„Frollein, noch einen Russen bitte!“

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In Süddeutschland sind die Menschen einfach gastfreundlich. Willkommenskultur in ihrer Reinform sozusagen. In ihrer reinsten Form, besonders gegenüber den Russen, ist sie im Wirtshaus anzutreffen. Der folgende Text mag deshalb jetzt für Norddeutsche, also alle Menschen, die nördlich von Kassel beheimatet sind, auf den ersten Blick etwas unverständlich wirken. Die Rede ist vom sogenannten „Russen“. Wir wollen versuchen, ein wenig Licht in den Biergarten zu bringen.

Aber zugegeben, geschwindelt war das schon. In Wahrheit kann nicht wirklich von einer ausgeprägten Herzlichkeit gegenüber Fremden im Süden gesprochen werden. Die ist genauso so zu werten, wie überall im Land. Nur noch etwas erzkonservativer. Das russische Volk und ihr Staat sind üblicherweise sowieso die manifestierte Inkarnation des Bösen. Also auch im Süden. Jedoch, es gibt Ausnahmen die die Regel bestätigen. Der Kollege Michael Kasperowitsch, Kolumnist bei den „Nürnberger Nachrichten“, brachte es sehr schön auf den Punkt: „Bis heute kann von einer offenen Willkommenskultur nur eingeschränkt die Rede sein“, schrieb er. Wie recht er doch hat.

Besonders jetzt, in dieser Gluthitze die das Land momentan überschattet, ist er wieder omnipräsent, dieser „Russe“. Denn, es handelt sich hierbei um ein minder alkoholisches, erfrischendes Feuchtgetränk, das, in der Regel in einem Maßkrug kredenzt, zur einen Hälfte aus mit Weizen vergorenem Bier und zur anderen aus Zitronenlimonade gemischt wird. Die Wespen, die sich darauf stürzen, stehen auf einem anderen Blatt. Quasi das Weißbier-Adäquat zur Radlermaß, pardon, nördlich von Kassel natürlich dem Alsterwasser.

Kommunisten, Nazis oder nur einfach nur die Mangelwirtschaft?

Was ein „Russe“ im Süddeutschen ist, haben wir ja nun pragmatisch durstlöschend dargestellt. Jetzt ist natürlich die Frage, warum heißt der Russe eigentlich „Russe“? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir uns in der Zeit ein wenig zurück, nämlich ins München während der Wirren der Weimarer Räterepubliken, katapultieren. Man schreibt das Jahr 1920 und im Münchner „Mathäser-Keller“ debattieren sich gerade die Kommunisten die Köpfe rauchig. Und so eine, bislang noch unausgegorene, Revolution macht natürlich einen recht anständigen Durst. Auch Lenin war übrigens damals vor Ort.

Ob den Kommunisten, seinerzeit der Einfachkeit halber „d‘ Russn’n“ genannt, damals aufgrund einer fehlerhaften Planwirtschaft das Weißbier ausging oder ein Mangel an Rohstoffen der Hintergrund war, kann heute nur noch gemutmaßt werden. Jedenfalls entschied man sich zum Strecken des Gerstensafts mit Limonade. Der Mangel an Rohstoffen führt uns zu einer anderen These um die Entstehung der „Russenmaß“. Das Bier sei schwächer eingebraut und deshalb mit Limonade getreckt worden, was den russischen Arbeitern und Landarbeitern wegen der milden Süße des Getränks, besonders schmeckte. Heißt es wieder an anderer Stelle.

Einen letzten, wenngleich auch dünnen, Erklärungsversuch hätten wir aber noch. Demnach wäre das Erfrischungsgetränk durch die Mischung der beiden Flüssigkeiten stark aufgeschäumt und wirkte wie eine „Riesen-Maß“. Den Nationalsozialisten, die erst ein wenig später mit der wahren Größe des russischen Reiches konfrontiert wurden, schien das Anlass genug, die riesige Maß zur „Russ’n-Maß“ zu verballhornen. Warum ich dabei jetzt gerade ausgerechnet an die bayrische CSU denken musste, vermag ich so auch nicht zu sagen.

Es mag am Süden legen. Jedenfalls sagte der damalige bayrische Ministerpräsident bei der Landtagswahl 2008, es sei unbedenklich, mit zwei Maß Bier noch Auto zu fahren. Aber auch wenn der „Russe“ verdünnt ist, obacht, es ist Alkohol und immer noch Ihr Führerschein…

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.