Fußball-EM 2016 – Ein Schalker für die Sbornaja?

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Er ist 27 Jahre alt, spielt auf Schalke Profifußball und gilt in Fachkreisen als verschenktes Talent. Die Rede ist von Roman Neustädter, einem defensiven Mittelfeldspieler, der aber auch schon einmal in der Innenverteidigung aushelfen kann. Der könnte nun der russischen Nationalmannschaft bei der kommenden EM in Frankreich tüchtig unter die Arme greifen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung huldigte Neustädter bereits mit einem Lob, dass einem Ritterschlag gleichzusetzen ist. „Der moderne Beckenbauer“ sei er, er besitze den taktischen Blick für Raum und Zeit. Dabei spiele er ja eigentlich relativ unauffällig und unspektakulär und werde vom Publikum oft unterschätzt. Soweit die Poesie eines Sportredakteurs. Bundestrainer Joachim Löw bewertet Roman Neustädter da schon eher nach seinen hand-, oder besser fußwerklichen Befähigungen.

Als lauf- und zweikampfstark gilt er, der Neustädter, und hat „wahnsinnig gute Ausdauerwerte“, schwärmt der Bundesjogi. Er verfüge über ein nahezu perfektes Stellungsspiel und könne Spielsituationen schnell erkennen und gedanklich vorwegnehmen. Der Schalker „weiß sich im Dienste der Mannschaft zurückzunehmen und seine Mitspieler in Szene zu setzen“, ergänzt wiederum die FAZ. Warum er wohl in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei all seinen herausragenden Spieleigenschaften nicht berücksichtigt wird, bleibt indes das Geheimnis Löws.

Doppel- statt Bundesadler

Auf mickrige zwei Einsätze bei Freundschaftsspielen im Trikot mit dem Bundesadler kam Neustädter bislang. Das könnte sich nun ändern, wenn er den Bundes- gegen den Doppel-Adler austauschen würde. Denn: Russland hält Ausschau nach talentierten Ausländern, die für die Fußball-Nationalmannschaft antreten könnten. Nach der gerade erst erfolgten Einbürgerung des brasilianischen Torhüters Marinato Guilherme von Lokomotive Moskau scheint nun Interesse an Roman Neustädter zu bestehen. Der 27-jährige Defensivspieler sieht das als „Superchance“, warnt aber vor zu schnellen Schlüssen. Bisher habe ihn niemand aus Russland kontaktiert.

Zudem stünden einem Passwechsel Neustädters keine allzu hohen bürokratischen Hürden im Weg. Der heutige Schalker wurde 1988 im ukrainischen Dnjepropetrowsk geboren, das damals ja noch ein Teil der Sowjetunion war. Sein Vater, ein Russlanddeutscher aus Kirgistan, spielte lange Jahre für Mainz 05. Der „Karnevalsverein“ wurde deshalb logischerweise auch zum Heimatklub von Neustädter Junior. 2009 bis 2012 kickte Neustädter dann für Borussia Mönchengladbach, seit 2012 läuft er für die Blau-Weißen mit dem Logo des russischen Energieriesen auf den Leibchen in die Stadien ein.

In einem Interview für die russische Sportzeitung „Sovsport.ru“ geht Neustädter näher auf das vermeintliche Angebot aus Russland ein. Er höre von allen Seiten davon, das Internet sei voll von derartigen Informationen, sogar im Verein hätte man schon gefragt, allein – er wisse offiziell von nichts, denn es habe keine offiziellen Anfragen gegeben, vielleicht sei das ja ein Gerücht. Auf die Frage, ob er auf ein entsprechendes Angebot eingehen würde, sagt Neustädter: „Natürlich. Das ist eine Chance für mich, ich wäre froh, wenn man mich in die russische Nationalmannschaft berufen würde.“

Das alles erinnert den Reporter an ähnliche Gerüchte 2011, hinsichtlich der ukrainischen Nationalelf. Schon da wurde bereits heiß über einen Wechsel der Staatsangehörigkeit diskutiert und am Ende sei dann alles im Sande verlaufen. Deshalb zeigt sich Roman Neustädter noch verhalten: „Und auch jetzt: Bevor über Pässe und Staatsangehörigkeiten geredet wird, sollten wir erst einmal abwarten, ob sich die russische Nationalmannschaft wirklich für mich interessiert oder ob das alles nur eine Ente ist.“

In einem ist sich die Fachwelt allerdings schon jetzt einig: Der russischen Sbornaja würde der talentierte Defensiv-Allrounder aus dem Ruhrpott in jedem Fall gut zu Gesicht stehen.

[mb,sb/russland.RU]