Europas modernste Brauerei steht in Moskau

Foto: commons.wikimedia/Christian Bier CC BY-SA 3.0Foto: commons.wikimedia/Christian Bier CC BY-SA 3.0
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Die Brauerei Moskowskaja Piwowarennaja Kompanija (kurz MPK, zu Deutsch: Moskauer Bierunternehmen) behauptet stolz, die modernste ihrer Art in Europa zu sein. Mit einem Ausstoß von rund fünf Millionen Hektolitern jährlich ist sie auf jeden Fall schon einmal eine der Größten in Russland. Laut Braumeister Michail Jerschow geht dies nicht auf Kosten der Qualität.

Man glaubt es ihm. Schließlich hat Braumeister Jerschow sein Handwerk an der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei (VLB) in Berlin studiert. Überhaupt sei er vom Geschmack des deutschen Bieres sehr angetan. Das Studium an sich sei fundamental gewesen, sagt Jerschow, und er habe dort Antworten auf alle seine Fragen erhalten. Dort habe er sich vom hopfig-herben Geschmack der Marke „Jever“ beeinflussen lassen, was seinen Biergeschmack betrifft. Die Marketingabteilungen anderer russischer Großbrauereien hätten zwar herausgefunden, dass man in Russland kein herbes Bier möge, aber wie der Braumeister sagt: „Der Hopfen ist die Seele des Bieres. Wenn man die Seele aus dem Bier herausnimmt und hofft, dass dieses Bier sich gut verkauft, ist das irgendwie dumm“.

MPK habe gute Erfahrungen mit der Marke „Chamowniki Pilsenskoje“ mit 35 Bittereinheiten gemacht. Mit dieser Sorte hätte der Braumeister versucht, den Geschmack des deutschen „Jever“ zu treffen. Scheinbar hat er ihm gelungen, denn das nach Pilsener Art gebraute „Chamowniki“ verkaufe sich nach seinen Angaben in Russland recht ordentlich. Außerdem gefällt Michail Jerschow die Vielfalt der Biersorten in Russland, da man, so interpretiert er es, in Deutschland nicht daran denken müsse, welches Bier man trinken sollte. „Man geht in ein Lokal und weiß genau, dass man dort leckeres, hochwertiges Bier erhalten wird.“ Jerschow habe daraufhin einfach das Bier gebraut, das ihm am besten gefiel. Auch für seine Landsleute sei es interessant geworden, unter verschiedene Biersorten zu probieren.

Durch deutsche Braukunst inspiriert

Es sei für ihn in Deutschland immer sehr interessant und spricht auf den Streit um den Biergeschmack in den verschiedenen Landesteilen an. „Es ist immer angenehm zu hören, wie beispielsweise die Bayern sagen, dass Pilsener kein Bier ist. Das ist eine sehr nette Tradition. Und es gibt diese Möglichkeit durch Deutschland zu fahren und verschiedene Biersorten zu probieren.“, sagt Jerschow. Dabei kommt er auch auf die Biere der Brauerei „Oettinger“ zu sprechen. „Es gibt so ein Vorurteil, dass nur Obdachlose „Oettinger“ trinken würden. Und dann gab es diese interessante Verkostung, bei der eine blinde Geschmacksprüfung veranstaltet wurde. Und die Menschen haben gesagt, dass dies ein gutes, hochwertiges Bier ist“, so der Bierspezialist. Auch er habe sich vom deutschen „Oettinger“ inspirieren lassen.

Fast möchte man meinen, Jerschow müsse das so sagen, da schließlich die Marke „Oettinger“ für den russischen Markt in den Sudkesseln bei MPK in Lizenz gebraut wird. Aber der Braumeister mit Leib und Seele habe noch etwas viel wichtigeres von den deutschen Kollegen aus dem bayrischen Oettingen gelernt. Bis vor Kurzem war Oettinger noch das meistgetrunkene Bier in Deutschland. Sicherlich spielte da auch der geringe Preise eine ganz große Rolle. Denn das Geschäftsmodell überzeugt Michail Jerschow: „Das deutsche „Oettinger“ hat das Konzept, hochwertiges Bier zu einem vernünftigen Preis. Für „Oettinger“ wird keine Werbung gemacht, damit der Kunde nicht für Werbung zahlen muss und das Bier billiger werden kann.“ In der Tat liegt jeglicher Weg der Biermarke, bis hin zur Auslieferung, in den Händen der Brauerei.

In diesem Sinne entwickelte sich bei MPK die hauseigene Marke „Schiguli“, der übrigens auch Redaktionsmitglieder von russland.RU nicht abgeneigt sind. Diese Kombination aus niedrigem Preis, nostalgischem Design und hochwertigem und gutem Bier beigetragen, wie der Meister im Sudhaus von MPK schwärmt. Denn, würde das Bier nicht schmecken, würde man es sicherlich nicht noch einmal kaufen, so der Fachmann. Im Jahr 2001 konnte das erst seit 2009 auf dem Markt eingeführte „Schiguli Barnoje“ eine Goldmedaille auf dem „European Beer Star Award“ in der Kategorie Bohemian-Style Pilsner gewinnen. Dieser Preis wird alljährlich anlässlich der führenden und größten Leitmesse der Welt, der „BrauBeviale“ in Nürnberg, an die besten und innovativsten Biere verliehen.

Start up in unsicheren Zeiten

Ein wenig kontrovers findet Michail Jerschow die Diskussionen um das zur Zeit in Mode gekommene, sogenannte Craft Bier. Bier, das sich um die Unterscheidbarkeit eines Bieres von anderen Bieren bemüht, meist in relativ kleinen Mengen gebraut und streng nach handwerklichen Kriterien produziert wird. Auch in Russland sei es zurzeit beliebt, es gäbe für Jerschow jedoch zu viele Vorurteile rund um das Craft Brewing. „Man setzt sich selbst Grenzen. Meiner Meinung nach sollte man das trinken, was einem schmeckt. Bier ist doch einfach nur ein Lebensmittelprodukt, wie Brot. Das Craft Brewing an sich gefällt mir als Braumeister. Mir gefällt, dass die Braumeister viel Enthusiasmus und Interesse am Brauen haben, aber um sich weiterzuentwickeln, braucht man die entsprechende Bildung.“ Aber jedes Produkt habe für ihn seine Nische.

Jerschow weiß von was er redet. Die „Moskowskaja Piwowarennaja“ wurde 2008 in einer denkbar ungünstigen wirtschaftlichen Zeit für erfolgreiche Unternehmen gegründet. Fernsehwerbung für alkoholische Getränke war verboten und dem russischen Bier-, wie auch dem ganzen Alkoholmarkt im Land litt immer noch unter der Anti-Alkohol-Kampagne des ehemaligen Präsidenten der Sowjetunion Michail Gorbatschow. Später haben ausländische Unternehmen den Fabrikationszweig übernommen. „Wir haben mit 1,2 bis 1,5 Millionen Hektoliter im Jahr begonnen, und jetzt produzieren wir fünf Millionen Hektoliter im Jahr. Und es geht nicht darum, dass wir ein sehr großes Unternehmen sind. Es geht darum, dass wir innerhalb von acht Jahren den Weg von 1,5 Millionen auf fünf Millionen Hektoliter geschafft haben.“, gibt sich Jerschow kämpferisch.

Ermöglicht wurde dies, und auch da kann er das Schwärmen für das Land der Biere nicht lassen, durch die Ausstattungen deutscher Hersteller in der Produktion. Nur deutsche Firmen könnten für den Braumeister Technik für solche Ausmaße produzieren. Zudem sei ihre schnelle Entwicklung ohnehin das wichtigste Kapital einer großen Brauerei. „Dass wir die modernste Brauerei Europas sind, ist eine Tatsache. Das Projekt wurde von Grund auf neu, auf freiem Feld errichtet. Der Betrieb ist sehr durchdacht und beinhaltet ein System von Behandlungsanlagen und verschiedene Systeme zur Energierückgewinnung“, betont Braumeister Michail Jerschow. Für die Produktion werde Wasser aus artesischen Brunnen genutzt, sagt der Brauexperte, dazu gäbe es fünf Druckwasserquellen auf dem Gelände in unmittelbarer Nähe eines Naturschutzgebiets.

Das Unternehmen, das, so ganz nebenbei, auch Sponsor von Spartak Moskau ist, setzt außerdem auf die publikumsträchtige Außendarstellung. So habe man bei MPK das Engagement in der Öffentlichkeit zusätzlich auf kleine, aber auch große kulturelle Veranstaltungen, wie zum Beispiel Musikfestivals, ausgeweitet. Bei der Moskowskaja Piwowarennaja Kompanija steckt die Seele im Hopfen und die Liebe im Detail. Wohl bekomms, Prosit oder einfach nur Dawai.

[mb/russland.RU]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.