Fëdor Michajlovič Dostoevskij Teil 4 – Am Ziel seiner Träume

Dostojewski kurz vor seinem Tod
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Literaturessay von Hanns-Martin Wietek (weitere Literaturessays finden Sie hier)

Als Fëdor Michajlovič Dostoevskij am 1. Februar 1881 auf dem Friedhof des Alexander-Newskij-Klosters in St. Petersburg beigesetzt wurde, war der Trauerzug, der ihn begleitete, über zwei Kilometer lang – ca. 60 000 Trauergäste gaben ihm das letzte Geleit.

Erst zehn Jahre zuvor war er als zwar anerkannter, aber von Literaturkritik und Publikum hinter Tolstoj und zu seinem Leidwesen auch hinter seinem Intimfeind Turgenev eingereihter Schriftsteller wieder nach Russland zurückgekehrt, wirtschaftlich am Boden liegend und von seinen Gläubigern verfolgt.

Unbestreitbar hatte er in der Vergangenheit große Erfolge gehabt – Arme Leute (1846), Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (1860/61) und Schuld und Sühne (1866) waren populäre Werke –, aber ebenso oft wurde er von Kritikern und/oder dem Publikum abgelehnt bis zerrissen, überaus kontrovers diskutiert oder ganz einfach nicht verstanden: Erniedrigte und Beleidigte (1861), Aufzeichnungen aus dem Kellerloch (Untergrund) (1864), Der Idiot (1868/69) und andere seiner Romane fielen nicht auf den fruchtbaren Boden, den er sich erhofft hatte. Sein Schreiben beunruhigte, verunsicherte die Leser, in seinen Werken gab es keine einfachen Lösungen, häufig waren sie ergebnisoffen, die Leser mussten sich selbst eine Meinung bilden und immer wieder roch es darin auch nach Kritik an der staatlichen Ordnung.
So nimmt es nicht Wunder, dass er, als er Der Idiot und Die Dämonen – die bisher nur in Fortsetzung in Zeitschriften erschienen waren – in Buchform herausbringen wollte, keinen Verleger fand. Die Not war groß, zumal im Juni 1871 sein Sohn Fëdor zur Welt gekommen war. Daher gründete seine Frau kurz entschlossen einen eigenen Verlag und Ende 1872 konnten beide Romane erscheinen. Das war endlich die – sich zwar langsam, aber doch entwickelnde – wirtschaftliche Grundlage für die Familie.

Die Dämonen
Im November 1869 – Dostoevskij lebte noch in Dresden – ereignete sich im Park der Landwirtschaftlichen Akademie in Moskau ein grauenhafter Mord, der in der Öffentlichkeit für große Aufregung sorgte: Der berüchtigte anarchistischer Nihilist Sergej Nečaev (ein Freund des Anarchisten Michail Bakunin) und seine Genossen ermordeten den Studenten Ivanov, nur weil dieser den revolutionären Kreis verlassen wollte. (Zwei Jahre später wurde Nečaev in der Schweiz gefasst, ausgeliefert und in St. Petersburg zu lebenslänglicher Haft in der Peter-und-Paul-Festung verurteilt). Der Bruder von Dostoevskijs Frau war ein Kommilitone von Ivanov gewesen und konnte bei einem Besuch in Dresden ausführlich über den Mord und die Person Ivanov berichten. Das war für Dostoevskij der äußere Anlass, mit den Nihilisten der 1860er-Jahre abzurechnen; er begann seinen Roman Die Dämonen. (Der russische Titel lautet Besy, was eigentlich mit Böse Geister, Die Teufel oder Die Besessenen – so die Titel verschiedener Übertragungen – besser übersetzt ist und dem Sinn des Romans näher kommt.) Fertiggestellt hat er ihn erst im Jahr 1871, also nach seiner Rückkehr nach St. Petersburg; erschienen ist er zuerst in einzelnen Kapiteln in der konservativen Zeitschrift Russischer Bote.

Der Roman spielt irgendwo in der Provinz in einem Gouvernement, dessen Chef ein vertrottelter Deutschstämmiger mit einer machtgierigen und dummen Frau ist. Die Handlung erstreckt sich über drei Monate Ende der 1860er-Jahre, ihr Kernstück ist – in Anlehnung an das oben genannte tatsächliche Ereignis – das Folgende: Ein ehrgeiziger Fanatiker strebt die Terrorherrschaft über ganz Russland an. Er bildet eine Fünfergruppe mit Gleichgesinnten (angeblich gäbe es solche über ganz Russland verstreut, nur dürften sie keinen Kontakt zueinander haben), die er durch Schuld zusammenschweißen will. Zu diesem Zweck verleumdet er einen von ihnen als Verräter und lässt ihn von den anderen hinrichten. Einen verschrobenen Theoretiker des Absurden, der seinen Selbstmord plant, überredet er, sich zur Tat zu bekennen und dann erst Selbstmord zu begehen. Er selbst entkommt ins Ausland. Die Polizei kommt zwar sehr schnell hinter den wahren Sachverhalt, bekommt jedoch den Haupttäter im Hintergrund, ein wahres Monster an anarchistischer Kaltblütigkeit, nicht zu fassen; er erdrosselt sich schließlich mit einer Seidenschnur. Höhepunkt des Geschehens ist ein Fest der Gouverneursgattin, das in vollkommenes Chaos ausartet: Es kommt zu einer Reihe sinnloser Brandstiftungen und anderer Gräueltaten, denen niemand Einhalt gebieten kann, auch nicht der „berühmte Schriftsteller“ (eine üble Karikatur von Turgenev), der sich bei der nihilistischen Jugend anbiedert (wie Turgenev mit seinem Roman Rauch).

An den damaligen Thronfolger und späteren Zaren Alexander III. schrieb Dostoevskij zu seinem Werk:
Die Dämonen … beinahe eine historische Studie, mit der ich zu erklären suchte, wie es kommt, dass ein so ungeheuerliches Phänomen wie die Netschajew-Bewegung in unserer seltsamen Gesellschaft möglich ist … Diese Verwandtschaft und Kontinuität der Ideen, die von den Vätern auf die Söhne übergegangen sind, wollte ich in meinem Werk ausdrücken.

In diesem Roman, der zweifelsohne zu seinen bestkomponierten gehört, schreckt Dostoevskij vor keinem Mittel zurück – auch nicht dem reißerischsten –, um einerseits den Atheismus in seinen Erscheinungsformen Sozialismus und Materialismus anzuprangern und natürlich gleichzeitig den Leser zu fesseln. Er distanziert sich damit scharf von seiner eigenen revolutionären Jugend. Treffen wollte er mit Sicherheit auch den Anarchisten Michail Bakunin, den er in London kennengelernt hatte.
Der Gerechtigkeit halber muss man allerdings anmerken, dass Dostoevskij beim Gebrauch seiner Stilmittel weit über die Realität hinausgeschossen ist, was sicher seiner Vergangenheit und seinem Skeptizismus geschuldet ist. Denn es ist sicher falsch, alle sozialen Revolutionäre zu kriminalisieren auf die Stufe eines Nečaev herabzuziehen oder sie mit Anarchisten gleichzusetzen – die anarchistischen Bestrebungen des Michail Bakunin machten schließlich nur einen kleinen Teil der revolutionären Bewegung aus. Das Werk erweckt den Eindruck, als habe es aufrechte, ehrliche Revolutionäre nicht gegeben.
Tief im Grunde geht es Dostoevskij aber, wie in immer stärkerem Maße in allen seinen Romanen, um Liebe, Freiheit, Macht, Erlösung und vor allem um die Suche nach Gott.

Das Wagnis, das seine Frau Anna Grigorevna mit der Gründung eines eigenen Verlages eingegangen war, machte sich mit dem Erscheinen der Dämonen in Buchform bezahlt. Die Dämonen waren ein unbestreitbarer Erfolg, der sich auch wirtschaftlich bemerkbar machte; und sie beschlossen, zukünftig alle Werke im Eigenverlag herauszugeben.
Dostoevskij gehörte von nun an zu den großen russischen Schriftstellern, in einem Atemzug zu nennen mit Tolstoj, Gončarov und seinem Intimfeind Turgenev.

Dostoevskij – Turgenev
An dieser Stelle muss kurz etwas zum Verhältnis der beiden Antipoden Turgenev – Dostoevskij gesagt werden: Einmal fühlte sich Dostoevskij von Turgenev persönlich beleidigt, weil Turgenev ihm, als er ihn 1865 (bei seiner dritten Europareise) um Geld zum Spielen angebettelt hatte, nur einen Teil der gewünschten Summe (sozusagen mit erhobenem Zeigefinger) geschickt hatte. Des Weiteren war Turgenev ein überzeugter Westler, Dostoevskij dagegen ein überzeugter Slawophiler. Turgenev hatte 1861 zwar mit Väter und Söhne (richtiger wäre „Väter und Kinder“) den ersten antinihilistischen Roman geschrieben – den Dostoevskij befürwortete – und nach heftiger Kritik das Land verlassen. Mit seinem Roman Rauch hatte er jedoch eine Kehrtwendung gemacht, um sich bei den Lesern wieder anzubiedern. Das verübelte ihm Dostoevskij sehr, und bei einem hitzigen Gespräch über den Roman im Jahr 1867 in Baden-Baden kam es zum offenen Eklat: Dostoevskij hatte über die Deutschen geschimpft, worauf Turgenev ihm wütend erklärte, dass er sich mehr als Deutscher denn als Russe fühle und sich die Beleidigungen verbitte. Kühl und schweigend verabschiedeten sich beide und blieben Feinde bis an Dostoevskijs Lebensende (s. Puschkinrede).

Vladimir Solovëv
In die Zeit nach dem Roman Die Dämonen fiel auch der Beginn (1873) einer tiefen – ja seelentiefen – Freundschaft mit dem auch heute noch anerkannten und maßgeblichen Religionsphilosophen Vladimir Solovëv (und dessen Bruder, dem Schriftsteller Vsevolod Solovëv). Mit ihm verband Dostoevskij die Überzeugung, dass allein der russisch-orthodoxe Glauben – wie ihn das einfache Volk der Bauern lebte – die Rettung Russlands (und der ganzen Welt) herbeiführen könne; alle rationalen Gesellschaftstheorien oder Ideologien, wie sie aus dem Westen nach Russland herübergeschwappt waren, würden Russland nur ins Unglück stürzen. Positivismus, Sozialismus, Kapitalismus, Rationalismus, Materialismus und andere Ismen waren ihrer Meinung nach nur verschiedene Kehrseiten der einen Medaille Atheismus. Dostoevskij ging sogar so weit, zu sagen, dass auch der römische Katholizismus und der Protestantismus des Westens letztlich rationalistische Glauben seien, denn sie versuchten, die Existenz Gottes mit der Vernunft zu erforschen und zu beweisen. Den römischen Katholizismus bewertet er nicht besser als den Sozialismus, denn seit der Katholizismus zur Staatsreligion im Römischen Reich geworden sei werde versucht, ihn als weltweite Macht zu etablieren; Gott werde quasi machtpolitisch missbraucht (vgl. hierzu Die Legende vom Großinquisitor in Die Brüder Karamasow).

Politische Hintergründe der 1870er-Jahre
Nach dem Erfolg seiner Dämonen widmet sich Dostoevskij immer stärker dem Kampf gegen die revolutionäre – und atheistische – Entwicklung in Russland. Wie aber war die politische Situation?
Alexander II. hatte zwar Anfang der 1860er-Jahre eine ganze Reihe von Reformen durchgeführt, die – verglichen mit der Zeit unter Nikolaus I. – auch ein Mehr an Freiheiten gebracht hatten, diese aber führten nicht zu einer Beruhigung der revolutionären Bestrebungen. Im Gegenteil: Der kritischen Intelligenzija war es leichter geworden, ihre Ziele zu verfolgen. 1866 wurde ein Attentat auf Alexander II. verübt, was ihn restriktiver werden ließ, wodurch sich im Gegenzug die revolutionären Tendenzen verstärkten. Die Aktiven der Narodniki (Volkstümler), Studenten und Intellektuelle, aber auch „von ihrem Gewissen geplagte Adelige“, die für die Sünden ihrer Vorfahren Buße tun wollten, glaubten, Veränderungen in der Gesellschaft herbeiführen zu können, indem sie zu den Bauern („ins Volk“) gingen und wie sie und mit ihnen lebten, um an der Basis „aufzuklären“ und eine Revolution heraufzubeschwören. Die Idee der Narodniki war vom Prinzip her eine Idee, der auch Dostoevskij (besonders in den 1860ern) nahe stand, denn er war der Meinung, dass die Intelligenzija dort bei den Bauern den wahren russischen Glauben an Gott finden würde.

1873 gab es einen Massenaufbruch der Narodniki, der 1874 scheiterte. Einerseits sorgten Polizei und Geheimdienst für ein schnelles Ende, andererseits aber sahen die Narodniki auch sehr schnell ein, dass sie von den Bauern nicht verstanden wurden. Nach dem Fehlschlag radikalisierte sich die Bewegung und es entstanden radikal-sozialistische und anarchistische Gruppen. Einer dieser Gruppen, der Narodnaja Volja (Volkswille), sollte dann 1881 auch Alexander II. (der „demokratischste“ aller Zaren) zum Opfer fallen.
Gegen diese Radikalisierung und den damit verbundenen Atheismus zu kämpfen, sah der tief religiöse Dostoevskij als seine Aufgabe an. Seine Überzeugung war, dass das Heil der Welt im unverfälschten, urtümlichen, nicht-rationalen (im Gegensatz zum Westen) Glauben der einfachen russischen Bauern lag. Dieser Glauben war ein national-russisch-orthodoxer Glaube, der sich nur dadurch vom Chauvinismus abgrenzte, dass er auch dem Westen das Heil, die All-Brüderlichkeit, die All-Menschlichkeit in Frieden bringen werde. Ein echter Russe könne nur der sein, der in allen Menschen seine Brüder in Gott sieht, sagte Dostoevskij später in seiner berühmten Puschkinrede (1880).

Das Tagebuch eines Schriftstellers
Um auch nicht-belletristisch zu gesellschaftlichen Problemen Stellung nehmen zu können (aber auch, weil das monatliche Salär von 250 Rubeln seine wirtschaftliche Lage deutlich verbesserte), nahm Dostoevskij 1873 das Angebot des Fürsten Meščerskij an, Redakteur der extrem staatstreuen Zeitschrift Graždanin (Der Staatsbürger) zu werden. Hier arbeitete er unter anderem eng mit dem ultrarechten Juristen Konstantin Popedonoszev zusammen, der später als Oberprokuror des Heiligen Synods (gewissermaßen die „Regierung“ der russisch orthodoxen Kirche) Stellvertreter des Zaren wurde und mit seiner aggressiven orthodoxen, großrussisch-nationalistischen Politik viel Unheil anrichten würde. Die Zusammenarbeit dauerte allerdings nur etwas mehr als ein Jahr an, dann schied Dostoevskij wegen heftiger Meinungsverschiedenheiten aus der Redaktion aus. Wichtig ist jedoch, dass er in dieser Zeitschrift mit der Herausgabe seines Tagebuch eines Schriftstellers, das später (1876) dann auch im Eigenverlag in einer Monatszeitschrift erschien, begann. Hier äußerte er unverbrämt seine Meinung zu Erscheinungen der Zeit und veröffentlichte Erzählungen wie Bobok (1873), Die Sanfte (1876) und Der Traum eines lächerlichen Menschen (1877) aber auch Artikel zum russisch-osmanischen Krieg (1877), einen Nachruf auf Nekrasov (1878) und, kurz vor seinem Tod, anlässlich der Einweihung des Puschkindenkmals in Moskau am 8. Juni 1880 – quasi als Testament – die erwähnte Puschkinrede.

Dostoevskij war nicht zuletzt durch das Tagebuch eines Schriftstellers zu einer Instanz des öffentlichen Lebens geworden und seine wirtschaftlichen Verhältnisse waren endlich gut und stabil, nur gesundheitlich ging es ihm seit 1874 immer schlechter. Seine epileptischen Anfälle kamen zwar seltener, dafür waren sie heftiger; hinzu kam ein chronisches Lungenemphysem, zu dessen Behandlung er jährlich nach Bad Ems fuhr. In Staraja Russa hatte er mit seiner Familie 1873 ein Haus gemietet (1876 kauften sie dort ein Haus), wo sie viel Zeit verbrachten. So schrieb er seinen vierten großen Roman Der Jüngling (auch: Ein Werdender) gewissermaßen auf dem Land.

Der Jüngling
Der Jüngling ist im Ton wesentlich moderater als sein Vorgänger Die Dämonen. Er erschien in der liberal-demokratischen Zeitschrift Vaterländische Annalen (Otečestvennye zapiski), die von Nekrasov und Saltykov-Ščedrin herausgegeben wurde und zu dieser Zeit eine der radikalsten ebenso wie die führende Zeitschrift der Intelligenzija, der Narodniki, war. Sicher spielte für Dostoevskij auch eine Rolle, dass er einen sehr guten Vorschuss und ebenso gute Autorentantiemen bekam, die ihm den doch recht deutlichen Kurswechsel von den aggressiven Dämonen< im konservativen Russischen Boten hin zum moderaten Jüngling in einem sehr viel liberaleren Blatt verschmerzen halfen. Zudem war Nekrasov ein von Dostoevskij hoch verehrter Dichterfreund. Die Veränderungen im Roman waren jedoch primär stilistischer Natur – der Ton wurde kommoder, umgänglicher –, in der Sache blieb sich Dostoevskij treu.

Politischer Hintergrund des Romans ist die Zeit der Narodniki, mit denen Dostoevskij ja eigentlich sympathisierte. Wie in allen seinen Romanen greift er auch in diesem die ganzen „verfluchten Fragen“ auf (wie er es einmal genannt hat): die Existenz Gottes, DES Guten und DES Bösen, die Möglichkeit eines Paradieses auf Erden, der von seinen Wurzeln (das Bauerntum) abgeschnittene aristokratische Intelligenzler, der tief gläubige Mann des Volkes (der Bauer), die Zerrissenheit des Individuums, der Wille zur Macht und der Übermensch.
Die individuelle Zerrissenheit und die Tatsache, dass meist nichts so ist, wie es scheint, zeigen sich schon in der Zusammensetzung der „zufälligen Familie“, um die sich die Handlung dreht: Der Jüngling Arkadij, der nach einer Richtschnur für sein Leben sucht, der wissen will, was Gut und Böse ist, ist der illegitime Sohn des adeligen Gutsbesitzers Werssilow – ein widersprüchlicher Charakter – und seiner Leibeigenen Sofija, mit der er in wilder Ehe zusammenlebt; Sofija ist eigentlich mit Werssilows leibeigenem Gärtner verheiratet, mit Makar Dolgorukij, der als frommer Pilger durch Russland zieht. Arkadij hat also einen leiblichen Vater, der adelig ist, und einen nominellen Vater, der fromm und ein Leibeigener ist. Er trägt den Namen seines nominellen Vaters, Dolgorukij; Dolgorukij aber ist auch der Name eines der ältesten und einflussreichsten Adelsgeschlechter Russlands, sodass jeder Arkadij nach seiner Herkunft fragt. Zu allem Überfluss sind beide – Arkadij und sein leiblicher Vater Werssilow – in dieselbe Frau verliebt, die stolze Femme fatale Katerina. Verwirrungen ohne Zahl sind die Folge. Sofija, Arkadijs Mutter, eine einfache und – worauf der Name schon hindeutet – weise Frau, erträgt alle Demütigungen aus der illegitimen Verbindung. Am Ende, als der fromme Pilger und eigentliche Ehemann Sofijas Makar Dolgorukij gestorben ist, nimmt sie der adelige Werssilow zur Frau. Eine Vertreterin des Volkes heiratet einen Adeligen: Es kommt zur Verbindung von Volk und Intelligenzija, und ein frommer, selbstloser Pilger stiftet mit seinem Tod Versöhnung und beendet das Chaos.

Dostoevskij war jetzt am Ziel seiner Jugendträume, er war berühmt: Im Dezember 1877 wurde er als korrespondierendes Mitglied in die Kaiserliche Akademie der Wissenschaften aufgenommen und im Juni 1879 einstimmig zum Mitglied des Ehrenkomitees des Internationalen Literaturkongresses in London gewählt.

Das Schicksal bewahrte ihn aber auch weiterhin nicht vor Tiefschlägen: Nachdem schon im Dezember 1877 sein hoch geschätzter Dichterfreund Nekrasov an Krebs gestorben war, starb im Mai 1878 sein heiß geliebter Sohn Alexej (Aljoscha) nicht ganz drei Jahre alt an einem epileptischen Anfall. Dostoevskij war verzweifelt. Seine Frau Anna Grigorevna schreibt: „Die ganze Nacht kniet er vor ihm und verdammt sich, dass er seinem Sohn diese schreckliche Krankheit vererbt hat.“ Nach Monaten der Trauer fuhr Dostoevskij im Oktober zusammen mit Vladimir Solovëv ins Kloster Optina Pustyn, wo er in mehreren Gesprächen mit dem Einsiedlermönch Ambrosius Trost fand.
Dieser Einsiedlermönch ist das Vorbild für den Mönch Sossima in seinem letzten großen Roman Die Brüder Karamasow, den er nach dem Tod seines Sohnes zu schreiben begann und kurz vor seinem eigenen Tod im November 1880 abschließen sollte.

Die Brüder Karamasow
Von der Handlung her gesehen ist Die Brüder Karamasow ein spannender, mitreißender Kriminalroman. Hinter dieser inhaltlichen Oberfläche aber verbirgt sich ein episodenreicher Roman, dessen Handlung auf mehreren Ebenen stattfindet. Des komplizierten Aufbaus war sich Dostoevskij durchaus bewusst; darauf angesprochen erwiderte er lapidar: „Die Leser sollen auch etwas zu tun haben.“
Kernstück der Handlung sind der Mord an Fëdor Karamasow und seine Hintergründe, und anders als in Schuld und Sühne wird die Tat erst am Ende des Romans aufgeklärt.
Fëdor Karamasow, ein wollüstiger, sexbesessener, boshafter, alter Gutsbesitzer, zäh und von ungeheurer Vitalität, wird eines Tages erschlagen. Er hat drei legitime Söhne – Dmitrij, Iwan und Aljoscha – und einen illegitimen, Smerdjakow, ein Epileptiker. Letzteren hat er nach einer nächtlichen Orgie im Kreis seiner Saufkumpane mit der „Stinkenden“ gezeugt, einer Halbirren, die nachts im Unkraut an Bachrändern zu schlafen pflegt; er ist als Koch und Lakai auf dem Gut seines Vaters angestellt. Dmitrij ist ein wilder und leichtlebiger aber grundehrlicher Offizier, der von seinem Vater die Leidenschaftlichkeit geerbt hat; bei Iwan hat sich die Vitalität des Vaters auf den Intellekt übertragen; Aljoscha (der Name von Dostoevskijs gerade verstorbenem Sohn) ist ein tiefreligiöser Mensch, der als – viele Freiheiten habender – Novize in einem der Stadt benachbarten weißen Kloster lebt. In diesem Kloster lebt auch der Starez Sossima, der für alle drei Brüder der geistige Vater ist.
Die drei Brüder – schon erwachsen – kommen aufgrund einer Erbschaftsangelegenheit zu ihrem Vater auf das Gut; Dmitrij beschuldigt seinen Vater, ihm sein Erbteil vorzuenthalten. Sie alle hassen oder zumindest verachten wie auch Smerdjakow den Vater, und die Situation eskaliert, als herauskommt, dass der zügellose Vater mit einer Femme fatale eine Beziehung hat, die Dmitrij anbetet. Nachdem der Vater ein Versöhnungsgespräch mit dem Sohn bei Sossima in eine Farce hat ausarten lassen, beschließt Dmitrij, seinen Vater umzubringen, nimmt aber von dem Gedanken wieder Abstand, als er feststellt, dass die von ihm Angebetete von seinem Vater nicht lassen will. Auch Iwan hat schon mit dem Gedanken an Mord gespielt und mit Smerdjakow darüber gesprochen, was in Smerdjakow ebenfalls den Plan zum Mord reifen lässt. Als Iwan eines Tages weit weg vom Gut ist, erschlägt Smerdjakow den Vater. Er täuscht einen epileptischen Anfall vor, der ihm für die Tatzeit als Alibi dient. Bleibt nur noch Dmitrij. Die Eifersucht und der Erbstreit mit seinem Vater gelten als Indizien, zudem macht ein Diener unwillentlich eine Falschaussage. Dmitrij wird verhaftet; Smerdjakow gesteht Iwan den Mord und erhängt sich danach. Als Iwan – schon halb wahnsinnig vor Schuldgefühlen, weil er Smerdjakow den Mordgedanken eingepflanzt hat – sich bei Gericht auf den Toten beruft, glaubt man ihm jedoch nicht, verurteilt Dmitrij und schickt ihn für zwanzig Jahre nach Sibirien.
Zur selben Zeit, als der alte Karamasow ermordet wird, stirbt auch Starez Sossima, die andere Vaterfigur der drei Brüder. Aljoscha verlässt mit dem Erbe seiner geistigen Erfahrungen das Kloster. Die drei Brüder müssen jetzt jeder für sich mit dem Karamasowschen Erbe in sich fertig werden; das Böse in ihnen muss sterben, damit das Gute (auf christlicher Grundlage) gedeihen kann.

Die Legende vom Großinquisitor
Eine der vielen Episoden im Roman ist die berühmt gewordene Legende vom Großinquisitor. Dieses „Poem“ hat sich Ivan ausgedacht (gedichtet und nicht aufgeschrieben, wie er sagt), Ivan, der die von Gott geschaffene Welt so nicht akzeptiert, weil er meint, es gebe in ihr zu viel Leiden durch Ungerechtigkeit.
Die Legende spielt im Spanien des 16. Jahrhunderts. Der Großinquisitor ist der Meinung, dass Christus den allergrößten Teil der Menschheit mit der Möglichkeit, zwischen Gut und Böse zu wählen, überfordert habe und diese Freiheit kein Segen, sondern ein Fluch sei. Er korrigiert dies, indem er den Menschen strenge Gesetze gibt, die sie der Wahlmöglichkeit berauben; nur was er sagt, gilt; und wer danach lebt, ist glücklich, weil er zu wissen glaubt, in die Ewigkeit zu Gott einzugehen. Der Großinquisitor ist damit der Antichrist(us).
Nun erscheint Christus wieder auf der Erde, genauer gesagt in Sevilla, wird vom Volk erkannt und bejubelt und erweckt sogar ein Mädchen von den Toten. Der Großinquisitor, ein alter asketischer Greis, lässt Christus festnehmen und in ein Verlies im Palast des Heiligen Tribunals werfen, um ihn am nächsten Tag auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. In der Nacht geht er zu Christus in die Zelle und erklärt ihm, warum er ihn am nächsten Morgen auf dem Scheiterhaufen verbrennen müsse. Er klagt ihn an, dass er kein Recht habe, wieder auf Erden zu erscheinen und die von ihm, dem Großinquisitor, geschaffene Ordnung zu stören. Christus habe die Menschen viel zu hoch eingeschätzt: Sie wollten die von ihm angebotene Freiheit nicht; nur wenige Auserwählte seien stark genug, diese furchtbare Gabe zu ertragen. Er hingegen werde der Menschheit das Glück bringen, indem er sie zu absolutem Gehorsam, zur Übernahme der von ihm geschaffenen Vorstellungen von Gut und Böse und zur Entpersönlichung zwinge. Wenn der Mensch moralisch versklavt sei, werde er zur Belohnung Brot erhalten. Alle Menschen würden glücklich sein, bis auf die wenigen „Übermenschen“, die um das Geheimnis wüssten und über die Menschheit herrschten. Flammend schleudert er Christus entgegen:

Wisse, dass ich keine Furcht vor Dir habe. Wisse, dass auch ich in der Wüste war, dass auch ich mich von Heuschrecken und Wurzeln genährt, dass auch ich die Freiheit, mit der Du die Menschen gesegnet hattest, segnete und auch ich mich vorbereitete, zur Zahl Deiner Auserwählten zu gehören, zur Zahl der Mächtigen und Starken, lechzend danach, „die Zahl vollzumachen“. Aber ich erwachte und wollte nicht mehr dem Wahnsinn dienen. Ich kehrte zurück und schloss mich der Schar jener an, die Dein Werk verbesserten. Ich ging fort von den Stolzen und kehrte zurück zu den Demütigen, zum Glücke eben dieser Demütigen. Das, was ich Dir sage, wird in Erfüllung gehen, und unser Reich wird kommen. Und ich sage es Dir nochmals: Morgen noch wirst Du diese gehorsame Herde sehen, die auf meinen ersten Wink zu Deinem Scheiterhaufen stürzen wird, um das Feuer zu schüren. Denn auf den Scheiterhaufen bringe ich Dich dafür, dass Du gekommen bist, uns zu stören. Und wahrlich, wenn es einen gegeben hat, der vor allen anderen unseren Scheiterhaufen verdient, so bist Du es. Morgen werde ich Dich verbrennen. Dixi!“

Dann wartet der Großinquisitor auf Christus‘ Antwort. Der aber schweigt, schweigt lange. Dann steht er auf, geht auf den Großinquisitor zu und

küsst ihn still auf die blutleeren neunzigjährigen Lippen. Das ist Seine ganze Antwort. Der Greis zuckt zusammen. Und dann erbebt etwas an den Mundwinkeln des greisen Großinquisitors; er geht zur Tür des gewölbten Verlieses, öffnet sie und sagt zu Ihm: „Geh und komme nie wieder … komme überhaupt nicht mehr … nie wieder, nie wieder!“ Und er lässt ihn hinaus auf die ‚dunklen Gassen der Stadt‘. Und der Gefangene geht hinaus.

Unschwer ist zu erkennen, auf wen diese Legende gemünzt ist. In der Diskussion der drei Brüder, im Verlauf derer Ivan sein Poem erzählt, wird es ja auch explizit ausgesprochen: Es geht um die römisch-katholische Kirche, die sich vom Urchristentum – d. h. vom eigentlichen Anliegen Christi – entfernt und sich Dostoevskijs Ansicht nach durch ihre Machtpolitik verweltlicht hat.
Um die möglichen Standpunkte in einer Diskussion um dieses Thema, um Dostoevskijs „religiöse Weltschau“, wie es Ludolf Müller in seinem Essay Die Religion Dostojewskis (erschienen in: Fjodor Michailowitsch Dostojewski – Dichter, Denker, Visionär) nennt, auch nur annähernd nachzuzeichnen, ist hier leider der Raum nicht gegeben. Und so bleibt die Empfehlung: Auch wenn manches überzeichnet, manches durch sehr punktuelle Betrachtung einseitig geschildert erscheinen mag, es lohnt sich unbedingt, sich mit dieser – auch packend geschriebenen – Legende auseinanderzusetzen.

Der Erfolg der Brüder Karamasow war und ist überwältigend; es gibt wohl keinen anderen Roman in der Weltliteratur mit diesem Bekanntheitsgrad – bis heute.
Dostoevskij war auf dem Gipfel seines Ruhms.

Dostoevskijs polyfoner Roman
Dostoevskij ist Schriftsteller und Denker, Philosoph. Ihm geht es, wie mehrfach schon angesprochen, um die Erkenntnis von Gut und Böse, um die Existenz Gottes, die Zerrissenheit des Individuums, den verderblichen Willen nach Macht, den Gott-Übermenschen – um metaphysische Fragen also, die jedoch unzweifelhaft ihren Niederschlag in ganz praktischen Fragen finden, wie: Kann es ein Paradies auf Erden geben? Findet ein aristokratischer Intelligenzler wieder Boden unter den Füßen? Kann der gläubige Bauer der Gesellschaft weiterhelfen? u. v. m. Um diese für Dostoevskij wegweisenden Fragen der Öffentlichkeit bewusst zu machen und einer Lösung zuzuführen, genügte es nicht, zu philosophieren, sie mussten unters Volk, sprich unter die Leser, gebracht werden; dazu bedurfte es eines Schriftstellers. Und Dostoevskij war ein Schriftsteller, ein genialer Schriftsteller.
Er verstand es auf der einen Seite, den Leser durch mitreißende (manchmal schon reißerische) Handlungen zu fesseln, die ihn mühelos auch über viele Hunderte (und manchmal Tausend) von Seiten fesseln, auf der anderen Seite konnte er viele stark divergierende, oft konträre Meinungen zu einem Problem an oder besser noch in den Leser „transportieren“, die widersprüchlich in einer Person angelegt sind.
Mit dem herkömmlichen Schema eines Romans, dem homofonen Schema, ließ sich dies nicht bewerkstelligen, denn in ihm gibt es einen Hauptdarsteller, dem sich alle Personen und alles Geschehen unterordnen muss; der Roman ist vollständig auf ihn ausgerichtet. Was sich nicht auf ihn bezieht, wird belanglos, ja verwirrend – ist nicht zielführend (wie man heute sagt). Dostoevskij löste dieses Problem, indem er den polyfonen Roman entwickelte und ihn auch gleich zu nie wieder erreichter Vollkommenheit führte. Im polyfonen Roman gibt es keinen Hauptdarsteller; alle Personen handeln mehr oder weniger gleichrangig nebeneinander, teilweise in Episoden, schriftstellerisch brillanten Schilderungen von Geschehen, die manchmal erst am Ende zu einem gemeinsamen Ziel führen, manchmal aber auch nur für ein Zwischenziel bedeutsam sind. Bei dieser Technik werden auch widersprüchliche Gedanken und Meinungen anhand verschiedener Figuren oder verschiedener Entwicklungsstadien eines einzelnen Charakters gleichrangig dargestellt.
Im polyfonen Roman können Meinungen, Überzeugungen, ja Weltanschauungen in ununterbrochenen Streit miteinander treten, sich mit der Person entwickeln oder die Person scheitern lassen – was zwangsläufig Rückschlüsse auf die Überzeugung oder Weltanschauung erlaubt. Die Personen führen Dialoge, in denen sich das Geschehen entwickelt, und die Charaktere werden durch diese Dialoge dargestellt. Im homofonen Roman werden dagegen die Charaktere erst dargestellt und handeln dann entsprechend ihrem Charakter, was den Figuren wenig Entwicklungsspielraum lässt.
Es gibt bei Dostoevskij nie die eine Quintessenz, es gibt immer mehrere; scheitert eine Person oder Überzeugung, wird die gegenteilige zwar Erfolg haben, niemals aber nach dem Motto „Ende gut, alles gut“, denn der ewige Zweifler Dostoevskij findet nie ein statisches Ende, immer ist in einem Ende auch ein Anfang oder ein Vielleicht angelegt.

Die Puschkinrede
Am 8. Juni 1880 wurde in Moskau ein Puschkindenkmal enthüllt (am heutigen Puschkinplatz). Mehrere Redner waren eingeladen, darunter Turgenev, Aksakov und Dostoevskij. Dostoevskij ahnte nicht, dass dies sein letzter öffentlicher Auftritt werden würde, denn an das andauernde Kranksein hatte er sich gewöhnt und meinte, damit leben zu müssen und zu können. Am ersten Tag sprach Turgenev und am zweiten Dostoevskij. Turgenevs Rede war elegant, aber reserviert. Dostoevskij hingegen hielt eine leidenschaftliche Rede, in der er Puschkin zum Symbol für das friedliche Sendungsbewusstsein der russischen Nation erklärte. Die Wirkung seiner Rede war fulminant. Selbst sein erbitterter Feind Turgenev kam zu ihm nach vorn und küsste ihn. In einen Brief an seine Frau beschrieb er die Szene:

Als ich am Ende die weltweite Einheit der Menschheit verkündete, war der ganze Saal wie hysterisch; ich kann Dir die Begeisterungsschreie nicht wiedergeben, als ich geendet hatte; einander unbekannte Menschen aus der Zuhörerschaft weinten, schluchzten und umarmten einander und gelobten, in Zukunft bessere Menschen zu werden, ihre Mitmenschen zu lieben, statt sie zu hassen …
Ich suchte Zuflucht hinter der Bühne, aber alle stürzten vom Saal her herein, größtenteils Frauen. Sie küssten meine Hand und wollten nicht von mir weichen. Die Studenten stürmten herein. Einer von ihnen fiel mir tränenüberströmt zu Füßen und verlor die Besinnung. Es war ein vollständiger, ein absolut vollständiger Sieg! … Nach einer Unterbrechung von fast einer Stunde ging die Versammlung weiter. Aber niemand wollte seine Rede verlesen. Aksakow kam herein und erklärte, er werde seine Rede nicht halten, da alles gelöst sei durch die großen Worte unseres Genius – Dostoevskij.

Wie schon so oft sollte Dostoevskijs Glück jedoch nicht von Dauer sein, denn schon am nächsten Tag begannen die Kritiker von links und rechts, seine Rede auseinanderzunehmen.

Dostoevskijs Tod
Am 25. Januar 1881 erlitt Dostoevskij wieder einmal einen Blutsturz, eine Lungenarterie platzte, angeblich, als er einen Schrank verrücken wollte. Es schien nicht weiter bedenklich, man nahm an, dass er sich bald erholen werde. Dann hatte er jedoch wegen einer Erbschaftsangelegenheit einen heftigen Streit mit seiner Schwester aus Moskau, der zu einem Kollaps und zu weiteren Blutstürzen führte. Schon am Morgen des 27. ahnte er, dass er an diesem Tag sterben würde; er bat seine Frau um das Neue Testament, das ihm die Dekabristenfrau Fonvisina geschenkt hatte, als er auf dem Weg in die Katorga war (1850), schlug es an einer willkürlichen Stelle auf und bat seine Frau, ihm vorzulesen. Es war eine Stelle aus dem Matthäusevangelium, in dem es unter anderem heißt: „Halte mich nicht zurück!“ „Siehst du“, sagte er zu seiner Frau, „‚Halte mich nicht zurück!‘, das heißt, dass ich sterben muss.“
Abends um halb neun war Fëdor Michajlovič Dostoevskij tot.

Das Testament
Die Rede zur Enthüllung des Puschkindenkmals war mehr als eine Rede aus feierlichem Anlass, sie war, ohne, dass er es wusste, sein Testament.
Hier der wichtigste Absatz, in dem er seine im Leben schwer erkämpfte Überzeugung ausdrückte:

Ja, die Bestimmung des russischen Menschen ist zweifellos alleuropäisch und allweltlich. Ein wirklicher Russe, ganz Russe sein, heißt vielleicht nur (letzten Endes, ich bitte das zu unterstreichen) ein Bruder aller Menschen sein, ein Allmensch, wenn man so will. Unser ganzes Slavophilentum und Westlertum ist nur ein großes, wenn auch historisch notwendiges Missverständnis. Dem echten Russen ist Europa und das Los des großen arischen Stammes ebenso teuer wie Russland selbst, wie das Los seiner heimatlichen Erde, denn unser Los ist die Allweltlichkeit, und zwar keine mit dem Schwerte erkämpfte, sondern eine durch die Kraft der Brüderlichkeit und des brüderlichen Strebens nach einer Vereinigung der Menschen erworbene. Wenn man in unsere Geschichte nach der Reform Peters eindringen will, so findet man schon Spuren und Andeutungen dieser Idee, dieses meines Gedankens, wenn man will im Charakter unserer Beziehungen zu den Völkern Europas, sogar in unserer Staatspolitik. Denn was tat Russland diese zwei Jahrhunderte lang in seiner äußeren Politik anderes, als dass es Europa diente, vielleicht sogar in viel höherem Maße als sich selbst? Ich glaube nicht, dass dies nur auf der Unfähigkeit unserer Politiker beruhte. Die Völker Europas wissen gar nicht, wie teuer sie uns sind! In der Zukunft, ich glaube daran, werden wir, d. h. natürlich nicht wir, sondern die zukünftigen russischen Menschen alle ohne Ausnahme begreifen, dass echter Russe sein nichts anderes bedeutet als: Danach streben, die europäischen Widersprüche endgültig zu versöhnen, der europäischen Sehnsucht den Ausweg in der russischen allmenschlichen und allvereinenden Seele zu zeigen, in sie mit brüderlicher Liebe alle unsere Brüder aufzunehmen und schließlich und endlich vielleicht auch das endgültige Wort der großen allgemeinen Harmonie auszusprechen, der brüderlichen endgültigen Einigung aller Völker nach dem Gesetze Christi und des Evangeliums! Ich weiß, ich weiß allzu gut, dass meine Worte ekstatisch, übertrieben und fantastisch erscheinen können. Sollen sie es nur, ich bereue nicht, dass ich sie ausgesprochen habe. Das musste ausgesprochen werden, besonders aber jetzt, bei der Ehrung unseres großen Genies, das gerade diese Idee mit seiner künstlerischen Kraft verkörpert hat. Dieser Gedanke ist ja schon mehr als einmal ausgesprochen worden, und ich sage durchaus nichts Neues. Vor allen Dingen wird es als Selbstüberhebung erscheinen: „Wir und unser armes, rohes Land sollen eine solche Bestimmung haben? Uns ist es vorbehalten, der Menschheit ein neues Wort zu verkünden“ Nun, spreche ich denn von wirtschaftlichem Ruhm, vom Ruhm des Schwertes oder der Wissenschaft? Ich spreche ja nur von der Verbrüderung der Völker und davon, dass das russische Herz zu so einer allmenschlich-brüderlichen Vereinigung vielleicht mehr als die Herzen aller anderen Völker vorbestimmt ist, und ich sehe Hinweise darauf in unserer Geschichte, in unseren begabten Menschen, im künstlerischen Genie Puschkins.
Die Inhaltsangaben zu den einzelnen Werken – auch in den vorangegangenen Essays – mussten hier natürlich kurz gehalten werden und betreffen in erster Linie die Handlung. Die weit wichtigeren metaphysischen und philosophischen Aspekte, die den Gehalt von Dostoevskijs Werken ausmachen, konnten nur angedeutet werden. Über sie sind aber unzählige Bücher geschrieben worden, die ganze Bibliotheken füllen. Eine hervorragende und reichhaltige Bibliografie zu Dostoevskij (Stand 1992, 22 Seiten lang!) befindet sich in Dostojevskij von Janko Lavrin, erschienen bei rororo.

Literatur: (auch für die vorangegangenen Essays über Dostoevskij)
Reinhard Lauer: Geschichte der russischen Literatur – Von 1700 bis zur Gegenwart (2000)
Orlando Figes: Nataschas Tanz – Eine Kulturgeschichte Russlands (2003)
Geoffrey Hosking: Russland – Nation und Imperium(2000)
Propyläen Geschichte der Literatur in 6 Bänden
Propyläen Geschichte Europas in 6 Bänden
Alexander Eliasberg: Russische Literaturgeschichte – in Einzelporträts (1922)
Felix Philipp Ingold: Die Faszination des Fяemden – eine andere Kulturgeschichte (2009)
Felix Philipp Ingold: Russische Wege – Geschichte, Kultur, Weltbild (2007)
Setzer/Müller/Kluge: F. M. Dostojewski – Dichter, Denker, Visionär (1998)
Gottfried Schramm: Von Puschkin bis Gorki – Dichterische Wahrnehmungen einer Gesellschaft im Wandel (2008)
Janko Lavrin: Dostojevskij (1997)
Christine Hamel: Fjodor M. Dostojewski (2003)
Swetlana Geier: Rußland lesen (2003)
Ludolf Müller: Dostojewski. Sein Leben – Sein Werk – Sein Vermächtnis (1990)

Über den Autor

Hanns-Martin Wietek
Arbeitet als freier Publizist für russische Literatur und Geschichte für verschiedene Medien. Literaturkritiker für buechervielfrass.de und russland.RU. Seit 2003 bei russland.RU zuständig für Kunst und Kultur und stellt russische Künstler vor.