Familie ohne Kinder? Russland verordnet dem Kino ein demografisches Happy End

Familie ohne Kinder? Russland verordnet dem Kino ein demografisches Happy End

Russland hat einen neuen Schauplatz im Kampf gegen den Geburtenrückgang entdeckt: die Leinwand. Filmschaffende sollen Familien nicht nur häufiger zeigen, sondern sie als attraktiv, stabil und gesellschaftlich angesehen darstellen. Fast gleichzeitig wird bekannt, dass 2025 so wenige Kinder geboren wurden wie noch nie in der modernen Geschichte des Landes.

Nach Berechnungen russischer Ökonomen kamen 2025 rund 1,19 Millionen Kinder zur Welt. Gegenüber dem ohnehin schon schwachen Vorjahr bedeutet das einen weiteren Rückgang. Andere aktuelle Auswertungen nennen rund 1,18 Millionen Geburten und eine zusammengefasste Geburtenziffer von lediglich 1,37 Kindern je Frau – den niedrigsten Wert seit 2006. Für den einfachen Erhalt der Bevölkerung wären langfristig etwa 2,1 Kinder erforderlich.

Die politische Antwort beschränkt sich längst nicht mehr auf Kindergeld, vergünstigte Hypotheken und Appelle an junge Frauen. Nun soll auch die Unterhaltungsindustrie helfen. Neue methodische Empfehlungen für Film und Medien beschreiben, wie eine „starke Familie“ als traditionelle russische geistig-moralische Grundüberzeugung vermittelt werden kann. Die Familie soll dabei nicht lediglich pflichtschuldig im Bild erscheinen, sondern als moderne, lebendige und kulturell bedeutsame Realität.

Vorgesehen ist offenbar keine offene Zensurvorschrift, sondern eine Art dramaturgischer Werkzeugkasten. Familienleben soll als erstrebenswert erscheinen, Elternschaft nicht vorwiegend als Belastung, Einschränkung oder Quelle von Konflikten. Bereits im Mai hatte der Russische Verband der Industriellen und Unternehmer eine breitere Kommunikationsstrategie vorgestellt. Deren drei Leitmotive lauteten: „Familie als Erbe“, „Familie als Vorteil“ und „Familie als Status“. Branchenvertreter warnten damals ausdrücklich davor, die Empfehlungen in verbindliche Normen zu verwandeln und damit die künstlerische Freiheit zu beschneiden.

Doch das demografische Problem ist weniger filmisch als materiell. Umfragen zufolge wünschen sich russische Familien im Durchschnitt ungefähr zwei Kinder. Tatsächlich bekommen sie deutlich weniger. Der Abstand zwischen gewünschter und verwirklichter Kinderzahl fällt besonders dort groß aus, wo Einkommen niedrig, Wohnraum knapp und die wirtschaftlichen Zukunftsaussichten unsicher sind. In wohlhabenderen Regionen können Paare ihre Kinderwünsche wesentlich häufiger verwirklichen.

Damit trifft die Kampagne zwar auf ein reales gesellschaftliches Problem, setzt aber vor allem an dessen Darstellung an. Ein attraktiveres Familienbild kann Vorbehalte gegenüber Ehe und Elternschaft möglicherweise beeinflussen. Es schafft jedoch weder größere Wohnungen noch verlässliche Einkommen, verfügbare Betreuungsplätze oder planbare Lebensverhältnisse.

Hinzu kommt die demografische Eigendynamik: Die geburtenschwachen Jahrgänge der 1990er-Jahre sind inzwischen selbst im typischen Elternalter. Selbst eine deutlich steigende individuelle Kinderzahl könnte deshalb den Rückgang der absoluten Geburtenzahlen zunächst kaum aufhalten. Dazu kommen Krieg, Mobilisierung, Auswanderung und wirtschaftliche Unsicherheit – Faktoren, die langfristige Familienentscheidungen nicht erleichtern.

So entsteht ein bemerkenswertes Missverhältnis. Auf der Leinwand soll die russische Familie zahlreicher, harmonischer und selbstbewusster werden. In der Wirklichkeit bleibt sie häufiger klein – oder kinderlos. Die Methodik kann festlegen, wie Familie erzählt werden soll. Sie kann aber nicht bestimmen, ob junge Menschen sich eine Familie leisten und ihre Zukunft in Russland vorstellen können.

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