Gibt es ein Leben nach den Klitschkos?

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Es scheint, als neigte sich eine Ära ihrem Ende entgegen. Gestern Abend wurde in Düsseldorf der Mythos Klitschko endgültig demontiert. Ähnlich den Lenin-Statuen nach dem Zerfall der Sowjetunion. Vorbei ist der einstige Ruhm und Glanz einer ehemaligen Dynastie. Spätestens seit gestern ist der Name Klitschko auf der großen Bühne nurmehr Geschichte.

Wir hätten uns schon noch ganz andere Überschriften einfallen lassen können. „Batman watscht den Steelhammer ab“, zum Beispiel oder „Klitschko findet in Fledermaus seinen Meister“. Nichts von alldem schien uns angemessen, für diesen unerwarteten, ja gar tragischen Augenblick der Demontage eines Denkmals. Elf Jahre war es Wladimir Klitschko gewohnt, seine Titel als Gürtel um den Bauch zu tragen. Davon die letzten neun am Stück. Es hatte mitunter schon einen etwas langweiligen Charakter.

Samstag Abend zur besten Sendezeit, wir erinnern uns, ein Schwergewichts-Boxkampf stand an, der Sieger stand schon fest. Klitschko, wer sonst? So ging das Jahr für Jahr. Für einen Journalisten sind solche Stereotypen unbezahlbar. Der Text stand, bevor der Kampf zu ende war. Und jetzt ist auf einmal alles ganz anders. Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Der Klitschko, abgewatscht, verprügelt, gedemütigt – auweia…

Ein Idol ist dahin und die heile Welt im Eimer

Abgesehen von einer handvoll Engländer waren 40.000 vermeintlich Schöne, mehr oder weniger Reiche und deren Fußvolk auf den billigen Plätzen, schockiert. Fassungslos vernahmen sie das Ergebnis der Ringrichter, dass der Brite Tyson Fury tatsächlich eine heile Welt in ihnen zerstört hat. Ein Idol, eine Identifikation hat ihnen dieser dahergelaufene Rotzlöffel genommen. Zugegeben, man war soweit darauf konditioniert, dass Klitschko spätestens um die fünfte Runde herum seinen Gegner aus den Latschen haut. Gestern jedoch kam alles ganz anders.

Selbst die englische Presse zweifelte zunächst an ihrem Landsmann, so ließen es die hiesigen Medien verlauten. Wobei ein „Lucky Punch“ jedoch immer möglich sei. Gestern Abend war es jedoch mehr als nur der glückliche Schlag, der den Weltmeister entthronte. Während Rod Stewart noch den Ring bespielt und sich die britische Fachwelt einig ist, dass der Titel endlich wieder nach Großbritannien müsse, weiß die physische Untersuchung auch, dass Fury acht Zentimeter größer ist als Klitschko ist und seine Arme gleich zehn Zentimeter länger sind.

Das dürfte dem bisherigen Abonnements-Weltmeister letztlich auch zum Verhängnis geworden sein. Eigentlich war Klitschko immer derjenige, der seine Herausforderer durch seine Größe bis zum endgültigen Knockout auf Distanz gehalten hatte. Gestern hingegen kam er ziemlich ins straucheln. Schon in der zweiten Runde bekam der Ukrainer eine vor den Latz. Dabei hampelte Fury ziemlich respektlos vor dem Box-Monument herum. Er gab seinem Gegner von Anfang an keine Chance, ihn einzuordnen.

Unkonventionell, frech, aber effektiv

Unkonventionell, so möchte man den Boxstil des Engländers bezeichnen. In der fünften Runde rann bereits Blut über Klitschkos Gesicht. Therapieren wollte der Champ den durchgeknallten Briten, der gerade mit ihm macht was er will. Er demütigt ihn gar, nimmt mitten im Kampf seine Hände auf den Rücken. Fury kontrollierte den Kampf! In der neunten Runde hagelte es es nochmal eine kräftige Watsch’n für Klitschko. Das traditionelle sonntägliche Kirchweih-Boxen ist lahm dagegen.

Der noch amtierende Weltmeister triefte nun auch über dem anderen Auge vor Blut. In der zwölften, der letzten, Runde hätte es Tyson Fury sogar fast noch geschafft, den endgültigen K.O. zu setzen, aber das Ergebnis war klar. Die britischen Journalisten sangen und grölten schon während der Urteilsverkündung auf ihren Presseplätzen. „Du bist ein großer Champion. Vielen Dank, dass ich gegen dich kämpfen durfte. Ich wollte dir zeigen, was ich kann“, bedankte sich der neue Weltmeister noch höflich beim alten, ganz Gentleman eben.

Der entthronte Klitschko hofft nun auf sein Management, eine Revanche durchzusetzen. Sein Bruder Witali sagte dazu trotzig: „Er wird nach der Niederlage stärker zurückkommen, wie nach jeder Pleite zuvor auch“. Das hört sich aus dem Mund eines umstrittenen Bürgermeisters nicht sehr vielsagend an. In der Politik ist der ältere Bruder eh nur so etwas wie eine Kerze im Wind. Der Boxsport wird sich jedoch, genauso wie die Politik in der Ukraine, neu sortieren müssen.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.