EURO 2016: In Vino auch nicht immer Veritas

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[Von Michael Barth] – Sie kennen das garantiert aus eigener Erfahrung; Es gibt ja soviel Gründe, um sich nach Strich und Faden die Kante zu geben, pardon – zu feiern. Die einen schlagen über die Stränge, weil sie ein freudiges Ereignis zu begießen haben, die anderen geben sich gnadenlos den Rest, da bei allem Ungemach am Ende eh schon alles egal ist. Sie sehen, es kommt alles nur auf die Sichtweise an. Gründe für den gepflegten oder auch ungepflegten Suff gibt es immer.

Auch im Fall der aktuellen Fußball-Europameisterschaft ist das nicht anders. Bei Triumphen strömt der Schampus aus Kübeln und bei Niederlagen – nun ja, man kann sich schließlich alles Schönsaufen. Dumm nur, wenn man einigermaßen Prominent ist und sich gerade dann in aller Öffentlichkeit dem Rausche hingibt, wenn es peinlicher nicht gehen könnte. Dann schlägt das Pendel kurzerhand nach der anderen Richtung aus und man steht am Ende nicht nur mit seinem Brummschädel, sondern auch noch mit Schimpf und Schande da.

Das durften zwei Spieler der nicht gar so glorreichen „Sbornaja“ kürzlich erst am eigenen Leib erfahren. Verlieren und Ausscheiden, na gut, das passiert. Sein Leid darüber zu ertränken, Schwamm drüber. Diesen unrühmliche Abgesang vom Turnier allerdings auch noch mit einer feuchtfröhlichen Party in einem monegassischen Nachtclub zu feiern, ein absolutes No-Go! Dummerweise kursieren nun im Internet auch noch Aufnahmen dieses absoluten No-Go’s.

Über das Bechern und den richtigen Augenblick

Die Presse überschlug sich angesichts der kolportierten 500 Champagnerflaschen, die Alexander Kokorin und Pawel Mamajew angeblich springen ließen. Da haben es die beiden dann doch etwas zu sehr krachen lassen. Genauso sieht das auch Kokorins Arbeitgeber Zenit St. Petersburg: „Leider geraten russische Fußballer immer wieder in skandalöse Situationen, weil es ihnen an Gespür für Zurückhaltung und Kultur fehlt, wie man sich an öffentlichen Plätzen verhält“, so scholt der Verein unmittelbar nach dieser Episode.

Und als wäre das nicht schon genug, gab es zusätzlich noch gleich den Rüffel von höchster Instanz. Dmitri Peskow, der offizielle Kreml-Sprecher, äußerte seinen Unmut gegenüber Vertretern der Presse. „Jeder hat von diesem Exzess gehört, möge Gott der Richter über die Spieler sein, falls sie für die Party verantwortlich sind!“, wetterte er. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, ihm war die Angelegenheit peinlicher als den Spielern selbst.

Die haben in dem Besitzer des Nachtclubs, dem ehemaligen Formel 1-Manager Flavio Briatore, einen guten Leumund gefunden. Die beiden hätten den Champagner weder bestellt noch getrunken, sondern seien mit ihren Frauen zu einer Privatparty in seinem „Twigo“ gewesen. Geordert und bezahlt hätten Fans, die rein zufällig zur gleichen Zeit am gleichen Ort waren. So gesehen kann man stolz auf solche Anhänger sein, die einfach mal eben für, mit Glitzersteinchen besetzte, Nobelgetränke rund 250.000 Euro locker machen.

Wie dem auch sei, die Vereine reagierten umgehend. Und wie zu erwarten, umgehend sauer. So wird künftig Mamajew mit der Jugend des FC Krasnodar trainieren, für Stürmer Kokorin langt es wenigstens noch bis zur Ersatzbank, die der Stürmer bei Zenit nun in vollen Zügen genießen kann. Auch in den öffentlichen Netzwerken ist die Empörung alles andere als feuchtfröhlich. Der allgemeine Tenor spricht von „einer Schande für Russland“. Zugegeben, dass bei dem Gelage noch die russische Nationalhymne aus den Boxen dröhnte, hätte es vielleicht nicht auch noch gebraucht.

Die russischen Gefolgsleute in Berlin indes hielten es da eher wie die beiden Spieler. Sie zogen von der Fanmeile unverzüglich um die Häuser. Feste Feiern trotz Niederlage? Wir finden, das hat etwas von wahrer Größe.

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.