Gas – die Energie der Zukunft?

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[Von Dr. Christian Wipperfürth] 50 Prozent der Steuereinnahmen Russlands hängen an der Öl- und Gasgewinnung. Der Anteil von Energieträgern an den Ausfuhren liegt seit vielen Jahren mit steigender Tendenz bei über 60 Prozent: Der Wohlstand Russlands hängt an Öl und Gas.

Versuchen wir einen Blick die weitere Zukunft, um die Perspektiven verschiedener Energieträger abzuklopfen, trotz aller Unwägbarkeiten, die mit einem Blick in die ferne Zukunft verbunden sind. Betrachten wir zunächst das Gesamtbild, um uns später auf den Energieträger Gas zu konzentrieren. Ein Blick auf die Entwicklung der vergangenen 150 Jahre macht deutlich, welche gewaltige Entwicklung die kommerzielle Energienutzung genommen hat:

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Der Zuwachs des Energieverbrauchs wird zwischen 2010 und 2030 etwa ebenso hoch sein wie der gesamte Energieverbrauch im Jahre 1970.

British Petroleum, Exxon Mobil und Shell sehen auch für die Zukunft eine grundsätzlich steigende Energienachfrage. Shell prognostizierte im Jahre 2011, dass der weltweite Bedarf von 536 Exajoule im Jahre 2010 auf 734 Exajoule im Jahre 2030 ansteigen wird. 2013 sagte Shell mit 749 Exajoule einen noch um etwa zwei Prozent höheren Wert voraus.

Exxon Mobil prognostizierte Anfang 2015 einen Anstieg der Energienachfrage von 2010 bis 2040 um durchschnittlich ein Prozent jährlich. BP errechnet für den Zeitraum von 2012 bis 2035 sogar einen Anstieg von 1,5 Prozent p.a.. Exxon Mobil und BP haben unterschiedliche Zeiträume im Blick, sodass sich ihre Voraussagen letztlich kaum unterscheiden. Die Internationale Energieagentur der OECD sagt ähnliche Zahlen voraus.

Wie zuverlässig sind die Voraussagen? Sie sind die Grundlage für Investitionsentscheidungen, da Energieunternehmen eine langfristige Planungssicherheit benötigen. Aller Voraussicht nach dürften die Prognosen recht zuverlässig sein. Die Exploration und Erschließung von Öl- ebenso wie Gasvorräten, die Errichtung von Anlagen zur Gasverflüssigung, die Errichtung von Pipelines oder etwa der Bau von Raffinerien sind milliardenschwere Investitionen, die sich erst nach vielen Jahren, wenn nicht einigen Jahrzehnten amortisieren.

Hinsichtlich des Gasverbrauchs prognostizieren die Experten von BP für den Zeitraum von 2012 bis 2035 einen jährlichen weltweiten Zuwachs von 1,9 Prozent. Exxon Mobil kam in der kürzlich veröffentlichten Vorhersage zu folgenden Angaben:

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Von den unterschiedlichen Betrachtungszeiträumen abgesehen sagen beide Unternehmen also ähnliche Werte vorher.

Der Anteil von Öl und Kohle am weltweiten Energieverbrauch wird sinken, derjenige von Gas ansteigen. Dies dürfte zu folgenden Anteilen der verschiedenen Energieträger am weltweiten Primärenergieverbrauch führen:

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Exxon Mobil kommt zu annähernd identischen Zahlen.

Die Erzeugung erneuerbarer Energien wird in den kommenden Jahrzehnten die mit Abstand höchsten Zuwachsraten aufweisen, allerdings von einer sehr niedrigen Ausgangsbasis aus. Wenn der Zehnjahreszeitraum betrachtet wird, dann entfiel auf Öl der Großteil des globalen Wachstums am Energieverbrauch vor 1975 oder etwa auf Kohle für den Zehnjahreszeitraum bis 2015. Für die folgenden zwei Jahrzehnte bis 2035 prognostiziert BP, dass Gas einen höheren Anteil am weltweit steigenden Energiebedarf decken wird als jeder andere Energieträger.

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Shell prognostiziert, dass Solar- und Windenergie im Jahre 2030 einen Anteil von etwa 2,2 Prozent an der weltweiten Primärenergieerzeugung besitzen werden. Bis 2040 dürfte der Anteil auf fast 4 Prozent steigen. In der sehr langfristigen Prognose wären es 2060 etwa 8,5 Prozent. Ein anderes Bild bietet sich bei der Beschränkung auf die Elektrizitätserzeugung. Hier steigt der Anteil von Solar- und Windenergie von knapp 11 Prozent 2030 über etwa 16 Prozent 2040 bis 2060 auf 28 Prozent an. Auch BP geht davon aus, dass Gas eine steigende Bedeutung für die globale Elektrizitätserzeugung besitzen wird und alternative Energien erst in der Zukunft – weltweit betrachtet – eine relevante Bedeutung besitzen werden.

Sollte, wer den CO2-Ausstoß vermindern will, nicht vor allem auf das umweltfreundliche Gas setzen, da alternative Energien erst in ferner Zukunft diese Aufgabe schultern können? Dies gilt auch für den Antrieb von Kraftfahrzeugen, deren Anzahl stark steigen wird. In Indien beispielsweise (je 1000 Einwohnern) von 20 im Jahre 2012 auf 130 im Jahre 2035. Für China lauten die entsprechenden Angaben 80 bzw. 360. Allein in diesen beiden Ländern werden also mehr als zehnmal so viele Kraftfahrzeuge hinzukommen wie der gesamte Kraftfahrzeugbestand Deutschlands beträgt.

Hinter den oben genannten weltweiten Zahlen verbergen sich erhebliche regionale Unterschiede. In den Ländern der EU wird der Energieverbrauch bis 2035 um sechs Prozent sinken. Ihr weltweiter Anteil am Energieverbrauch wird sich von 13 Prozent im Jahr 2012 auf neun Prozent 2035 vermindern. Zudem wird der Anteil alternativer Energien deutlich stärker ansteigen als in anderen Weltregionen. Gleichwohl werden die europäischen Gasimporte nach der Voraussage von BP bis 2035 um 49 Prozent steigen, da die eigene Förderung stark zurückgeht. Gazprom hat gute Aussichten, der wichtigste Gaslieferant der Länder Mittel- und Westeuropas zu bleiben. So ist sein Anteil an den EU-Gasimporten von 48 Prozent im Jahre 2010 auf 64 Prozent im Jahre 2014 angestiegen.

Der globale Energiemarkt ist seit Beginn des neuen Jahrhunderts beträchtlich in Bewegung geraten. Russland steht vor erheblichen Herausforderungen, einige seien genannt. Zum ersten ist die Gasförderung in den USA stark angestiegen.

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Zum zweiten nahm LNG, bei dem Gazprom aufgrund des leistungsfähigen Pipelinenetzes nicht zu den Vorreitern zählte, einen großen Aufschwung. Zum dritten könnten die politischen Differenzen zwischen Russland und den Ländern der EU die Aussichten auf dem wichtigsten Exportmarkt beeinträchtigen.

Russland hat auf diese Herausforderungen reagiert, nicht zuletzt durch die 2014 vereinbarten Lieferungen nach China. Der Gasverbrauch in der asiatisch-pazifischen Region war noch 2010 etwas niedriger als derjenige Europas. 2030 wird er jedoch fast doppelt so hoch sein.

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Halten wir fest:

– Alternative Energien werden weltweit erst in fernerer Zukunft eine relevante Bedeutung besitzen.

– Das im Vergleich zu Öl und Kohle umweltfreundliche Gas könnte zumindest für eine Übergangsfrist von 30, 40 oder 50 Jahren eine zentrale Rolle spielen, um den CO2-Ausstoß zu senken.

– Alles deutet darauf hin, dass die Bedeutung von Gas steigen tatsächlich wird.

– Russland besitzt gute Voraussetzungen, hieran zu partizipieren: Es besitzt die größten Vorkommen und ist direkter Nachbar der beiden größten Importgebiete: Westeuropa und Fernost.

– Gute Voraussetzungen und Wahrscheinlichkeiten sind keine Garantie. Russlands Wohlergehen ist zu einem gefährlich hohen Grad an Öl und Gas geknüpft.

Über den Autor

Dr. Christian Wipperfürth
Arbeitet als Freier Publizist, Er hat zuvor für das Europäische Parlament bzw. den Deutschen Bundestag gearbeitet und Internationale Beziehungen an der Universität in St. Petersburg gelehrt.