Gorbatschow wettert gegen Russische Staatsführung

Der letzte sowjetische Präsident Michail Gorbatschow hat die russische Staatsführung in ungewöhnlich scharfer Form als „reich und verdorben“ kritisiert. „Die Führungsspitze verhält sich empörend“, sagte Gorbatschow in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit seiner Zeitung „Nowaja Gaseta“.

Er warf dem Kreml vor, gegenüber der Bevölkerung Gleichgültigkeit an den Tag zu legen. Die führende Klasse sei „reich und verdorben“, ihr Vorbild sei der Milliardär und Fußballclub-Besitzer Roman Abramowitsch, sagte Gorbatschow. „Ich missachte dieses Ideal. Ich schäme mich für diese Ausschweifungen“, sagte der 79-Jährige.

Ein Mangel an Demokratie führe dazu, dass immer mehr Fachkräfte das Land verließen, sagte Gorbatschow, der auch die fehlende Meinungsfreiheit in Russland erneut bemängelte. Wenn die Menschen nicht mehr „vom Zaren, vom Ministerpräsidenten“ abhängig wären, würden sie auch nach Russland zurückkehren. Allerdings sei das Leben in Russland nicht von einer Demokratie bestimmt, sondern von Autoritarismus, in dem die Menschen und ihre Freiheiten kontrolliert würden, führte Gorbatschow aus. Er warf dem Kreml zudem vor, ihn an der Bildung einer sozialdemokratischen Partei gehindert zu haben.

Fast zwei Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion strich der Ex-Staatschef die seiner Ansicht nach in Vergessenheit geratenen Errungenschaften des Umbruchs hervor. „Damals haben wir die Freiheit geschaffen, die die Menschen heute genießen, wenn sie in die Kirche gehen, Visa beantragen, im Internet surfen oder Zeitungen kaufen“, sagte Gorbatschow, der die oppositionelle „Nowaja Gaseta“ gemeinsam mit dem Oligarchen Alexander Lebedew besitzt.

Gorbatschow genießt im Westen zwar ein hohes Ansehen. In seiner Heimat allerdings kommt ihm kaum noch Bedeutung zu. Viele Russen machen Gorbatschow für den Zusammenbruch der Sowjetunion und das danach einsetzende Chaos verantwortlich.