Gedächtnis als Opponent – warum die Staatsführung sich nicht an die „Kursk“ erinnern will

Meinungen aus der russischen oppositionellen Medienlandschaft

Oleg Kaschin schreibt für die Oppositionszeitung „Republic“ über die Tragödien der 2000er Jahre, die in Moskau heute wissentlich in die dunkle Ecke gedrängt werden.

„Wenn Politiker und Medien beim anstehenden Jahrestag im August sich nicht an die „Kursk“ erinnern, wird das sehr eindeutig wahrgenommen – unter den Bedingungen unseres „weichen“ Personenkults ist jede Erinnerung an den konfusen Wladimir Putin, der offensichtlich gar nicht auf der Höhe war, fehl am Platze. Das berühmte „Sie ist gesunken“ – auch wenn Putin nichts dergleichen sagen wollte – wurde zum Symbol seines ausgemachten Zynismus, der sich in den Jahren danach noch öfter zeigen sollte. Warum sollte man ein weiteres Mal daran erinnern? Die Gedenkveranstaltungen beschränkten sich auf die Flotte, als würde es um einen reinen Flotten-Jahrestag gehen, und die aufsehenerregendste Mahnung an die Tragödie der „Kursk“ war das Banner der Fans von Zenit, also eine reine Eigeninitiative. Und sonst nichts.

Aber es gibt durchaus gewichtige Argumente, mit deren Hilfe sich die Tragödie von 2000 hervorragend in die loyalistische Mythologie unserer Zeit einpasst. Das einfachste ist: „So war es damals – so ist es jetzt“. Das Widjajewo von vor 17 Jahren kann man im Fernsehen heute als Illustration jenes erbärmlichen Zustands zeigen, in dem sich das Russland befand, das Putin übernommen hatte. Von Angesicht zu Angesicht mit den Familien der U-Bootsleute rief Putin verzweifelt aus: „Im Land gibt es keinen müden Groschen!“ Und jetzt, wo bei Armee und Flotte alles sehr viel besser aussieht, kommt die Chronik vom Beginn der Nulljahre Putin objektiv zupass – tatsächlich gab es im Land keinen müden Groschen, und jetzt gibt es alles, „Putin sei Dank dafür“.

Im Schweigen über die „Kursk“ kann man, wenn man will, sogar einen gewissen Edelmut der heutigen Propaganda erblicken, die den Jahrestag im Prinzip sogar so hätte darstellen können, dass die Nicht-Erinnerung als beste aller möglichen Reaktionen dagestanden hätte – tatsächlich, wäre es denn besser gewesen, hätten sie in diesen Augusttagen ein weiteres Memoiren-Interview mit Putin gezeigt, in dem er sich über die Neunziger beklagt hätte? Und wenn Sergej Dorenko, dessen Karriere beim Ersten Kanal akkurat nach der skandalösen Sendung über die „Kursk“ ein jähes Ende fand, sich erinnert hätte, dass es die Idee von Beresowski gewesen wäre, der versucht hätte, zum eigenen Nutzen mit der Tragödie zu spekulieren (Putin hatte ja 2000 selbst gesagt, dass „es da beim Fernsehen Leute gibt, die heute lauter als alle andere schreien und die im Laufe von zehn Jahren genau diese Armee und diese Flotte heruntergewirtschaftet haben, in der heute Menschen sterben“)? Und wenn es irgendeine Untersuchung mit Beweisen dafür gegeben hätte, dass die „Kursk“ mit einem amerikanischen Boot kollidierte – nun ja, wissen wir denn nicht, wie sie in der Lage sind, so etwas zu machen? In der Tat, dann sollen sie lieber schweigen, und das Vergessen wäre zwar ein unschöner, aber der heute einzig mögliche Schutz vor Profanation und Lüge.

Die Tragödie der „Kursk“ ist natürlich nicht nur eine Episode der inländischen Kriegsflottengeschichte. Für das postsowjetische Russland ist sie einer der emotionalen Schlüsselmomente, die das Leben – ohne Übertreibung – in ein „davor“ und „danach“ teilten. Nimmt man die Putin-Jahre, so gab es nur zwei kollektive Erlebnisse, die mit der „Kursk“ vergleichbar waren – „Nord-Ost“, Beslan, und das war es auch schon, ein drittes Beispiel findet sich nicht. In jeder dieser drei Episoden ist die größte Seltsamkeit ihr Wechselverhältnis mit der offiziellen Erinnerungspolitik, die so aufgebaut ist, dass es die „Kursk“ und die beiden größten Terroranschläge zwar gegeben hat, sie sich aber irgendwo an der Peripherie, in einer dunklen Ecke befinden, versteckt hinter den offiziell anerkannten Meilensteinen der neuesten Geschichte.

Bis zu einem bestimmten Moment konnte man noch sagen, dass der russische Staat der Vergangenheit prinzipiell gleichgültig gegenübersteht, weshalb das nationale Gedenken elementar existiert und evolutioniert, auf sich selbst gestellt, solange die Staatsmacht mit den eigenen Dingen beschäftigt ist. Aber seit einer gewissen Zeit ist dem nicht mehr so – der Staat kümmert sich ernsthaft um das Vergangene; und auch wenn sich das hauptsächlich um den Krieg von 1941-1945 dreht, so geht es in diesem eingeschränkten Format um den Versuch der heutigen Regierung, sich in die Geschichte einzupassen.

Putin selbst tritt nicht zum ersten Mal in Dokumentarfilmen auf, die seine Regierungsjahre mythologisieren. Wladimir Medinskis Militärhistorische Gesellschaft stampft patriotische Denkmäler aus dem Boden, und das nicht nur zum Thema Krieg. Tichon Schewkunow veranstaltet Ausstellungen über das Russland der Zaren und hat damit ungemeinen Erfolg. Es werden Historienfilme gedreht – vom „Wikinger“ bis zur „Legende Nr. 17“. Es geschieht viel, was im Massenbewusstsein auf die eine oder andere Art die Vorstellung von einer schwierigen, aber ruhmhaften Vergangenheit aufkommen lässt, die fließend in die putinsche Gegenwart übergeht – die Befriedung von Tschetschenien, die Angliederung der Krim und sogar die Münchner Rede.

Dabei zeigte die Staatsmacht mit Hilfe mehrerer demonstrativ grober Schritte (die faktische Zerschlagung des Museums „Perm-36“, die Anerkennung von „Memorial“ als ausländischer Agent, die allgemeine staatliche Tolerierung jedes erdenklichen Neostalinismus) den Unwillen, die dunkelsten Episoden der sowjetischen Geschichte in ihr Bild von der Vergangenheit einzupassen – wahrscheinlich kommt das Thema der Repressionen deshalb jetzt bei jenem Teil der Gesellschaft faktisch wieder in Mode, der mit Putin unzufrieden ist und Veränderungen wünscht.

„Kursk“, „Nord-Ost“ und Beslan passen ganz offensichtlich überhaupt nicht in die Konzeption des offiziellen Gedenkens. In jeder dieser Episoden standen die Staatsmacht und die Gesellschaft auf die eine oder andere Art nicht zusammen, wobei, während die offiziellen Personen ihre Unfähigkeit demonstrierten, nicht mal zu handeln, sondern sich einfach in der Krisensituation zu orientieren, sich die Gesellschaft ohne jedwedes Zutun der Staatsmacht wenigstens bereit erwies zu einem gemeinsamen Gefühl des Schmerzes und der Wut und zu jener Einheit, die die Staatsmacht in friedlichen Zeiten erfolglos von der Gesellschaft gefordert hatte.

Im August 2000, im Oktober 2002 und im September 2004 war die Gesellschaft von der Staatsmacht getrennt und betrachtete sie von außen – wahrscheinlich macht genau diese Erfahrung die drei Haupttragödien der Putin-Epoche so unerträglich für die Staatsmacht, dass sie es vorzieht, sich einfach nicht an sie zu erinnern, und gar nicht erst versucht, sie in ihr Bild von der Vergangenheit einzubauen. Die „Kursk“ ist jene Vergangenheit, die die Staatsmacht wahrscheinlich einfach fürchtet.

Diese für den Kreml unbequemen traurigen Gedenkdaten demonstrieren eine interessante Eigenschaft der heutigen Ordnung in Russland, wo nicht Kritiker und politische Kräfte die Hauptopponenten der Staatsmacht sind, sondern das Erinnern selbst. Das Stenogramm von Putins Besuch in Widjajewo, sein Interview mit Larry King mit dem Satz „Sie ist gesunken“, die Sendung von Dorenko, die sich als seine letzte erwies – diese historischen Dokumente ziehen die Basisprinzipien der putinschen Selbstpositionierung in Zweifel, wenn er in jeder auch noch so schweren Situation Herr der Lage sein und das letzte Wort sagen muss.

Solch ein Verhältnis zur Vergangenheit macht das ganze Spiel riskant – wenn es in der Vergangenheit etwas gibt, was man verbergen will, wird genau das immer schwerer wiegen als das, worauf man stolz sein will. Wenn sich zwischen dem, an was die Staatsmacht sich erinnern will, und dem, was tatsächlich gewesen ist, eine Lücke auftut, schluckt diese früher oder später alles – die Krim, die Münchner Rede und die Olympischen Spiele in Sotschi. Das ist das gleiche Prinzip, nach dem heute beim Gespräch über das Jahr 1937 sich niemand an die Langzeitflüge von Tschkalow oder die Eröffnung der zweiten Metrolinie in Moskau erinnert.

Die Manipulierung des Gedenkens führt immer zur Niederlage, und das, woran man sich nicht erinnern will, wird zur Nadel des Koschtschei. Wladimir Putin ist bereits als Präsident in die Geschichte eingegangen, dessen Regierungszeit mit der Tragödie der „Kursk“ begann. Das ist nicht mehr zu ändern, das bleibt für immer.“