Fëdor Sologub, der „Sänger des Todes“ – Teil II

Fedor Sologub, St. Petersburg 1896

Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Nachdem in Teil I des Essays die Person Fëdor Sologub im Mittelpunkt der Betrachtungen stand, soll in diesem Teil sein Schaffen umrissen werden.

Wie alle Symbolisten betrachtet auch Sologub das Leben auf dieser Welt nicht als die einzige Form des Seins.
Die irdische Existenz ist nur ein Teil – und zwar der kleinere – des Menschen, denn er selbst ist Teil einer jenseitigen, allumfassenden Sphäre, die seinem Erkenntnisbereich entzogen ist. Nur eines ist sicher: Diese Sphäre ist vollkommen, das irdische Leben dagegen eine vorübergehende Qual. Wie ein Wurm, den Schutz der Dunkelheit suchend, den Tag flüchtend, sich in die Erde bohrend, krümmt sich der Mensch während seiner Existenz auf Erden. Die irdische Welt ist jedoch Teil des Ganzen, dessen Gesetze auch auf sie einwirken. Der Mensch kommt aus dem Metaphysischen, der Jenseitigkeit, und wird durch seinen in die Irre geleiteten Willen in die irdische Existenz gestoßen, aus der er mit dem Tode wieder ins Metaphysische entschwindet.

In der Geschichte Die Kommenden aus dem Buch der Märchen schreibt Sologub:
Niemand weiß, was kommen wird.
Aber es gibt einen Ort, wo die Zukunft durch das blaue Gewebe der Wünsche durchschimmert. Das ist der Ort, wo die noch Ungeborenen ruhen. Dort ist es schön, still und kühl. Dort gibt es keinen Kummer, und statt der Luft weht dort eine Atmosphäre reiner Freude, die den Ungeborenen das Atmen leicht macht.
Und keiner verlässt dieses Land, solange er selbst es nicht wünscht.
Dort waren vier Seelen, die in ein und demselben Augenblick auf die Erde kommen wollten.
Und im Nebel der Wünsche tauchten die vier Elemente vor ihnen auf.
Und der eine der Kommenden sprach: „Ich liebe die Erde, die weiche, warme Erde.“
Und der zweite sprach: „Ich liebe das Wasser, das ewig wogende, kühle, durchsichtige.“
Der dritte: „Ich liebe das Feuer, das lustige, helle, reinigende.“
Und der vierte: „Ich liebe die Luft, die in die Weite und in die Höhe strebt, die leichte Luft des Lebens.“
Und so geschah es.
Der erste wurde Bergmann. Einst, da er arbeitete, brach der Schacht ein und begrub ihn.
Der zweite vergoss Ströme von Tränen sein Leben lang und stürzte sich zuletzt in einen Fluss.
Der dritte verbrannte in seinem Hause.
Der vierte wurde gehenkt.
Ihr unschuldigen, reinen Elemente … Unverstand der Wollenden.
O du seliger Ort des Nichtseins, warum führt uns der Wille von dir fort?
(1)

Die Welt ist für Sologub nicht die Schöpfung eines weisen, guten Gottes, sondern ein Werk Luzifers, des gefallenen Engels. Die gleißend helle, alles verbrennende Sonne ist der böse Drache, der mit seinem heißen, Feuer speienden Odem alles verbrennt. Schutz bietet nur die Dunkelheit, in der der Mond mit seinem kalten, transzendierenden Licht scheint und die Sterne am Firmament ein Abbild der Unendlichkeit sind. Der Mensch hat noch eine unbewusste Ahnung von der Sphäre, aus der er kommt. Die Kinder – und je kleiner sie sind, um so mehr – haben in ihrer Unberührtheit und Unverdorbenheit noch ein Gespür für den jenseitigen Zustand.
Aber je älter der Mensch wird, desto mehr verliert er diese „Ahnung“, desto mehr gerät er in die Fänge der grausamen Gesetze der bösen Welt und wird teilweise selbst zu ihrem Vollstrecker. Das Leid, das ihn dabei überkommt, aber lässt ihn tief im Innersten spüren, dass nur der Tod ihn wieder dorthin bringen kann, wo die Vollkommenheit herrscht und die Gesetze des Bösen gebrochen sind. Nicht der Tod ist das Böse, das Schreckliche – das Leben ist es. Der Tod bringt das ersehnte Heil. Der Mensch ist erst dann glücklich, wenn er begreift, dass das größte Glück im Leben darin besteht, sterben zu dürfen.

Folgerichtig sind bei Sologub die Kinder – solange sie nicht von der Welt verdorben sind – die reinen und schützenswerten Wesen, und die, die sie den Gesetzen der Welt unterwerfen und ihnen dabei physische oder psychische Gewalt antun, die Verbrecher. Unbesorgt spazieren die Kinder in Sologubs Werken zunächst durch die Welt, bis sie allmählich mit ihren Gesetzen konfrontiert werden. Bestenfalls begreifen sie die Regeln nicht, unterwerfen sich dem Irdischen nicht und werden daher magisch angezogen vom Tod. Sologub geht soweit, Kindergestalten zu zeichnen, die quasi als jenseitige Wesen, sichtbar, aber fast körperlos und von den Emotionen dieser Welt unberührt, in der Welt leben. Mitunter erscheinen den Kindern gestorbene Kinder, die sie auf den „richtigen“ Weg führen, so zum Beispiel in der Novelle Raja aus den Meisternovellen. Auch Schatten, die sich durch die wechselnde Beleuchtung bewegen, symbolisieren Geistwesen, die in den reinen Kinderseelen den Wunsch nach der Unendlichkeit verstärken (Schatten, 1894).
Richten sich die Menschen aber nach den irdischen Gesetzen, verlieren sie den Hauch der Unendlichkeit und werden zu Tieren, die entweder selbst als Böse handeln oder wie Herdentiere verzweifelt umherirren. Eines seiner bekanntesten Gedichte beginnt denn auch:
„Wir sind gefangene Tiere / Klagen, so gut wir können / Fest verschlossen sind die Türen / Wir können sie nicht öffnen.” (Stich., 313) (2)

Der Prototyp des Bösen – und hier greift Sologub auf seinen reichen Erfahrungsschatz zurück – ist der Lehrer mit seinen grausamen, mittelalterlichen Erziehungsmethoden; ihn stattet er mit allen scheußlichen und gemeinen Charaktereigenschaften aus, die ihm einfallen. Er ist der oberste Verbrecher an den Kindern – und damit letztlich an den Menschen; er zerbricht und tötet die reinen Seelen.

Im Jahr 1907 veröffentlichte Sologub den Roman Der kleine Dämon (Melkij bes), der ihn schlagartig berühmt machte. In wenigen Jahren erlebte der Roman sieben Auflagen und schon 1910 bemerkte ein Kritiker, dass es nur Glückspilzen gelänge, den Roman wenigstens in einer Bibliothek auszuleihen. Sologub selbst schreibt über seinen Roman:
„Dieser Roman ist ein kunstvoll gemachter Spiegel. Ich schliff ihn lange, arbeitete beharrlich an ihm. Glatt ist die Oberfläche meines Spiegels und rein seine Zusammensetzung. Vielfach ausgemessen und sorgfältig geprüft, weist er keine Krümmung auf. Das Hässliche und das Schöne spiegeln sich in ihm gleichermaßen genau.”(3)

Der kleine Dämon, geschrieben zwischen 1892 und 1902, kommt dem realistischen Roman noch sehr nahe, was sicher zu seinem damaligen Erfolg beigetragen hat und ihn auch für heutige Leser interessant und verständlich macht; Parapsychologisches ist noch ganz klar dem Bereich des Krankhaften zugeordnet. Der Roman ist eine bitterböse Satire auf das Provinzleben der 1880er Jahre in Russland, vor allem aber auf das Erziehungssystem. Unter Sologubs Romanen ist er derjenige, der den heutigen Lesern sicher am zugänglichsten ist.
Er handelt vom Lehrer Peredonov in einer Provinzstadt, der mit allen negativen Charaktereigenschaften ausgestattet ist, die sich Sologub nur vorstellen konnte: Er ist grausam gegenüber seinen Schülern, falsch und hinterlistig, eingebildet, dumm, ein Schmeichler gegenüber Höherstehenden, der mehr und mehr einem paranoiden Wahnsinn verfällt und zum Mörder wird – er ist ekelerregend, fast pervers, das Böse schlechthin. Um diesen Sadisten, Alkoholiker, Heuchler und Denunzianten herum konstruiert Sologub das ebenso abscheuliche Leben in der Provinz. So wie Gončarovs Oblomov zum Sinnbild des faulen Russen wurde und die dazugehörige Charaktereigenschaft den Namen „Oblomovščina“ bekam oder Chlestakov aus Gogols Revizor zum Symbol für einen verschlagenen Menschen, so wurde Peredonov zum Prototyp des abscheulich ekelerregenden Menschen.
Der Geschichte um den widerlichen Peredonov stellt Sologub die Schilderung einer erotischen Beziehung zwischen einem Schüler Peredonows und einem jungen Mädchen an die Seite, die ihm damals als Pornografie angekreidet wurde.

Es ist hier leider nicht der Raum, auf weitere der durchaus lesenswerten Werke Sologubs einzugehen. Nur so viel sei gesagt: Sologub hat – besonders sprachlich – sehr schöne Novellen geschrieben (Menschen, die zu Depressionen neigen, sollten sie allerdings mit Vorsicht genießen) und er war ein hervorragender Lyriker, was naturgemäß in Übersetzungen nicht ganz so deutlich erkennbar ist. Allerdings gibt es einen kleinen Band mit dem Namen Die Teufelsschaukel, der Sologubs Gedichte in russischer und deutscher Sprache enthält, gut übersetzt und nachgedichtet von Christoph Ferber und mit einem Nachwort von Ulrich Schmid versehen.

Eine Liste aller in deutscher Sprache erschienen Werke befindet sich am Ende des Essays.
Eine Liste aller Einzelausgaben einschließlich der Übersetzungen ist hier nachzulesen (leider nur auf Russisch).
Eine ausführliche Bibliografie (ebenfalls nur auf Russisch) bietet die russische Wikipedia am Ende ihres Sologub- Artikels Библиогафия.

Sologub hat in seinem Leben viele harte Schicksalschläge hinnehmen müssen. Zwei Revolutionen hat er durchlitten; zwischenzeitlich war er so arm, dass er seine Werke, handgeschrieben und zu kleinen Büchern gebunden, selbst an Buchhändler verkauft hat; seine heiß geliebte Frau hat in einem Anfall von Depressionen Selbstmord begangen, sie hat sich in der Newa ertränkt; er litt mit seinem Volk nach der Oktoberrevolution und dem Ersten Weltkrieg Hunger und Not und er war krank.
Und plötzlich, am Ende seines Lebens, ging in ihm eine erstaunlicher Veränderung vor sich: Er, der den Teufel als seinen Vater bezeichnet und einen gütigen Gott geleugnet hat, er, der die Sonne als grässlichen Drachen angesehen, das Licht gescheut, die Nacht gepriesen und sich nichts sehnlicher gewünscht hat als den Tod, betete zum „lieben Gott“, dass er ihn noch etwas am Leben lasse, damit er die Herrlichkeit seiner Schöpfung besingen könne:
Unersättlich in Lieben und Hassen, / Hab‘ ich selbst mich zum Bettler gemacht, / … / Doch wie süß ist der Frühling auf Erden, / Wenn im Garten die Obstbäume blüh‘n, / Und wenn schimmernd im Abendrotscheine / Sich der Bach durch das Wiesengrün zieht, / … / Herr, mein Gott, der mir alles gegeben, / Kraft und Licht und das zündende Wort – / Um der Lieder, die noch in mir leben, / Nimm mich, Herr von der Erde nicht fort!(4)

Und er gab zu, den Kampf mit Gott verloren zu haben:
Du suchtest mich heim, und Leid / Hat mir die ganze Seele ausgebrannt, – / Wir streiten nicht länger, / Alles – entschieden, das Leben – vorbei.(5)

Den Anspruch, ein Mythenerschaffer zu sein, wie er es am Anfang der „Legende im Werden“ verkündet hatte, gab er jedoch bis zum letzten Augenblick nicht auf:
Ich selbst bestimmte des Spieles Regeln / Und verlor, doch will ich nicht / Zerschlagen der strengen Regeln Fesseln. / Meine Schulden werd ich zahlen. / Jedoch, vielleicht ist nichts zum Zahlen da. / Die Rechnung immer mehr vergrößernd / Mischen wir glücklos die Karten. / Der letzte Bankhalter wird kommen. / Und zum Hasard gezwungen / Zähl alles, was verblieb, / Setz alles auf die letzte Karte / Und träum von dem Gewinn, / Und wisse, dass der Falschspieler gnadenlos ist / Und dass die Rechnung gewaltig sein wird. / Und dass das Feuer aus den schwarzen Löchern seiner Augenhöhlen tödlich sengt. (6)

(1) [zitiert nach Arthur Luther: Geschichte der russischen Literatur, 1924]
(2) [zitiert nach Christa Ebert: Symbolismus in Rußland – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys, 1988]
(3) [zitiert nach Christa Ebert: Symbolismus in Rußland – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys, 1988]
(4) [zitiert nach Arthur Luther: Geschichte der russischen Literatur, 1924]
(5) [zitiert nach Christa Ebert: Symbolismus in Rußland – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys, 1988]
(6) [zitiert nach Christa Ebert: Symbolismus in Rußland – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys, 1988]

Literatur:
In deutscher Sprache erschienene Werke von Fëdor Sologub:

Schwere Träume (Roman , einzige autorisierte Übersetzung aus dem Russischen von Alexander Brauner), Leipzig: Zieger, 1897
Schatten (Erzählung, übersetzt von Alexander und Clara Brauner), Wiener Verlag, 1900
Das Buch der Märchen (übersetzt von Johannes von Guenther), München: von Weber, 1908
Der kleine Dämon (Roman), München: Musarion Verlag, 1919
Totenzauber. Eine Legende im Werden (Roman in fünf Teilen, zwei Bände, übersetzt von Fega Frisch), München: Georg Müller, 1913
Der Kuss des Ungeborenen und andere Novellen (übersetzt von Alexander Eliasberg), Weimar: Kiepenheuer, 1918
Kleine politische Fabeln und Märchen (nacherzählt von C. K. Roellinghoff), München: Georg Müller, 1921
Süsser als Gift (Roman, übersetzt von Fega Frisch), München: Musarion, 1922
Meisternovellen (übersetzt von Alexander Eliasberg. Zürich: Manesse, 1960 (enthält: Der Kuss des Ungeborenen / Der Stachel des Todes / Raja / In der Menge / Die weiße Birke / Der Weg nach Emmaus / Die trauernde Braut / Die klugen Jungfrauen / Der Weg nach Damaskus)
Der kleine Teufel (Roman), München: Winkler, 1969
Der kleine Dämon (Roman, übersetzt und herausgegeben von Eckhard Thiele), Leipzig: Reclam, 1980
Der flammende Kreis (Gedichte, ausgewählt und übersetzt von Christoph Ferber. Sächseln/Schweiz: C. Ferber, 1983
Tod per Zeitungsannonce (im gleichnamigen Sammelband russischer Erzählungen, herausgegeben von Elisabeth Cheaure), Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983
Der vergiftete Garten: Phantastisch-unheimliche Geschichten (übersetzt von Eckhard Thiele), Berlin: Buchverlag Der Morgen, 1988
Der kleine Dämon (Roman, übersetzt von Reinhold von Walther), Frankfurt am Main: Insel,1989
Der kleine Dämon (Roman, übersetzt und herausgegeben von Eckhard Thiele), Frankfurt am Main: Fischer, 1990
Der vergiftete Garten: Phantastisch-unheimliche Geschichten. Frankfurt am Main: Fischer, 1990
Die Teufelsschaukel (Gedichte in russischer und deutscher Sprache , übersetzt von Christoph Ferber, mit einem Nachwort von Ulrich Schmid), Zürich: Pano, 2002
Die trauernde Braut (Erzählungen), Bremen: Europäischer Hochschulverlag, 2010

Weiterführende Literatur
Düwel, Wolf/ Grasshoff, Helmut [Hrsg]: Geschichte der russischen Literatur von den Anfängen bis 1917 (in zwei Bänden), 1986
Ebert, Christa: Symbolismus in Rußland – Zur Romanprosa Sologubs, Remisows, Belys, 1988
Eliasberg, Alexander: Russische Literaturgeschichte in Einzelporträts, 1922
Kasack, Wolfgang [Hrsg.]: Hauptwerke der russischen Literatur. Einzeldarstellungen und Interpretationen, 1977
Lauer, Reinhard: Geschichte der russischen Literatur – von 1700 bis zur Gegenwart, 2000
Luther, Arthur: Geschichte der russischen Literatur, 1924
Wischer, Erika [Hrsg.]: Propyläen Geschichte der Literatur, in sechs Bänden, 1988

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.