Februar-Revolution vor 100 Jahren: Russland schüttelt die Zaren ab

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[von Lothar Deeg] Über 300 Jahre hatte die Dynastie der Romanow-Zaren mit absolutistischer Macht über Russland geherrscht. Doch 1917 brach ihre Herrschaft innerhalb einer Woche zusammen: Mit der Februar-Revolution endet Russlands Geschichte als Monarchie, Kaiser Nikolaus II. dankt ab – und das revolutionäre Chaos gebiert einige Monate später die Sowjetherrschaft.  

Russlands Hauptstadt Petrograd – wie St. Petersburg seit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 genannt wurde – schwirrte im harten Kriegswinter  1916/17 geradezu vor Gerüchten und Verschwörungstheorien: Zar Nikolaus II., der das Oberkommando über die Streitkräfte des Russischen Reichs selbst übernommen hatte, saß zwar formell noch fest im Sattel, seine Familie führte im Residenz-Vorort Zarskoje Selo ihr gewohntes höfisches Leben – im ersessenen Reichtum, aber abseits der Realität: Denn nach zweieinhalb Jahren eines verbissen geführten Kriegs gegen Deutschland und Österreich hatte Russland große Territorien verloren, es war wirtschaftlich und moralisch ausgezehrt, die Inflation galoppierte und die Versorgung der großen Städte mit Lebensmitteln wurde immer schlechter.

Bei Arbeitern und Soldaten gärte es, ihr Unmut wuchs sich langsam aus in Hass auf das Herrscherhaus und seine Vasallen, vor allem die Polizei. Auch in weiten Kreisen der Intelligenz, des Bürgertums, der Armeeführung und des Adels – bis hinein in die weitverzweigte Kaiserfamilie –  war man sich im Klaren, dass es so nicht weitergehen konnte: „Wir stehen auf einem Vulkan, und schon der kleinste Funke, der kleinste falsche Schritt kann eine Katastrophe auslösen“, hatte ein Bruder des Zaren schon im November 1916 Nikolaus II. gewarnt. Von allen Seiten wurde er bedrängt, freie Wahlen und eine dem Parlament verantwortliche Regierung einzusetzen – doch der Zar war zu keinerlei Reformen bereit: Er war der Meinung, der Krieg ginge vor – und jedweder Aufruhr sei mit Gewalt zu unterdrücken.

Als „Kind, das am Abgrund tanzt“ bezeichnete ihn sogar sein eigener Stabs-Chef General Michail Alexejew: Und schlimmer noch: „Geführt wird das Land von einer verrückten Frau, um sie herum ein Haufen dreckiger Würmer.“ Gemeint war die Zarengattin Alexandra Fjodorowna – und ihr Umfeld, in dem der obskure Wunderheiler Rasputin eine Schlüsselrolle einnahm. Die Zarin, geboren als Alix von Hessen-Darmstadt, war zudem noch gebürtige Deutsche.  Ihre Abschiebung in ein Kloster, die Absetzung des Zaren im Rahmen einer Palastrevolte – wie es sie in der Romanow-Geschichte ja nicht einmal gegeben hatte – und die Einsetzung eines reformwilligen, konstitutionellen Monarchen, war der gemeinsame Nenner der damaligen Salongespräche der politisch wichtigen Kreise. Keine Partei und keine soziale Schicht stand mehr auf Seiten des Zaren. Doch noch warteten Adel, Generalität und die Duma – das oppositionell gestimmte, aber machtlose Parlament – ab, wer wohl als erster gegen den Kaiser aufbegehrte. Einzig Rasputin wurde im Dezember 1916 von Verschwörern ermordet.

Der Staat kollabiert: Anarchie auf Petrograds Straßen

Doch ab dem 23. Februar – nach dem damals in Russland noch gültigen julianischen Kalender, im sonstigen Europa schrieb man den 8. März – ergreift eine Klasse die Initiative, die bisher im agrarisch geprägten Russland kaum Gewicht hatte: das Proletariat. Die bisher gelegentlichen Streiks in den Fabriken und Unruhen in den Schlangen vor den Bäckereien der Hauptstadt wachsen sich zu Massendemonstrationen und einem Generalstreik aus: Am 24. Februar strömen über 200.000 Arbeiter ins Stadtzentrum, ihre Hauptlosungen lauten „Brot, Frieden, Freiheit!“ und  „Nieder mit dem Zaren!“ Die Polizei ist gegen die Mengen machtlos, zwei Dutzend Gendarmen werden von der Menge massakriert. Nun wird das Militär mobilisiert.

Am 26. Februar, einem Sonntag, werden auf dem Newski Prospekt und am Moskauer Bahnhof etwa 40 Demonstranten erschossen. Doch auf die Armee ist kein Verlass mehr: Erste Einheiten verweigern den Schießbefehl und laufen zu den Aufständischen über. „In der Hauptstadt herrscht Anarchie“ kabelt Duma-Vorsitzender Michail Rodsjanko an den Zaren, der wenige Tage zuvor wieder ins Armee-Hauptquartier nach Mogilew gefahren war. Der Zar reagiert auf seine Weise: Er erklärt telegrafisch die Duma für aufgelöst.

Tags darauf kollabiert die Macht des Monarchen: Das Parlament fügt sich nicht, sondern setzt ein „provisorisches Komitee“ ein, das die zaristische Regierung für abgesetzt erklärt und die Kontrolle über die Ministerien übernimmt. Derweil werden von den Massen Polizeistationen und Gefängnisse gestürmt, Waffenarsenale geplündert.  Und das Militär rebelliert offen gegen zarentreue Kommandeure – die revolutionären Truppen gründen einen „Arbeiter- und Soldatenrat“. Der „Petrograder Sowjet“ avanciert dank seiner bewaffneten Kämpfer zum zweiten Machtzentrum. Stadtkommandant Sergej Chabarow kann nur noch auf 1100 Soldaten rechnen, die sich in der Admiralität verschanzt haben.

Abdankung in der Provinz: Nikolaus II. gibt auf

Am 28. Februar begeht Nikolaus II. seinen wohl letzten großen Fehler: Er verlässt per Bahn das von loyalen Truppen gehaltene Hauptquartier, um nach Zarskoje Selo zurückzukehren – knapp 1000 Kilometer Strecke. 40 Stunden lang kann er nur sporadisch telegrafischen Kontakt mit der Hauptstadt halten. Die letzten Bahnhöfe vor Petrograd sind jedoch angeblich von Revolutionären besetzt – weshalb der Zarenzug nach Pskow fährt, wo sich der Stab der Nordfront befindet. Der Monarch hofft noch immer, genug treue Truppen zusammenziehen zu können, um die Revolte niederzuwerfen. Zwischenzeitlich hat der Aufstand auch auf Moskau übergegriffen – und die Revolutionäre kontrollieren bereits die zentrale Eisenbahnverwaltung. Die Armee droht handlungsunfähig zu werden, eine Niederlage im Krieg wäre die Folge.

Inzwischen hat auch die Generalität den Zaren aufgegeben – und rät ihm, sich den Forderungen nach einem Machtverzicht nicht mehr zu widersetzen. Am 2. März (nach heutigem Kalender der 15. März) erklärt sich der Zar zunächst bereit, eine gegenüber der Duma verantwortliche Regierung zu akzeptieren. Wenige Tage zuvor wäre dieser Schritt wohl noch seine Rettung gewesen, doch nun teilt aus Petrograd der Duma-Vorsitzender Michail Rodsjanko mit, dass dies nicht mehr ausreicht: „Die Leidenschaft der Massen ist so erhitzt, dass es kaum möglich sein wird, sie zu dämpfen. Die Streitkräfte sind endgültig demoralisiert, sie gehorchen nicht nur nicht mehr, sie bringen ihre Offiziere um. Der Hass gegenüber der Kaiserin hat alle Grenzen überschritten. Um Blutvergießen zu vermeiden, war ich gezwungen, alle Minister in der Peter-Pauls-Festung zu arretieren.“

In Pskow treffen zwei Duma-Abgeordnete ein, um den Zaren zur Abdankung zu bewegen, was das Chaos bändigen sollte. Um 23.40 Uhr unterzeichnet Nikolaus II. in seinem Salonwagen das Manifest, in dem er für sich und seinen Sohn, den kränklichen Zarewitsch Alexej, auf den Thron verzichtet. „Rundum Verrat, Feigheit und Betrug“, notiert er anschließend in seinem Tagebuch.

Die Zarenwürde überträgt Nikolaus auf seinen jüngeren Bruder Michail. Doch dieser verzichtet am nächsten Tag nach Beratungen mit der soeben von Duma und dem Sowjet gebildeten Provisorischen Regierung: Er werde den Thron erst annehmen, wenn dieser ihm von einer demokratisch gewählten Volksversammlung angeboten werde – was aber nie geschah.

Das Chaos von 1917 gebiert eine zweite Revolution

Der gestürzte Zar kehrte eine Woche später zu seiner Familie zurück – faktisch als Gefangener, denn die Romanows standen nun in ihrem Palast unter Hausarrest. In Petrograd, wo die Revolution über 1300 Tote und Schwerverletzte gefordert hatte, war zwar die alte Ordnung gestürzt, eine neue war jedoch nicht so schnell zu etablieren: Im Laufe eines halben Jahres wurde die Regierung noch drei Mal umgebildet, es gab zwei Putschversuche. Angst, Hunger, Kriminalität, Mangel und Willkür prägten nun den Alltag – wer konnte, verließ die im Schmutz erstarrende, einst so prächtige Stadt.

Im Oktober rissen dann die Bolschewiken die Macht erfolgreich an sich – doch nun versank ganz Russland für einige Jahre in einem brutalen Bürgerkrieg. Etwa zehn Millionen Menschen kamen durch Terror und blanke Not in dieser Zeit in Russland um.

Umsturz – nein danke: Der Kreml hängt das Jubiläum tief

Die prominentesten Opfer waren der Ex-Zar und seine Familie: Sie wurden im Juli 1918 im Ural als Volksfeinde erschossen – und im Jahr 2000 als Märtyrer von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen. Schon allein diese Ambivalenz  verhindert, dass der 100. Jahrestag des Sturzes des legitimen Staatsoberhauptes jetzt offiziell „gefeiert“ werden könnte – zumal Aufruhr, Verrat und Umsturz so gar nicht zur Staatsideologie der Ära Putin passen.

Nur die Kommunistische Partei will im Herbst in altem Stolz das Jubiläum von Lenins Machtergreifung begehen. Staatlicherseits beschränkt man sich lieber auf die Förderung von historischen Seminaren, Online-Vorlesungen und Publikationen – mit einem bescheidenen Etat von 50 Mio. Rubel (ca. 820.000 Euro) für das ganze Jahr, so die Zeitung „Kommersant“.

Auch die Position der Gesellschaft ist zwiespältig: 45 Prozent empfinden gemäß einer Umfrage des Levada-Zentr die Februar-Revolution heute positiv – als progressiven Schritt oder Etappe zur Schaffung des ersten sozialistischen Staates. 40 Prozent sehen hingegen im Zarensturz vorrangig den Verlust nationaler Größe und die Ursache für den Kollaps des Russischen Reichs.

[Lothar Deeg/russland.NEWS]

Über den Autor

Lothar Deeg
Lothar Deeg geboren 1965 und gebürtig aus Bad Mergentheim. 1991 infizierte ich mich als frisch gebackener Diplom-Journalist auf einer Reise nach Wladiwostok mit dem Russland-Virus. Rudimentär mit VHS-Russischkenntnissen ausgestattet hängte ich 1994 meinen Redakteursposten beim „fliegermagazin“ an den Nagel und siedelte von München nach St. Petersburg um. Dort schreibe ich seitdem als freier Journalist über alles, was mir aus Stadt und Land berichtenswert erscheint – unter anderem als Korrespondent des epd und des Logistik-Fachblatts „Verkehrsrundschau“. Momentan arbeite ich an meinem dritten und vierten Reiseführer über St. Petersburg. Meine Lieblingsjobs sind aber Städte- und Personenporträts für das Bordmagazin der Airline Swiss.