Formel 1: „The speed is higher in the land of fire“

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[Von Michael Barth] – Stellen Sie sich vor, Sie würden mit dem Auto durch eine malerische Altstadt fahren. Schmale Straßen, gesäumt von frischen grünen Bäumen. Entlang an bürgerlichen Kleinpalästen aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts, einer trutzigen Zitadelle aus vergangenen Zeiten und die Sonne scheint dazu. Herrlich sagen Sie? Ja, das finden wir auch.

Szenenwechsel: Die gleiche Altstadt, die selben frisch grün gesäumten engen Straßen, die kleinen neugotischen Paläste und immer noch dieses unverschämt herrliche Wetter. Aber Sie haben das Auto getauscht. Jetzt sitzen Sie in einem Formel 1-Boliden mit 700 Pferdestärken gebündelt auf 2,4 Litern Hubraum und brettern mit dieser Rakete unter dem Hintern mit 378 (!) Stundenkilometern durch Baku. Du lieber Himmel, der Wahnsinn sagen Sie? Oh ja, das sagen wir allerdings auch!

Aserbaidschan, Land der Feueranbeter

Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans am Südrand des Kaukasus-Gebirges mit Zugang zur Kaspischen See, und seit dem 12. Jahrhundert Kapitale. Schon die Zoroastrier, diese legendäre Religionsgemeinschaft der „Feueranbeter“ wusste vor Jahrtausenden um die besonderen Bodenschätze der Region. Für sie waren es die heiligen Feuer aus den Steinen, die niemals erloschen. Moderne Geologen nennen dieses Phänomen wissenschaftlich nüchtern – Erdöl. Das „Schwarze Gold“ war es, das Aserbaidschan Ende des 19. Jahrhunderts einen neuerlichen Boom bescherte.

Heute leben in Baku rund zwei Millionen Einwohner. Von 1856 bis 1910 wuchs Baku schneller als London, Paris oder New York und war Standort für das führende Unternehmen auf dem Erdöl-Weltmarkt. Bis 1901 lieferte Baku die Hälfte des weltweit benötigten Rohstoffs. 1917, nach der Revolution der Bolschewiken war Schluss mit der Herrlichkeit. Der Boom war vorüber, die Ölquellen fest in staatlicher Hand. Erst ab 1991 sollte Aserbaidschan wieder von sich Reden machen. Die dort ansässigen Armenier wurden verfolgt, der islamischen Aktivismus blühte. Das führte am Ende auch zu dem heute noch immer wieder auflodernden Konflikt um die Region Berg-Karabach, die beide Länder voneinander trennt.

Seit kurzem macht Baku erneut von sich reden. Eine Rennstrecke wurde integriert und seit dem Wochenende darf sich die Stadt in den erlauchten Kreis des Forme 1-Zirkus einreihen. Der deutsche Streckendesigner Herrmann Tilke entwarf einen attraktiven Stadtkurs, den Baku City Circuit (auf ArmenischBakı Şəhər Halqası), der sich mitten durch die historische Altstadt entlang vieler Sehenswürdigkeiten zieht. Sechs Kilometer lang, mit 20 Kurven gewürzt, bietet der interessante Parcours den 28.000 Zuschauern – es ist die kleinste Formel-1-Bahn aller Zeiten – allerhand Spektakuläres. Den Piloten ringt die Strecke jedoch das Letzte ab. In Fachkreisen hat er bereits den Beinamen „Männerkurs“ weg.

Aserbaidschan, Land des Erdöls

Bei der Attraktivität dürfte der Kurs in Baku schon bald Monte Carlo abgelöst haben. Enge Kurven und an der schmälsten Engstelle nur noch knapp sieben Meter breit, äußerten die Fahrer vor der Premiere unisono ihre Bedenken ob der Sicherheit. Laut Streckenkonstrukteur sei die Strecke genauso sicher wie alle anderen auch. Die Einschätzung der Hauptakteure differiert gewaltig zu dieser Meinung. Zumal die Piste unglaublich schnell ist. Nicht umsonst prägte man als Slogan für diesen Event den markigen Satz: „The speed is higher in the land of fire“.

Jenson Button wirkte bei der Medienrunde am Donnerstag noch sichtlich besorgt. Nichtsdestotrotz fuhr er hier in Baku mit 378 Stundenkilometern die höchste Geschwindigkeit, die jemals auf einem Formel 1-Kurs erreicht wurde. Auch Nico Rosberg teilte die Bedenken. Seiner Meinung nach gäbe es auf dem engen Kurs zu wenig Auslaufzonen. Vor Kurve 15 fährst du direkt auf eine Mauer zu“, so der Mercedes-Pilot. Auch den anderen Fahrern machte diese Mauer zu schaffen, auf die man mit etwa 300 Kilometern die Stunde darauf zurast. Felipe Massa dazu lapidar: „Du musst dich früh entscheiden, ob du ein Problem hast oder nicht. Merkst du zu spät, dass es nicht mehr reicht, klebst du in der Mauer!“.

Button hingegen hat, obwohl er den Rekord einfahren konnte, noch einen weiteren eklatanten Gefahrenpunkt ausgemacht. „In Kurve Sieben gibt es drei Barrieren und dann die Betonmauer direkt an der Strecke, allerdings steht da auch ein Gebäude im Weg. Dieses Gebäude kann man nun mal nicht versetzen, aber wenn du einen Unfall hast…“, weiter wollte er es gar nicht ausführen. Allen Unkenrufen zum Trotz, passiert ist nichts an diesem Baku-Premieren-Wochenende.

Und, das wäre jetzt fast auf der Strecke geblieben, es wurde in Baku ja auch noch ein Rennen um Punkte, Titel und begehrte Plätze auf dem Treppchen gefahren. Nico Rosberg konnte seinen Vorsprung in der Gesamtwertung dank eines Start-Ziel-Sieges auf 24 Punkte ausbauen. Neben ihm durften Sebastian Vettel als Zweiter und als Dritter der Mexikaner Sergio Perez auf dem Siegerpodest Platz nehmen. „Es war ein ganz tolles Gefühl. Ich konnte alles machen, es war wie auf Schienen“, schwärmte zu guter Letzt der Sieger, der über 51 Runden das Rennen kontrollierte.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.