Fakt oder Fake: Das ZDF und sein Donbass-Kämpfer [mit Video]

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[von Roland Bathon] Ein sich immer weiter hochschaukelnder Presseskandal bahnt sich rund um die Reportage „Machtmensch Putin“ an, die das ZDF vor einigen Tagen ausstrahlte – insbesondere wegen des Kronzeugen für die dortige Behauptung, bis zu 30.000 reguläre russische Soldaten kämpfen im Donbass.

Kronzeuge „Igor“ packt aus

Gezeigt wurde hier unter anderem ein vorgeblicher russischer Donbass-Kämpfer mit Decknamen „Igor“, der umfangreich über die Beteiligung russischen Militärs am festgefahrenen Krieg in der Ostukraine referierte. Er spielte als Kronzeuge für die Beteiligung regulären russischen Militärs eine wichtige Rolle im ZDF-Beitrag, nannte er doch beispielsweise konkret die Zahl von 20.000 bis 30.000 aktiven Militärangehörigen aus Russland im Donbass. Man sah ihn auch in Aktion an einem vorgeblichen Checkpoint der Rebellen in der Ostukraine, zu dem ihn das Kamerateam des ZDF begleitet hätte, die Szenen wirkten recht dramatisch. Auch sei Igor verheiratet, sein Kind ist zu sehen, und er zöge dennoch in den Krieg. Macher des Beitrags war Dietmar Schumann, ein nicht gerade lupenreiner ZDF-Korrespondent, den man 2004 nach der Aufdeckung seiner Stasi-Vergangenheit aus Israel zurückbeordern musste, jedoch dennoch außenpolitisch weiter arbeiten durfte. Assistiert wurde ihm beim Beitrag von einem Russlanddeutschen, der Waleri „Bob“ Bobkow hieß und vom ehemalige Focus-Russlandkorrespondent und bekennende Putin-Hasser Boris Reitschuster.

Enthüllungen über den Enthüllungsreport aus Russland?

Die Retourkutsche aus Russland folgte sogleich: Der russische Staatssender Rossija präsentierte einen Mann, der aussagte eben jener „Igor“ zu sein (wenn auch in Wirklichkeit Juri zu heißen), in Kaliningrad zu leben und vom ZDF für seine Aussagen Geld erhalten zu haben. Er habe einfach ausgesagt, was ihm die Reporter vorgegeben hätten, um sein Geld zu bekommen, da er arbeitslos sei. Eine Frau und ein Kind habe er auch nicht, das seien andere Darsteller gewesen, die im Sinne der Dramatik von den Reportern eingebaut worden wären. Der Rest seiner ZDF-Statements habe mit Realität nichts zu tun, sondern aus der Feder der Mainzelmännchen. Die angeblichen Donbass-Szenen, die Igor-Jury an einem Rebellen-Checkpoint zeigten, seien gestellt gewesen und es habe hierfür mehrere Inszenierungen gebraucht – er selbst sei nie am Kampf im Donbass beteiligt gewesen. Vorgeblich von Rossija gezeigtes Rohmaterial zeige auch den Schumann-Assistenten Bobkow beim „vormachen“ verschiedener Szenen:

In der Tat traf das ZDF  „Igor“, wie auch am Hintergrund zu erkennen, tatsächlich in Kaliningrad und  der Protagonist wirkt recht glaubwürdig mit dem deutschen Journalistenteam „Dietmar“ und „Bob“ vertraut. Rossija gelang es, am vorgeblichen „Original-Schauplatz“ der Rekrutierung von Igor-Juri“ zu filmen und diese in einem ganz anderen Licht zu schildern. Das als reine „Kreml-Propaganda“ abzutun fiel auch deshalb schwer, da andere Teile des Rossija-Beitrags daneben auf nachweisbare, fatale Schwachstellen der ZDF-Produktion hinweisen. So zeigt von einem Kommentar über die kämpfenden Russen unterlegtes Material in Wirklichkeit Regierungseinheiten, die ukrainischen Abzeichen sind deutlich zu sehen. So wurden von ZDF zweifelsfrei Inhalte suggeriert, die das Bildmaterial nicht zeigt, aber vorgibt, darzustellen – ein Fest für die recherchierenden russischen Staatsjournalisten.

Der Pressekrieg beginnt

Der Rossija-Beitrag wirkte  so glaubwürdig, dass sich die Nachricht seit gestern nicht nur in den üblichen prorussischen Kreisen des deutschsprachigen Internets verbreitete, sondern auch andere Mainstream-Nachrichtenorgane wie die Süddeutsche , der Tagesspiegel oder der Focus darüber berichteten. Das an sich war bereits außergewöhnlich, da in der Berichterstattung „gegen Russland“ für gewöhnlichen Einigkeit in diesem Kreisen herrscht und frühere zweifelhafte Ukraine-Darstellungen, wie etwa vom Blutbad am 02.05.2014 in Odessa, unisono und unkritisch gegenseitig übernommen werden.

Der „Konter“ des ZDF

Das ZDF versuchte recht schnell auf der Homepage von „ZDFZeit“ zu kontern und zeigte Igor alias Juri unverpixelt im eigenen Studio-Interview mit dem Untertitel „Rohmaterial“. Dieser Konter ist aber recht dürftig – bestreitet ja niemand, dass das Interview mit Igor-Juri tatsächlich im ZDF-Studio stattgefunden hatte. Im Gegenteil bestätigt man noch, dass das russische Staats-TV tatsächlich den wirklichen „Kronzeugen“ gefunden hatte und nicht etwa einen eigenen Statisten beschäftigte. Immerhin reichte das Material, um die Mainstream-Mitstreiter zu beruhigen, denn die berichteten stets nur von der Gegendarstellung, ohne sie kritisch zu hinterfragen. Dabei wäre hier einiger Anlass dazu.

Das entscheidende Rohmaterial fehlt beim ZDF

Zeigt man schon Rohmaterial, wäre es wesentlich sinnvoller gewesen, das aus dem Donbass zu präsentieren, das auch in der „Enthüllung der Enthüllung“ von Rossija nach dortigen Angaben zu sehen gewesen sei. Gerade dieses ZDF-Material erregte in unserer Redaktion starke Zweifel an der Authenzität. Denn zwei unserer eigenen russland.RU-Journalisten waren erst im Rebellen-Teil des Donbass für einen Beitrag. Obwohl in Begleitung eines offiziellen Rebellenvertreters durften sie keine Checkpoints offen filmen. Der Begleiter warnte ausdrücklich davor, dass auch er dies nicht ermöglichen könne und das grundsätzlich nicht gestattet sei. Es ist sehr zweifelhaft, dass ein deutsches TV-Team die im ZDF-Beitrag gezeigten Aufnahmen an einem Rebellenstützpunkt machen darf. In der Tat ist man in Kreisen der prorussischen Milizen informiert, welche Seite die großen deutschen TV-Sender unterstützen und es wäre kaum möglich gewesen, dass man ein dortiges Team überhaupt an der Front filmen lässt, hätte es doch für den „Feind“ willig spionieren können.

Offene Fragen auch am Rossija-Beitrag

Auch der Rossija-Beitrag wirft genau beim „Donbass“-Material Fragen auf. Warum erhält der Protagonist des Beitrags das Rohmaterial selbst und kann es danach brühwarm den Rossija-Reportern zeigen? Eine Aushändigung solchen Materials an Mitwirkende wäre sehr außergewöhnlich und gerade bei einer brisanten Fälschung würde das wohl kaum jemand machen. Wir haben bei unseren eigenen Filmbeiträgen – über 1.000 – nur dreimal Teile von Rohmaterial auf Bitten der Mitwirkenden an diese gegeben – hier handelte es sich aber stets um Bühnenauftritte. Hat man hier ebenfalls inszeniert um die Inszenierung des ZDF „schöner“ zu enttarnen? Oder war das ZDF tatsächlich so dumm (man kann es nicht anders sagen), gefaktes Rohmaterial so herum liegen zu lassen, dass russische Staatsjournalisten es für ihre Enttarnung in die Hände bekommen können?

Das ZDF ist am Zug

Trotz dieser Widersprüchlichkeit ist das ZDF am Zug. Es könnte alle Zweifel an seinem Beitrag aus der Welt räumen, wenn es das Donbass-Rohmaterial ins Netz stellen würden, so dass Ortskundige wie wir sehen könnten, dass es wirklich von dort ist, wirklich einen Checkpoint der Rebellen zeigt (warum auch immer die sie filmen ließen). Damit ließe sich immerhin der Beweis antreten, dass der Beitrag – wenn auch äußerst tendenziös und reißerisch (nicht nur in den angegriffenen Passagen) – wenigstens nicht inszeniert war und dass Rossija im Gegenzug lügt, wenn es behauptet, Igor-Juri wäre gar kein russischer Donbass-Kämpfer. Sollten die „Mainzelmännchen“ diesen Beweis schuldig bleiben, liegt wirklich der Verdacht nahe, die Donbass-Passage des Machwerks „Machtmensch Putin“ ein inszenierter Fake von „Dietmar“, „Bob“ und „Boris“ gewesen ist.

Foto: Kremlin.ru, Creative Commons

+++ Nachtrag +++ 23.12.2015 – 21:0 MEZ +++

„Boris“ hat auf seiner Facebook-Seite geschrieben, Juri habe zur ZDF-Zeit viel besser ausgesehen, als im Rossija-Beitrag, wo er absichtlich in Richtung Alki „gedowngradet“ wurde. Das ändert aber an unserer Forderung nichts, um Zweifel auszuräumen. Die Wahrheit über alles scheint aber wirklich nur Juri zu wissen und wir werden, da wir nicht mit einer Veröffentlichung des Donbass-Materials des ZDF rechnen, mal schauen, ob wir ihn selbst in Kaliningrad ausfindig machen können.

Über den Autor

Roland Bathon
Geboren 1970 in Franken und dort seitdem wohnhaft, aber regelmäßig in Russland und mit familiären Banden dorthin. Zum Thema Russland bin ich ursprünglich über meine allgemeine Osteuropa- und Reiseleidenschaft in den 90er Jahren gekommen und habe in den folgenden Jahrzehnten das Land ausgiebig individual kennengelernt. Später habe ich auch mehrere Bücher über Russlandreisen und andere Russlandthemen mit verfasst, bis es mich Mitte des letzten Jahrzehnts mehr und mehr in die Richtung Film, vor allem den Schnitt verschlagen hat. Bei russland.RU seit 2007 zuständig zunächst für den Aufbau und bis heute die inhaltliche Schwerpunktsetzung von russland.TV. Bei Eigenproduktionen meist zuständig für den Schnitt und eine Art Schaltzentrale für viele wichtige Mitarbeiter und Kontakte.