Flugzeugkatastrophe – Spekulationen, Spektakel oder doch nur Spekulatius

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Der vorweihnachtliche Kreuzzug in den Geschäften hält bereits Einzug. Die ersten Adventskalender warten darauf verkauft zu werden und natürlich gibt es auch allerhand Süßgebäck. Darunter auch den berühmten Spekulatius. Man geht unter anderem, obwohl man es gar nicht genau weiß, vom lateinischen Wortstamm „Speculari“ aus. Das bedeutet beobachten, spähen oder einfach nur schauen.

Nun liegt es ja in der Natur der Berichterstattung, dass nur allzu gerne wirr herum spekuliert wird. Dieses Wort wiederum kommt definitiv vom lateinischen Wort „Speculatio“ und meint nichts anderes als beobachten, ins Auge fassen. Wenn man genauer hinsieht, kann es durchaus passieren, dass sich daraus ein Spektakel entwickelt. Und schon haben wir einen, laut Duden, aufsehenerregenden Vorgang. Und jetzt kommt der „Islamische Staat“ ins Spiel.

Spekulatives Kuddelmuddel und eine spektakuläre Option?

Die Meldungen vom Flugzeugabsturz über dem Sinai haben noch gar nicht richtig sämtliche Ecken der Welt erreicht und schon bekennt sich der IS zu einem Attentat. Die Fachwelt zweifelt, für den Laien ist bereits alles klar. Der Ferienflieger solle abgeschossen worden sein. Technisch, so behaupten die einen, unmöglich, weil der IS gar nicht über derlei Waffen verfüge. Faktisch jedoch unbestreitbar, so behaupten die anderen. Der IS gibt Rätsel auf. War er es oder war er es nicht? Die Spekulationen schießen ins Kraut.

Die Splitterzelle „Provinz Sinai“, ein örtlicher Ableger der „Krieger des Kalifats“ behauptet steif und fest, Vergeltung für die russischen Luftangriffe auf ihre Waffenbrüder geleistet zu haben. Nur, wie kann das möglich sein, wenn doch gar kein Puzzle-Teil zum anderen passt? Einerseits habe das Bekennerschreiben die selbe Sprachebene, das gleiche Schema des IS. Eben so wie er gerne in der Öffentlichkeit auftritt. Andererseits, warum sollten sich die Dschihadisten zu Anschlägen bekennen, die sie gar nicht begangen haben. Das ist nicht deren Stil.

Geiseln und Gefangenen die Köpfe abzuschneiden ist das eine, Stolz und Ehre eben aber auch das andere. Somit würden sich die Krieger im Namen Allahs eine Blöße geben, die ihrer nicht würdig scheint. Da ist der Dienst an der Sache dann schon außen vor. Würde sich am Ende doch ein technischer Defekt als Absturzursache herausstellen, hätten sie sich nichts anderes als lächerlich gemacht. Pustekuchen mit den 40 Jungfrauen im Paradies, Allah wäre beschämt, die Gotteskämpfer der Depp.

Doch revolutionäre Kriegswissenschaft?

Und jetzt gehen wir einmal an unser Bücherregal und kramen das kleine Handbuch der revolutionären Kriegswissenschaft hervor. Da steht nichts von sogenannten „Manpads“, diese Flugabwehrkörper zum Herumtragen, geschweige denn etwas von irgendwelchen hochkomplizierten BUK-Systemen drin. Nein, es geht darin schlichtweg nur um kleine Bömbchen, die mit minimalem Aufwand größtmöglichen Schaden anrichten können. Was nun, ja was wäre, sollte eben so ein Sprengsatz vor dem Abflug vom Ferienort Sharm el Sheikh ins Innere des Airbus geraten sein?

Nun, dann wäre es stimmig, dass das Flugzeug vor dem Absturz in der Luft in der Mitte auseinander gebrochen sei. Ebenso, wie auch schon von Augenzeuger gegenüber den Medien vermeldet, bereits Feuer gefangen hätte, schon lange bevor es auf dem gebirgigen Wüstenboden der Sinai-Halbinsel aufschlug. Die Wirkung ist bei einem Flugzeug in knapp 10.000 Metern Höhe annähernd die gleiche wie bei High-Tech-Waffen. Das Ding kommt runter, so oder so.

Eine Bombe im Gepäck, ein Selbstmordattentäter? Aus der Bekennerbotschaft geht nichts weiter hervor, als ein dürftiges „wir waren das“. Warum schloss Ägypten ein manipulatives Eingreifen in den Flug nach St. Petersburg sofort kategorisch aus? Beamte dort hätten sogar gebeten, wegen eines technischen Problems sofort Notzulanden, so hieß es. Diese Meldung habe sich jedoch als falsch herausgestellt.

Diese ersten Reaktionen von ägyptischer Seite mögen der Tourismusbranche geschuldet sein, immerhin der Goldesel des Landes. Da käme momentan eine Terrormeldung wohl gerade mehr als deplatziert. Der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedew forderte sogleich eine detaillierte Prüfung des Vorfalls an, russische Experten sind sowieso schon vor Ort.

Auch wenn bereits fieberhaft an der Auswertung der Flugschreiber gearbeitet wird, vorerst bleiben nur die Spekulationen. Wie spektakulär es am Ende hinauslaufen wird, muss sich zeigen. Der Appetit auf die Spekulatius, die es, wie gesagt, schon überall zu kaufen gibt, ist wohl fürs erste verhagelt. Besonders den Angehörigen der über 200 „russischen Kreuzzüglern“, wie sie vom IS martialisch präsentiert werden.

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.