Gangway-Chaos am Petersburger Flughafen Pulkowo

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[von Lothar Deeg] Eigentlich sollten die mobilen Treppen, über die man in Flugzeuge hineinkommt oder wieder hinaus, zu den unkompliziertesten Teilen der modernen Luftfahrt gehören. Doch nach einem tragischen Unfall bremsen nun fehlende Gangways den Verkehr am modern ausgestatteten Airport Pulkowo.

Am Donnerstagabend brach die sonst eigentlich immer recht pünktlich verlaufende Abfertigung in Pulkowo förmlich in sich zusammen: Von 39 Flügen, die zwischen 18 und 22 Uhr abfliegen sollten, konnten nur 16 pünktlich starten, berichtet fontanka.ru. Schuld war nicht das Wetter, auch kein Streik – sondern ein hausgemachtes Problem.

Pünktlich gelandet – aber nicht angekommen

Begonnen hatte das Chaos mit einem Flug aus Wien: Anderthalb Stunden lang mussten die Passagiere in der auf dem Vorfeld stehenden Maschine warten – es war einfach keine Gangway verfügbar, über die sie das Flugzeug hätten verlassen können. Erst als die Maschine zu einer der Fluggastbrücken am Terminal bugsiert worden war, konnten sie aussteigen.

Faktisch ist der Flughafen gegenwärtig gezwungen, so gut wie alle Flüge über die Teleskop-„Finger“ abzuwickeln: Denn nach einer Überprüfung durch die Behörden hatte sich herausgestellt, dass der Airport nur über einen einzigen Mitarbeiter verfügt, der offiziell qualifiziert ist, die mobilen Gangways zu den Flugzeugen zu steuern und dort anzudocken.

Dieser Grund wurde gestern Abend den Passagieren eines Fluges nach Krasnodar mitgeteilt, der ebenfalls erst mit anderthalb Stunden Verspätung starten konnte, berichtet Fontanka.ru unter Berufung auf Leserinformationen.

Die Flughafenleitung selbst erklärt, der Airport arbeite planmäßig – und bestätigte, dass die Masse der Flugbewegungen gegenwärtig über die stationären Fluggastbrücken abgewickelt werde.

Tödlicher Sturz eines Babies

Hintergrund des Gangway-Ausfalls ist ein tragischer Unfall Ende September: Beim Aussteigen aus einem angekommenen Airbus A 320 war eine 44 Jahre alte Frau mit ihrer einjährigen Enkelin auf dem Arm mehrere Meter tief abgestürzt. Die ausfahrbare Platte zwischen Gangway und Flugzeugrumpf hatte nachgegeben. Eigentlich sollte dieses Bauteil eine Last von bis zu 1,7 Tonnen tragen können. Das Kleinkind starb später an den erlittenen Schädelverletzungen.

Nach dem Unfall wurden zunächst alle elf Gangways des betreffenden Typs Smartstep-2 außer Dienst gestellt – etwa ein Drittel des Bestands in Pulkowo. Gegen zwei für die Bodentechnik verantwortliche Flughafenmitarbeiter wird nun von der Staatsanwaltschaft ermittelt – es besteht der Verdacht, dass bei einer Reparatur der mobilen Treppe gepfuscht worden war. Überaltert sind die betroffenen Gangways aus US-Produktion dabei nicht unbedingt: Sie wurden zwischen 2006 und 2011 in Dienst gestellt. Allerdings hat der Flughafen in den letzten fünf Jahren keine einzige neue Gangway angeschafft.

Gangway-Operateure ohne Ausbildung am Werk

Weitere amtliche Checks ergaben dann noch, dass es auch mit der Qualifikation des Bodenpersonals zur Bedienung der Gangways hapert. Dies hatte auch schon die Luftaufsichtsbehörde Rosaviazia in einem Bericht im Juli festgestellt und die mangelnde Ausbildung und Erfahrung der Servicekräfte in Pulkowo kritisiert. Laut fontanka.ru dauert die nun im Eilverfahren notwendige Fortbildung und Attestierung der entsprechenden Mitarbeiter drei Wochen.

So lange wird es also in Pulkowo wohl noch zu Engpässen kommen – denn der Flughafen ist nicht darauf ausgelegt, alle Boardings und Ankünfte nur über die Teleskop-Brücken abzuwickeln. Bleibt zu hoffen, dass der einzige professionelle Gangway-Fahrer bei diesem Stress vorerst nicht krank wird.

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.