FIFA spielt Fußballschach mit Bauernopfer

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Zürich – Das Runde muss ins Eckige. Endlich verstehen wir die wahre Bedeutung dieses althergebrachten Spruchs, denn der Fußballweltverband FIFA sorgt gerade wieder einmal für Schlagzeilen. Ebenso sprach schon so mancher Trainer im Laufe seiner Karriere von „Fußballschach“. Auch dessen Sinn haben wir jetzt seit einer denkwürdigen Ansprache eines gewissen Kirsan Iljumschinow kapiert.

Sie verstehen jetzt nur Bahnhof? Das ist durchaus verständlich, auch wir mussten lange darüber nachdenken, was da gerade im Big Business des Fußballs vor sich geht. Fangen wir einfach mal von vorne an. Der allmächtige Kaiser des Weltfußballs, nein nicht Franz Beckenbauer, sondern Joseph Blatter, ist entthront. An seinem Stuhl hat er selber gesägt, als deutlich wurde, dass der Weltverband vor Korruption nur so stinkt. Etliche wurden daraufhin verhaftet, noch viele mehr harren der unguten Dinge die noch auf sie zukommen mögen und der Blatter Sepp wurde abgewählt. Soweit ein ganz normaler Vorgang in der Geschäftswelt. Ebenso normal, dass jetzt ein Nachfolger für den Chefsessel gefunden werden muss.

Allen voran der bisherige UEFA-Präsident Michel Platini, der keine Gelegenheit ungenutzt lässt, sich als neuer Turm allerorts ins Gespräch zu bringen. Ein weiterer Kandidat für den Fußball-Chefposten wäre als Läufer der Südkoreaner Chung Mong-Joon. Er ist seines Zeichens der reichste Mann in seinem Heimatland und Spross des Gründers der Automobilmarke Hyundai. Seine Fußball-Referenzen begründen sich in der Präsidentschaft des südkoreanischen Fußballverbandes während der Weltmeisterschaft 2002 im eigenen Land. Der Dritte im Bunde, der Springer sozusagen, ist ein waschechter Prinz und stammt aus Jordanien. Ali bin al-Hussein kann in seinen Bewerbungsunterlagen den Präsidenten des jordanischen Fußballverbandes angeben.

Ein schachspielender Kalmücke will im großen Orchester mitspielen

Und nun kommt eben jener Kirsan Iljumschinow mit ins Spiel. Eine schillernde Figur auf allen Bühnen und es ist beileibe nicht das erste Mal, dass er sich spektakulär ins Gespräch bringt. Iljumschinow stammt aus der autonomen Republik Kalmückien, der Hochburg der Buddhisten im Süden Russlands. Dort war er sogar von 1993 bis 2010 Gouverneur und ließ einen der größten buddhistischen Tempel Europas errichten, den er 2005 feierlich einweihte. Zudem spielt er seit seinem vierten Lebensjahr leidenschaftlich Schach. Seine Passion verhalf Iljumschinow 1995 auf den Posten des Präsidenten des Weltschachbundes FIDE. Kurzerhand erhob er daraufhin Schach zum Nationalsport in Kalmückien.

Am Rande sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass Kirsan Iljumschinow äußerst vermögend ist. Um das Kind beim Namen zu nennen, eigentlich ist er stinkereich. So hat Iljumschinow alleine 80 Millionen US-Dollar seines Privatvermögens in den Verband geschustert, um den Schachsport zu fördern. Im südrussischen Elista ließ er 1998 eigens für die Schacholympiade eine „Schachstadt“ errichten. Aus seinen privaten Mitteln versteht sich. Im Herbst 2010 kam er auf die Idee unweit des „Ground Zero“ in New York City für 10 Millionen US-Dollar ein Grundstück zu erwerben, um darauf ein Schachzentrum errichten zu lassen. Man merkt, der Mann lebt Schach, der Mann ist Schach.

Bisweilen treibt dieses gelebte Schach aber auch skurrile Blüten. So kursieren unter anderem Aufnahmen aus dem Jahr 2011, die Iljumschinow zeigen, wie er mit dem libyschen Staatsoberhaupt Muammar al-Gaddafi eine fröhliche Partie spielt. Allerdings war das gerade mitten im libyschen Bürgerkrieg. Wer diese Partie verlor wissen wir leider nicht, aber der Ausgang der weiteren Geschichte des nordafrikanischen Staates dürfte hinlänglich bekannt sein. Und dann hatte Kirsan Iljumschinow ja auch noch seine persönliche Begegnung der dritten Art. Ob dabei allerdings auch Schach gespielt wurde können wir Ihnen so auch nicht sagen, denn außer ein paar Außerirdischen, und eben der Lichtgestalt des Schachsports, war ja niemand mit dabei.

Geld wie Heu und Connections im Weltall

Aber es gibt ja Gott sei Dank einen Iljumschinow’schen Augenzeugenbericht. 2010 äußerte das leibhaftig gewordene Schachbrett während eines Fernseh-Interviews: „Ich wurde 1997 von Aliens entführt!“ Das Video kursiert heute noch im Internet. Frei von der Leber weg schilderte Kirsan Iljumschinow seine Erlebnisse auf diesem UFO und brachte damit seinerzeit den nationalistischen Duma-Abgeordneten Andrej Lebedjew gewaltig in höhere Sphären, respektive auf die Palme. Er riet dem damaligen Präsidenten, Dmitri Medwedjew, Iljumschinow auf seinen Geisteszustand hin untersuchen zu lassen. Insgeheim war die größte Sorge Lebedjews jedoch die bange Frage, ob der durchgeknallte Schachpräsident am Ende gar geheime Staatsinformationen ins All verraten habe.

Aber kehren wir jetzt endlich wieder auf die Erde, pardon, zum Fußball zurück. Denn auch da hat Iljumschinow bereits Erfahrungen sammeln dürfen. Der „Schach-Kirsan“ war Gründer und Eigner des „FK Uralan Elista“. In die Premier Liga wollte Iljumschinow sein neues Steckenpferd führen. Dazu wollte er sogar den argentinischen Zauberfußballer Diego Maradona kaufen. Der kam jedoch nicht und Uralan war 2005 bankrott. Jetzt versucht er es wieder mit einer Rochade. FIFA-Präsident könne er doch jetzt werden. Sein finanzielles Vermögen fügt sich sicherlich geschmeidig in die herrschende Upper Class des Weltfußballs ein. Indes zweifelt man in Zürich jedoch, nicht ganz ohne Grund, an allen Ecken und Enden an der Kompetenz des Kalmücken.

So richtig ernst nehmen will ihn eh niemand so wirklich, diesen fabulösen Großmeister des karierten Schachbrettmusters. Seine Gegenkandidaten halten es sowieso für ausgeschlossen, dass Kirsan Iljumschinow die zur Präsidentschaftskandidatur notwendige Unterstützung von fünf Nationalverbänden bekommen wird. Iljumschinow geht sein Unterfangen auch eher nach dem Olympischen Gedanken an: Dabei sein ist alles! Zudem brächte es jede Menge Publicity. Für wen auch immer. Der Weltfußball jedoch ist um eine schillernde Figur reicher geworden, auch wenn Iljumschinow dabei die Rolle des Baueropfers spielen dürfte. Garri Kasparow, Iljumschinows Herausforderer für die Präsidentschaft im Weltschachverband wird es wohl mehr als recht sein.

Ach, nur so am Rande nebenbei, haben wir eigentlich schon erwähnt, dass sogar ein, schon zu Zeiten der UdSSR entdeckter, Asteroid nach dem kalmückischen Exzentriker benannt wurde? Seit 1997 hört nämlich ein bis dahin namenloser Steinklops im Weltall offiziell auf den Namen „Kirsan“. Hiermit verabschieden wir uns dann auch aus Zürich und aus Raum und Zeit. Und, das ist versprochen, sollte Kirsan Iljumschinow tatsächlich die Nachfolge Sepp Blatters als König der FIFA antreten, werden wir Sie selbstverständlich davon in Kenntnis setzen…

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.