Fidel Castro ist tot: Cuba Libre?

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Als der Revolutionär Fidel Castro 1959 Diktator Batista die Macht abnahm, war ich zu jung für politische Ansichten. Erst mit der Kuba-Krise im Oktober 1962 kamen Weltpolitik und Fidel gemeinsam ins Bewusstsein: Anstatt den Unterrichtstag gewöhnlich zu beginnen, orderte uns der Schuldirektor in die Aula. Seine besorgte Stimme und der heiliger Ernst seiner Lagebesprechung, ich war zwölf Jahre alt, verursachten unmittelbare Kriegsängste – es könnte wieder losgehen!

Der zu allem entschlossene Castro und der polternde Chruschtschow gegen unseren edlen John F. „Der böse Iwan“ schon wieder, wie ich als preußischer Offizierssohn gelernt hatte. Gegen Nikita pflegte ich dementsprechend Hassgefühle. Und Fidel saß mit im Boot der Sozialistischen Weltrevolution. Ich wusste, wo die Gewehre meines Vaters stehen und verachtete meine beiden älteren Brüder dafür, nicht einfach nach Moskau und Havanna zu fahren, um die politischen Störenfriede zu töten. Nicht nur ich dachte so kalt. Die Geschichte der Versuche des CIA, den Kubaner zu eliminieren, lässt frösteln. Wie kindisch, aber für mich betrieb Fidel das Spiel mit dem Tod durch Atombomben. Ein Brandstifter, der gemeinsam mit den Sowjets die ’lieben Amerikaner’ traktierte.

Die enorme Sogkraft der 68er-Bewegung veränderte mein naives Vorverständnis von Politik ziemlich rasch. Das enge Korsett einer humanistischen Schule, die Ostermärsche gegen den drohenden Atomwahn, der Vietnamkrieg und die Ereignisse innerhalb der US-Studentenbewegung spülten plötzlich die Gesichter von Fidel, Che, Ho und Mao auf die Fahnen unserer provokativen Sprechchöre. Freiheitskämpfer, Antiimperialisten und Internationalisten waren die Helden der Zeit. Dazu noch die Ikonen Dutschke, Teufel und Langhans – fertig war der optische Gegenentwurf zum herrschenden Establishment. Führer brauchten auch wir, je schriller desto besser.

Die Ernüchterung nach diesem jugendlichen Schwarm-Ausflug in politische Pop-Aktionen kam umgehend. Die Kennedybrüder wurden erschossen, die Generäle blieben. In Ost-Berlin wurde noch preußischer als preußisch marschiert, Moskau schickte Panzer nach Prag. Der sowjetische Lack bekam Risse und Fidels Ruhm verblasste. Fidel hatte die Revolution nicht vollendet, seiner Verehrung folgten Kritik und Argwohn. Er hatte sich angepasst, der Revolution abgeschworen und nur normal despotische Machterhaltungspolitik reproduziert, sich selbst vom ‚Comandante’ zum ‚Máximo Líder’ befördert – Zentralismus statt Demokratie.

Dennoch, in seinem Kampf gegen Analphabetismus und Kindersterblichkeit und für das Recht auf Bildung war Castro erfolgreich. Damit hat er seinem Lande, einem Spielball der Großmächte im Rachen der Karibik, einen großen Dienst erwiesen. Der von spanischen Eroberern und nordamerikanischen Plantagenbesitzern verletzte Stolz konnte überleben. Die lange Zeit der kubanischen Befreiungskriege, seit 1895 mit dem ‚Cuba Libre’ eines José Martí, hat Sinn gemacht. Castro ist nur ein, gewiss das prominenteste, Glied in einer Kette von Freiheitskämpfern, die ein moderneres Kuba aufbauten. Von der Sklaveninsel zum weltweit geachteten Karibikstaat. Das Gefühl, das er seinem gebeuteltem Volk mit auf den Weg gab, brachte der kubanische Ausnahmeboxer Teófilo Stevenson auf den Punkt: „Was ist eine Million Dollar gegen acht Millionen Kubaner, die mich lieben?“

Der Zusammenbruch der Sowjetunion erwischte Castro auf dem falschen Fuß und er verpasste die Chance eines kubanischen ‚Sprungs nach vorne’. Kein Wunder, denn als Opfer diversester Mordkomplotte schloss er sich ein und mied die Öffentlichkeit. Stets in Ghettos der Sicherheit lebend – da kann kein realpolitischer Optimismus gedeihen.

Man lernt erst im Laufe des Lebens den Wert von Respekt zu würdigen. Castro hat einen   Platz unter den großen Freiheitskämpfern verdient. Ein verknöcherter und knorriger Visionär, dem die Macht allmählich aus den Händen rutschte. Unter Staatenlenkern gab und gibt es immer wieder Diktatoren. Unter diesen werde ich Fidel Castro als Lieblings-Diktator verorten.

Wird ihn die Geschichte freisprechen? Meinen Freispruch hat er – die Bewährung läuft jedoch noch. Erst die Archive werden klären, ob die Zungen Recht bekommen, die behaupten, er habe  Kuba in ein großes Guántanamo verwandelt. Oh, „Guántanamera“…

Gastbeitrag von Ulrich Berger (ehemaliger Chefredakteur von russland.RU)