Europaspiele in Baku: Umstritten, eröffnet und überschattet

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Baku – Einen sehr großen Gefallen haben sich die Verantwortlichen beim Europäischen Olympischen Komitee mit den ersten Europaspielen in Aserbaidschan nicht gerade getan. Zum einen ist die Veranstaltung an sich schon umstritten, zudem dürfte die Vergabe der Spiele nach Baku noch für die eine oder andere Diskussion gut sein. Und als wäre das nicht schon genug Zündstoff, ereignete sich darüber hinaus noch ein schwerer Unfall mit einer der Athletinnen bereits im Vorfeld der Eröffnungszeremonie.

Aber das Gute zuerst – die ersten Europaspiele wurden nun feierlich eröffnet. Eröffnet mit einer Inszenierung, die mitunter stark an die Feierlichkeiten in Sotschi im Februar des Jahres angelehnt wirkte, eben nur auf aserbaidschanisch. Als am späten Abend der Präsident der Kaukasusrepublik, Ilham Alijew, die Eröffnungsrede hielt, schien für einen Moment alles Ungemach, das über diesen Spielen lastet, wie weggeblasen. Wenngleich auch nur für einen Moment. Denn als das Team aus Armenien in das Nationalstadion zu Baku einmarschierte, hagelte es lautstarke Unmutsäußerungen seitens des Publikums gegen die kaukasischen Nachbarn. Zu tief sitzt der Jahrzehnte alte Zwist um die Region Bergkarabach, die zwischen den beiden Staaten liegt.

Aserbaidschanische Folklore und die US-Amerikanische Popsängerin Lady Gaga sollten die Stimmung retten. Eine Stimmung, die bereits im Vorfeld der Spiele vergiftet war. Hat sich schließlich Aserbaidschan schon seit letztem Jahr bemüht, etwaige Regimekritiker von der Veranstaltung fernzuhalten. An die 100 sollen es inzwischen sein, die ins Fadenkreuz der Regierung und damit in Haft geraten sind. Fern blieb auch Deutschlands politische Spitze um Bundeskanzlerin Merkel und Joachim Gauck. Dafür kamen 265 Athleten des Deutschen Sportbundes, die bis zum 28. Juni in 16 Sportarten antreten werden.

Insgesamt stellen sich rund 6000 Sportler in 20 Sportarten zum Wettstreit um 253 Goldmedaillen. 359 von ihnen wollen für Russland ihr Bestes geben. Damit stellt die Sbornaja die meisten Sportler eines Landes für diese Spiele ab. So viel der Ehr‘ darf es dann ja schon sein, wenn alle anderen dieses Kräftemessen als Muster ohne Wert abstempeln. Timo Boll, das deutsche Tischtennisass ließ verlauten, dass die Europaspiele definitiv nicht den Höhepunkt der Saison darstellen. Schwer in der Kritik stehen auch die Kosten dieser eitlen kaukasischen Sause. Sechs Milliarden Euro sollen bereits ausgegeben worden sein, um dieses Ereignis überhaupt über die Bühne gehen lassen zu können.

Und als wäre das nicht schon genug der Kritik über Sinn und Unsinn dieser Spiele, ereignete sich am vergangenen Donnerstag auch noch ein folgenschwerer Unfall, bei dem sich ein Shuttlebus aus dem Athletendorf in eine Gruppe österreichischer Wassersportlerinnen verirrte und eine von ihnen, die Synchronschwimmerin Vanessa Sahinovic, schwer verletzt hat. Die Ermittlungen seien bereits in vollem Gange, hieß es zuletzt aus Baku. Die Schwimmerin wurde mittlerweile mit mehreren Frakturen wieder nach Wien gebracht und in ein künstliches Koma versetzt. Wir wollen ihr an dieser Stelle nur das Beste für ihre Genesung wünschen.

Nun denn, wohl an, Brot und Spiele stehen auf der Karte – mögen sie beginnen. Auch wenn sich der Sport als solcher damit keinen allzu großen Gefallen bereitet…

[mb/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.