Euro 2016: Friede, Freude… Pustekuchen

Foto: CC0 Public Domain via PixabayFoto: CC0 Public Domain via Pixabay
image_pdfimage_print

[Von Michael Barth] Marseille – England pflegt wieder einmal Fußball in seiner für sich eigenen Reinkultur. Elf Mannen auf dem grünen Rasen versuchen den anderen Elf zum Trotz, zwei Halbzeiten lang ansehnlichen Fußball zu spielen und nach Möglichkeit das Hin und Her im Stadion zu ihren Gunsten zu entscheiden. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel und getreu dem keineswegs antiquierten Motto geht es dann nicht selten für ein paar handverlesene Mitgereiste abseits der Sportstätten in die Verlängerung.

Die legendäre dritte Halbzeit steht dieser Tage in Südfrankreich wieder hoch im Kurs. Brennpunkt Marseille, hier findet sich die „French Connection“ der Fußballkultur. Eher geschlagenes Multi-Kulti statt die Welt zu Gast bei Freunden. England kam, sah – und fand. Ebenbürtige Mitstreiter für ein munteres Haudrauf auf hohem Niveau. Nachdem schon vor dem brisanten (Fußball-!) Spiel gegen Russland ein Teil des Hafenviertels in Schutt und Scherben gelegt wurde, rollte nach der Partie gleich die nächste Angriffswelle auf die malerische Stadt am Mittelmeer zu.

Anfangs vermöbelten sich nur wackere Engländer mit nicht minder feisten Tunesiern, und natürlich auch der Polizei, auf den, mit Pubs gesäumten Straßen rund um den Hafen. So allmählich, oh pardon, peu a peu natürlisch, gesellten sich noch die Hausherren (…und natürlich auch noch mehr Polizei!) hinzu. Die Ultras von Olympic Marseille, nicht gerade der Inbegriff für Zimperlich, in ihrem Element. Und das auch noch vor der eigenen Haustür, da muss das Herz eines jeden Hooligans einfach höher schlagen. Die Polizei versuchte derweil in dem Tränengasinferno eine Art Durchblick zu behalten. Anwohner gingen sowieso schon längst nicht mehr aus dem Haus. Sie wären wohl eher als Kollateralschaden unter die Räder gekommen.

Englische Logik: Bier in Plastikbechern verursacht keine Schnittwunden

Viel Alkohol, viel Sonne, viel potentielle Gegner – schon ganz schön viel auf einmal für eine Horde erlebnisorientierter Engländer. Einer deutet auf einen Scherbenhaufen, den die emsigen Reinigungskräfte mittlerweile aufgetürmt haben. „In Polen haben sie das Bier in Plastikbechern ausgeschenkt.“ Dies verringere die Verletzungsgefahr und darauffolgende Schnittwunden, so sein fachkundiges Statement. Die Bilanz von Donnerstag bis Samstag Nachmittag: Dutzende Verletzte, davon einer schwer sowie ein in einem Hafenbecken „entsorgter“ Engländer. Und, aufgemerkt, das alles weitgehend ohne die Russen. Die zeigten sich vorerst nur bei ein paar kurzen und nahezu unbedeutenden Scharmützeln.

Richtig mithalten, geschweige denn die Eskalationen einzudämmen gelang den 1.200 Einsatzkräften der abgestellten Polizei nicht. Zu keiner Zeit schien sie Herr der Lage zu sein. Und das noch vor dem Spiel. Als nächste große Baustelle erwies sich das für 80.000 Menschen gedachte Public-Viewing auf der Fanmeile. „Die Russen kommen in einen Bereich und die Engländer in einen anderen“, kündigte der Polizeipräfekt von Marseille, Laurent Nuñez, am Samstag pragmatisch an. Ihm mag ein Stein vom Herzen gefallen sein, dass sich außer ein paar ganz Unentwegten sowieso niemand auf die Straßen wagte.

Knall auf Fall – Jagdszenen am Mittelmeer

Kurz vor Ende der EM-Partie: Ein bisschen bunt, ein lauter Knall – Halali, die Hetzjagd war eröffnet. Diesmal sind es die Russen, die einen der englischen Fanblöcke erstürmen und die Fans von ihren Sitzen jagen. Verkehrte Welt, diesmal flüchten die Engländer, einer gleich in den Innenraum des Stadio Velodrome. Die ersten Einheimischen sondieren bereits die Lage im alten Hafenviertel. Gegen Mitternacht ist „Show-Time“. Engländer, Franzosen und jetzt sind auch noch die Russen mit von der Partie. Der liebliche Duft eines friedlichen Turniers hat sich verflüchtigt, über Marseille liegt jetzt der dritte Tag im Ausnahmezustand. Die Schlacht ist noch nicht beendet, schon wird Kritik an der UEFA und weiteren Verantwortlichen laut.

Natürlich wird sich irgendjemand für die massiven Ausschreitungen verantworten müssen. Nur wer? Am Tag danach schiebt man sich gegenseitig den Schwarzen Peter in die Schuhe. Die UEFA habe sich nur die Vorfälle im und ums Stadion vorzuwerfen, so heißt es zunächst. Für den Rest seien die örtlichen Behörden zur Rechenschaft zu ziehen. Und so wundert es nicht, dass binnen kürzester Zeit ein Hauptschuldiger aus dem Hut gezaubert wurde – Russland. Nicht nur wir waren über diesen Schuldspruch irritiert, waren doch die Russen an den Vorfällen am Donnerstag und Freitag überhaupt nicht maßgeblich beteiligt.

Nun streiten sich der russische Sportminister Witali Mutko und der europäische Fußballverband wegen der postwendenden Schuldzuweisung Russlands auf höherer Ebene. Um nicht noch weiter ins Gerede zu kommen hat die UEFA mittlerweile sowohl Russland als auch England scharf angemahnt. Selbst „Geisterspiele“ ohne Beteiligung der Zuschauer waren bereits im Denkmodell durchexerziert worden. Auf alle Fälle sollen beide Kontrahenten im Wiederholungsfall gesperrt werden. Auf die UEFA und deren Sicherheitskonzept mag sowieso noch einiges zukommen. So jedenfalls schließt man das Phantom „Terrorgefahr“ nicht aus und vermag auch dem Publikum kein Gefühl der Sicherheit vermitteln können.

Die EURO 2016, noch keine drei Tage alt, hat ihr erstes großes Problem. Gerade einmal das Erste von insgesamt fünf Hochrisikospielen über die Bühne gebracht und das latente Spiel mit der Terrorangst. Auf Frankreich lastet im Moment eine schwere Bürde.

[Michael Barth/russland.RU]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.