Unheimliche dem realen Leben gegenübersteht.

In erster Linie war Aleksej K. in seinen frühen Schriftstellerjahren jedoch Lyriker. Das heißt allerdings nicht, dass er in seinem Lyrikerstübchen weltfremd vor sich hin gedichtet hätte, ohne die Realität wahrzunehmen. Der liberale Aristokrat hatte mit seinen Vettern Aleksej und Vladimir Žemčužnikov, die er Anfang der 1840er-Jahre kennengelernt hatte, eine geniale literarische Idee: Sie schufen 1851 einen fiktiven Dichter: Kozma Prutkov,  geboren 1801, Wirklicher Staatsrat und Direktor des St. Petersburger Eichamtes, der mit Porträt vorgestellt wurde und zu dessen fiktivem Tod 1863 sie auch einen Nekrolog schrieben. Niemand wusste von seiner Fiktivität, er schien real und veröffentliche von 1851 bis zu seinem vermeintlichen Tod regelmäßig in der angesehenen Zeitschrift Sovremennik Parodien lyrischer Gedichte, andere Parodien, Lustspiele, Abhandlungen, pointenlose Fabeln, sinnlose Aphorismen, kleine Singspiele usw. Er gab – salopp formuliert – zu allem seinen Senf dazu. Dabei erwies er sich als ein derart dümmlicher, bornierter, bürokratischer Reaktionär, dass alles, was er schrieb, zu einer Parodie der Realität wurde. Die Dinge, für die er stritt, offenbarten ihre ganze Lächerlichkeit, jene Dinge, gegen die er wetterte und die er parodierte, entlarvten ihn als grenzenlosen Dummkopf – einen staatstragenden Dummkopf.
Seine Gesammelten Werke (Sočinennija Kozmy Prutkova) sind bis heute in unzähligen Auflagen (aber leider nur in russischer Sprache) verbreitet und dienen nach wie vor größter Erheiterung. Es sind hervorragende und von der Intention her höchst geistreiche Texte in einer fast genialen Komposition.

Aleksej K. Tolstojs intensive Beschäftigung mit der Geschichte musste bei einem so hervorragenden Schriftsteller natürlich ebenfalls Früchte tragen. Von der Lyrik kommend, inspiriert von Goethe und Schiller, mit hervorragenden geschichtlichen Kenntnissen ausgestattet und mit dem entschlossenen Willen, die fatalen Folgen des Despotismus aufzuzeigen, schrieb er Versdramen, die ihm den Ruf einbrachten, einer der besten Dramatiker zu sein. Selbstverständlich konnte er nicht die allerjüngste Vergangenheit, die Despotie von Nikolaus I., zum Thema machen; er stürzte sich stattdessen auf eine nicht minder grausame (wenn nicht noch grausamere) Zeit der russischen Geschichte.
Die einzelnen Werke seiner Dramentrilogie Smert Ivana Groznogo (1866), Car Fëdor Ioannovič (1868) und Car Boris (1870) – deutsche Titel: Der Tod Iwans des Furchtbaren (auch des Grausamen), Zar Fedor (auch Fjodor oder Feodor) Iwanowitsch (auch Ioannowitsch) und Zar Boris – fanden seinerzeit unterschiedlichen Anklang, sie haben aber Bestand gehabt und werden auch heute noch gespielt. Aleksej. K. beschreibt darin das letzte Jahr der despotischen Schreckensherrschaft von Ivan Groznyj (Iwan IV., der Schreckliche) und die nach seinem Tod einsetzende Zeit der Regentschaft der Zaren Fëdor und Boris – in Russland die »Zeit der Wirren« genannt –, die erst mit der Wahl des ersten Romanow zum Zaren beendet wurde.

Quasi als „Abfallprodukt“ aus der Beschäftigung mit Ivan Groznyj für seine Dramentrilogie entstand Alexej K.s einziger Roman Knjaz Serebrjanyj (deutsche Titel: Fürst Serebrjanyj, Iwan der Schreckliche, Zar Iwan der Schreckliche oder Der Bojar Iwans des Schrecklichen). Es ist wohl der einzig echte historische Roman Russlands, denn Lev Tolstojs Krieg und Frieden, der immer als ein solcher dargestellt wird, ist im strengen Sinn kein historischer Roman. Lev Tolstoj verwendete zwar historische Ereignisse in seinem Werk und gab seinen handelnden Personen Charaktere und Züge lebender Personen aus seinem Umkreis, die Handlung ist jedoch im Großen und Ganzen fiktiv. Aleksej K. Tolstoj hingegen beschreibt in seinem Roman Ereignisse, die tatsächlich stattgefunden haben, und schildert historische Personen; als einzige Abweichung erlaubt er sich kleine zeitliche Verschiebungen, damit die Ereignisse in den von ihm gewählten Zeitrahmen passen. Der Roman wurde zu seiner Zeit viel gelesen, von den Kritikern jedoch abgewertet, weil diese Romanform nicht mehr „angesagt“ war (in Westeuropa und Amerika erschienene Werke waren fleißig gelesen worden) und nicht dem „modernen“ kritischen, realistischen Zeitgeist entsprach. Heute bietet uns Fürst Serebrjanyj ein bewegendes, spannendes, ja mitreißendes „Gemälde“ von Ivan Groznyj und seiner Zeit – spannender lassen sich historische Ereignisse kaum darstellen.
In seinem Vorwort zur 1863 erschienenen Ausgabe äußert Aleksej K. die Absicht, die er mit diesem Werk verfolgte: Er wolle den allgemeinen Charakter einer ganzen Epoche darstellen und die Ideen, Glaubensmeinungen, Gewohnheiten und das allgemeine Kulturniveau jener Zeit spiegeln. Er setzte jedoch hinzu, dass es ihm unmöglich gewesen sei, die Schrecken dieser Zeit in ihrem ganzen Ausmaß zu schildern; mehrmals sei ihm beim Studium der geschichtlichen Quellen, von Grauen gepackt, das Buch aus den Händen gefallen und er habe die Feder weggeworfen, außerstande, die Objektivität und Neutralität aufzubringen, die seine Arbeit erforderte.
Aleksej K. verschanzt sich bei diesem Roman hinter dem Anspruch historischer Objektivität, aber in Wirklichkeit war Fürst Serebrjanyj durchaus ein zeitkritisches Werk – was die Zensoren Gott sei Dank, die Kritiker jedoch leider nicht wahrnahmen.

Aleksej Konstantinovič Tolstoj war sicher kein Revolutionär, wie man ihn sich gemeinhin vorstellt. Er war ein „leiser“, ein „liberaler“ Revolutionär, der glaubte, die Menschen zum Denken bringen zu können, damit sie ihre eigenen Schlüsse ziehen und auf diese Weise die Ungerechtigkeiten aus der Welt schaffen. Und er glaubte, dass die Menschen aus der Geschichte lernen würden.

 

Ein Verzeichnis der Ins Deutsche übersetzte Werke von Aleksej Konstantinovič Tolstoj – der unten genannten Habilitationsschrift von Frank Göbler entnommen – als PDF-Datei hier.

Das Verzeichnis russische Werke – ebenfalls aus der unten genannten Habilitationsschrift von Frank Göbler – als PDF-Datei.

 

Literatur über Aleksej K. Tolstoj

Göbler, Frank: Das Werk Aleksej Konstantinovič Tolstojs, Arbeiten und Texte zur Slavistik – 53 herausgegeben von Wolfgang Kasack, Verlag Otto Sagner München 1992 (Habilitationsschrift)

Strziga, Dorothea: Aleksej Konstantinovič Tolstoj (1817 – 1875) Geschichtliche Dichtungen und Geschichtsbild, Inaugural-Dissertation Philosophische Fakultät Johannes Gutenberg-Universität Mainz 1972
Düwel, Wolf/ Grasshoff, Helmut [Hrsg]: Geschichte der russischen Literatur von den Anfängen bis 1917 (in zwei Bänden), Aufbau-Verlag 1986

Luther, Arthur: Geschichte der Russischen Literatur, Bibliographisches Institut Leipzig 1924
Lauer, Reinhard: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart, C.H. Beck Verlag 2000

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.