Gespräch mit dem Volk: Was Putin alles nicht sagte

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Der Herrscher leiht dem Volk sein Ohr – das ist direkte Demokratie à la russe: Drei Millionen Fragen an Wladimir Putin gingen beim diesjährigen “Direkten Draht“ ein. 80 davon beantwortete der Präsident in der 3 Stunden und 40 Minuten.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Sensationelles hat Putin dieses Jahr nicht gesagt – wie meistens bei den perfekt durchorganisierten Bürgerdialogsitzungen, die dieses Jahr bereits zum 14. Mal stattfanden. Wie dieses Mal im Vorfeld herauskam, wurden sogar Normalbürger unter den Studiogästen schon zwei Tage vorher in einem Sanatorium nahe Moskau faktisch kaserniert, um das TV-gerechte Stellen ihrer Frage und das Verhalten während der Sendung zu trainieren.

Neue Kandidatur 2018?

Putin erlaubte sich gelegentlich Selbstkritik, antwortete öfter mal mit Humor – und flüchtete immer wieder einmal in ausweichende Antworten. So auch bei der wohl spannendsten Frage in der Marathon-Fragestunde: Werden Sie 2018 nochmal ums Präsidentenamt kandidieren?

Putin: Es sei zu früh, darüber zu reden, man müsse jetzt und heute das Vertrauen der Menschen erfüllen und die gestellten Ziele erfüllen … „Abhängig davon, wie die Situation sich entwickelt und wie die Arbeit von statten geht, werden die entsprechenden Entscheidungen getroffen.“ Eine Antwort, die alles offen lässt. Erst recht angesichts der Wirtschaftslage, die Putin als „grau“ bezeichnete – wobei er für nächstes Jahr seinen Bürgern wieder ein leichtes Wachstum versprach.

Neue Gattin?

Ähnlich reagierte er auch bei der immer fälligen Frage zum Privatleben: Wann bekommt Russland denn wohl eine neue First Lady, wollte ein Frager wissen. Er unterhalte weiter eine gute Beziehung zu seiner Ex-Frau Ludmilla Alexandrowna, sagte Putin. „Sie ist mit ihrem Leben zufrieden, bei ihr ist alles gut, bei mir ist alles gut“ – und überhaupt sei das keine Frage von höchster Wichtigkeit. „Aber vielleicht werde ich irgendwann einmal ihre Neugier befriedigen“, beschied er dem Fragesteller nebulös.

Und apropos Frau: „Kann eine Frau russische Präsidentin werden? Mein Papa sagt, mit Amerika kann nur Putin fertig werden“, wollte die elfjährige Aljona wissen. Putin erklärte ihr ganz staatsmännisch, dass es nicht darum gehe, mit Amerika fertig zu werden, sondern mit Problembereichen wie Straßenbau, Gesundheitssystem und Bildung. „Aber gut möglich, dass mit solchen Fragen ein Frau besser klar kommt“, so Putin.
(Nebenbei bemerkt: Damit konterkarierte er einen beliebten Witz in Russland: „Kann ein Frau russischer Präsident werden?- „Nein.“ – „Warum?“ – „Weil Putin keine Frau ist.“)

Erdogan oder Poroschenko?

Eine Kinderfrage war es auch, die zu den außenpolitischen Problemen überleitete. Wen er zuerst retten würde, wenn Erdogan und Poroschenko am Ertrinken wären, fragte ein Mädchen. Wenn jemand sich ertränken möchte, kann man ihn ohnehin nicht retten, meinte Putin. „Aber Russland ist bereit, jedem Partner eine helfende Hand zu reichen, wenn er das auch will.“ Prinzipiell habe Russland gute Beziehungen zu seinen Nachbarn, behauptete Putin. Einzig die Handlungsweise der türkischen Führung sei „inadäquat“.

Trump oder Clinton?

Eine ähnliche Frage betraf die anstehenden Wahlen in den USA: Wer ist für Russland schlechter, Trump oder Clinton? Man müsse immer danach schauen, was für Russland besser sei, wich Putin aus. In einem anderen Zusammenhang lobte er dann ausdrücklich US-Präsident Barack Obama, dass dieser sein Vorgehen in Libyen als größten Fehler seiner Amtszeit bezeichnet habe. „Das bewies nochmals, Barack ist ein anständiger Mensch“ erklärte Putin. Ein solches Eingeständnis zeuge von Charakterstärke. In Syrien hätten die USA den gleichen Fehler beinahe wiederholt, doch habe sich in dieser Hinsicht inzwischen eine positive Zusammenarbeit mit Russland ergeben.
Der Waffenstillstand dort werde hoffentlich nicht nur zu einer Befriedung, sondern zu einem politischen Prozess führen. Er rechne damit, dass im Resultat Syrien eine neue Verfassung annehmen und vorgezogene Wahlen durchführen wird, sagte Putin.
[ld/russland.RU]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.