Gemeinsame Erklärung von Steinmeier und Lawrow zum deutsch-russischen Projekt „Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene und Internierte“

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Gemeinsame Erklärung des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier und des russischen Außenministers Sergej Lawrow zum deutsch-russischen Projekt zur Suche und Digitalisierung von Archivunterlagen „Sowjetische und deutsche Kriegsgefangene und Internierte“:

„Während des Zweiten Weltkriegs gerieten mehr als 5,7 Millionen sowjetische Offiziere und Soldaten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Dies bedeutete im nationalsozialistischen Deutschland für viele Bürger der ehemaligen Sowjetunion Elend und Tod. Über drei Millionen Menschen kamen in deutscher Gefangenschaft um. Zwischen 1941 und 1945 gerieten 3,15 Millionen Soldaten der Wehrmacht in sowjetische Kriegsgefangenschaft. 1,11 Millionen kamen dabei um.

Vor diesem Hintergrund einer schweren gemeinsamen Geschichte ist wesentlicher Bestandteil einer echten Annäherung und Aussöhnung zwischen Russland und Deutschland die Wahrung des Andenkens an die Grauen des Zweiten Weltkriegs. Wir möchten deshalb am heutigen Tag, an dem wir des Überfalls des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion gedenken, unseren gemeinsamen Entschluss bekunden, den deutschen und sowjetischen Kriegsgefangenen und Internierten, deren persönliches Schicksal bisher nicht dokumentiert wurde, ihren Namen zurück zu geben und damit ihr Andenken für die Nachgeborenen zu ermöglichen.

Mit finanzieller Unterstützung der Bundesregierung und aktiver Begleitung der Regierung Russlands wurde durch die Stiftung „Sächsische Gedenkstätten“ von 2000 bis 2014 ein Projekt zur Aufklärung der Schicksale sowjetischer und deutscher Kriegsgefangener und Internierter umgesetzt. Auf diese Weise konnten Personendaten von etwa einer Million sowjetischer und 2,2 Millionen deutscher Bürger ermittelt und Auskünfte zu ihnen erteilt werden. Im Bewusstsein unserer historischen Verantwortung wollen wir verbliebene Lücken schließen und die Recherche und Dokumentation künftig in einem neuen, gemeinsamen Projekt angehen, das auf das bisherige Projekt aufbaut.

Wir wollen vorhandene Archivmaterialien lokalisieren, systematisch erfassen und zugänglich machen, um so die Aufklärung der persönlichen Schicksale so vieler Menschen beider Länder zu einem logischen Abschluss zu bringen. Die bereits erhobenen und noch zu erhebenden Daten sollen digitalisiert und in elektronischen Datenbanken zusammengeführt werden, damit die zuständigen Stellen und Fachbehörden in Deutschland und Russland Anfragen aus der Bevölkerung und von Wissenschaftlern beantworten können. Damit wollen wir auch ermöglichen, dass die Namen der in Gefangenschaft Verstorbenen, soweit dies möglich ist, ihren Begräbnisstellen zugeordnet werden können.

Wir rufen die Mitarbeiter der russischen und deutschen Fachbehörden, Archive sowie Forscher und Experten bei der Umsetzung des Projekts zu enger Kooperation auf. Die deutsche und die russische Regierung werden das Projekt nach Kräften unterstützen und insbesondere Beistand beim Zugang zu Archiven und der Bereitstellung von Archivalien sowie bei der Schaffung von günstigen Bedingungen für Forscher und Experten bei der Suche, Bearbeitung und Digitalisierung der Daten leisten. Über die Einzelheiten des Projekts werden sich beide Seiten auf Arbeitsebene abstimmen. Die deutsche Seite übernimmt die zur Realisierung des Projekts notwendigen Kosten.

Die russische Seite hat die Funktion des Projektkoordinators der Abteilung Wahrung des Gedenkens an die bei der Verteidigung des Vaterlands Gefallenen des Ministeriums der Verteidigung der Russischen Föderation und die praktische Umsetzung der Assoziation Wojennyje memorialy betraut übertragen. Auf deutscher Seite übernimmt der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die Projektkoordinierung. Das Deutsche Historische Institut in Moskau übernimmt die Durchführung praktischer Aufgaben.

In unserer gemeinsamen Anstrengung sehen wir nicht nur den Ausdruck des Gedenkens an die im grausamen Krieg Gefallenen, sondern auch einen Beweis für den zukunftsorientierten Charakter der deutsch-russischen Zusammenarbeit. Die tragische Vergangenheit verpflichtet uns, bei der Bewahrung des Friedens und der Schaffung einer Zukunft ohne Kriege und Gewalt zusammenzuarbeiten. Unser gemeinsames Projekt soll hierzu einen Beitrag leisten.“

Frank-Walter Steinmeier und Sergej Lawrow