FBI-Anwerbeversuch gescheitert: Rachefeldzug gegen Kaspersky

Foto: commons.wikimedia/Kai Mörk CC BY-SA 3.0
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Beweise gibt es keine, das FBI solle erfolglos versucht haben, den Firmengründer Eugene Kaspersky bei einem Besuch in den USA als Informanten zu gewinnen. Sicher ist, dass IT-Sicherheitsfirmen für staatliche Geheimdienste weltweit als höchst interessant gelten. Besonders für die Branchenriesen, zu denen das russische Unternehmen aus Moskau gehört.

Ohne Beweise fahren die Amerikaner eine Kampagne gegen die IT-Experten aus Moskau. Ebenso gierig nach anti-russischen Themen nimmt die deutschsprachige Presse das Thema mit Pathos auf: „Gefahr für die nationale Sicherheit“, „unter Spionageverdacht“ und „im Visier“.

US-Geheimdienste behaupten aufgrund unbewiesener Tatsachen, Kaspersky Lab schütze nicht die 270.000 Firmengeheimnisse und die Privatsphäre seiner 400 Millionen Kunden, sondern greife sie ab und teile die Informationen mit dem russischen Geheimdienst FSB.

Der US-Heimatschutz warnte in einem Geheimbericht vor möglichen Verbindungen Kasperskys zur russischen Regierung. Inzwischen wollen „sehr besorgte“ US-Senatoren wissen, ob auf den Rechnern von US-Geheimdiensten Sicherheitsprogramme des russischen Software-Herstellers installiert sind. Letzten Donnerstag äußerte sich NSA-Chef Mike Rogers zur Beruhigung der Nation: „Er sei persönlich in die Überwachung von Kaspersky-Produkten einbezogen.“

Firmengründer Eugene (Jewgenij) Kaspersky dementiert derlei Berichte entschieden. Es sei „völlig inakzeptabel, zu Unrecht und ohne einen echten Beweis falschen Behauptungen ausgesetzt zu sein“, so das diffamierte Unternehmen auf unsere Anfrage hin. Man pflege keinerlei „unpassende Kontakte“ zur russischen Regierung und entwickle keine Cyberwaffen für irgendeinen Staat. Ganz im Gegenteil: „Ich wäre sehr glücklich darüber, vor dem Senat auszusagen, an den Anhörungen teilzunehmen und alle Fragen, die gestellt werden wollen, zu beantworten“, so der kooperationsbereite Firmenchef.

Das ficht die US-Regierung nicht an. Denn auch ohne Wissen des Herstellers könnte die bei Amerikanern zunehmend beliebte Software Hintertüren für den russischen Geheimdienst enthalten, mit denen sich dieser im Bedarfsfall über die Software Zugriff auf Rechner verschaffen könnte. Der Spionage und Sabotage wären damit Tür und Tor geöffnet. Beweise dafür – Fehlanzeige. Dennoch sucht das FBI weiterhin nach möglichen Beziehungen des Unternehmens zur russischen Regierung.

Obwohl in der Moskauer Zentrale keiner über die öffentlichen Anschuldigungen aus Übersee lachen kann, kontert Kaspersky den Frontalangriff mit Ironie. Während einer Veranstaltung am 11. Mai äußerte er sich zeitgleich zu laufenden Anhörungen des US-Senatsausschusses: „Bei allem Respekt stimme ich deren Meinung nicht zu. Es tut mir sehr leid, dass diese Herrschaften aufgrund politischer Gründe nicht die beste auf dem Markt verfügbare Software einsetzen können.“ 

Die Qualität der Kaspersky-Software sorgt dafür, dass in Moskau regelmäßig Experten aus Russland, Amerika, Brasilien und Europa vorstellig werden, um sich in Sicherheitsfragen und Cyberkriminalität beraten zu lassen. „Bei uns gibt es eine Expertengruppe, die Codes besser knacken kann als irgendwer sonst auf der Welt, vielleicht nach dem FBI.“ 

Dank der langjährigen und vertrauensvollen Zusammenarbeit mit internationalen Regierungsorganisationen will Kaspersky Lab Betroffene bei laufenden Ermittlungen unterstützen. Und man sei sich sicher, dass „eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit Kaspersky Lab bestätigen wird, dass diese Behauptungen unbegründet sind.“ 

Deutsche IT-Experten sehen die Behauptungen gelassen. Bitkom-Geschäftsführer Bernhard Rohleder sagte: „Sollten die US-Geheimdienste konkrete Anhaltspunkte haben, dass einzelne Programme oder die Software einzelner Hersteller ein Sicherheitsrisiko darstellen, dann ist es wichtig, den Sachverhalt im Detail darzustellen und Beweise auf den Tisch zu legen. Wir brauchen Transparenz, Gerüchte helfen nicht weiter.“ Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) will die transatlantischen Wogen glätten. „Es hat bislang von Kaspersky nach unserem Wissen keinen Datenmissbrauch gegeben.“

Natürlich gibt es keine Beweise, das harsche Vorgehen der USA beruhe auf einem misslungenen Anwerbeversuch des FBI. Dann ähnelte das Vorgehen einer Rache wegen des schmerzhaften Korbes von Kaspersky. Der US-Präsidenten Donald Trump wird die neue Debatte als wohltuende Verschnaufpause empfinden. Eine politische Dimension hat die Unternehmensschelte allemal.

Bewiesen hingegen ist, dass die USA Vorbehalte gegen Technologien haben, die nicht aus den USA kommen. Vor viereinhalb Jahren wurde in den USA intensiv vor Netzwerktechnik des chinesischen Huawei-Konzerns gewarnt. Auch der Rivale ZTE war den US-Behörden suspekt. Wie sich ein Jahr später durch die Enthüllungen von Edward Snowden herausstellen sollte, waren es jedoch amerikanische Geheimdienste, die Huawei und zahlreiche andere große chinesische Unternehmen unterwandert und ausspioniert hatten.

[hub/russland.NEWS]