EURO 2016: Die geschönte EM

Foto: © Arne Müseler / arne-mueseler.de / CC-BY-SA-3.0Foto: © Arne Müseler / arne-mueseler.de / CC-BY-SA-3.0
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[Von Michael Barth] – Diese aktuelle Fußball-Europamannschaft hält einen ganz schön auf Trab. Dabei sind es weniger die Spiele selbst, die besonders ins Gewicht fielen, sondern vielmehr die Randerscheinungen von hässlichen Gewaltszenen, die an Aggressivität kaum mehr zu überbieten sind. Unweigerlich fühlt man sich bei derlei Bildern negativ berührt und der eigentliche Sinn eines solchen Turniers geht mit jedem neuen Schlag, mit jedem Tritt, mehr und mehr verloren. Das Sportliche führt sich quasi selbst ad absurdum. Schade, es hätte eigentlich so ein schönes, ja gar verbindendes Fest für Europa werden können, wenn nicht…

Vielleicht ist es Ihnen ja auch aufgefallen? Sämtliche Bilder, die wir von den ausufernden Gewaltorgien bisher sahen, stammen ausnahmslos von Amateuraufnahmen, die eilig und verwackelt mit dem Mobiltelefon aufgezeichnet wurden. Offizielles Material – Fehlanzeige. Selbst als bei der Partie England gegen Russland gegen Ende des Spiels Bengalos und Böller gezündet wurden, Russen die Engländer aus dem Block jagten und der Tumult in vollem Gange war, mussten wir uns an den Fernsehbildschirmen von ZDF-Kommentator Oliver Schmidt erzählen lassen, was gerade vor sich ging.

Schmidt schwadronierte von unschönen Szenen, die in den Stadien nicht verloren hätten und die wir auch überhaupt gar nicht sehen wollen. Äh, Herr Schmidt, wir konnten diese unschönen Szenen auch überhaupt nicht sehen. Man hat sie uns schlichtweg vorenthalten. Wie sich nun hinterher herausstellte sollten wir diese Szenen auch gar nicht zu Gesicht bekommen – beschlossene Chefsache. Es geht, wie so meist, um Geld. Sehr viel Geld. Die Rechte an den Ausstrahlungen liegen nämlich fest gemeißelt bei der veranstaltenden UEFA. Das heißt, alleinig der europäische Dachverband entscheidet, wer wann was zu sehen bekommt.

„EURO 2016 Light“

Das wiederum rief die Macher vom Zweiten auf den Plan. „Natürlich haben wir die Erwartung, dass – auch angesichts der brisanten gesellschaftspolitischen Lage – alle relevanten Szenen im Weltsignal der Uefa enthalten sind“, so der ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz. Prompt konterte die UEFA: „Wir wollen nicht, dass Szenen von Gewalt im Fernsehen zu sehen sind“. Man fürchte einen „Nachahmungseffekt“, so heißt es von offizieller Stelle. Auch würden keine Bilder von Flitzern oder anderweitigen Störern während des Turniers über den Bildschirm flimmern.

Offiziell will also die UEFA Randalierern keine Bühne bieten und möglichen Nachahmern kein Vorbild liefern. Spätestens hier stellen sich dem geneigte Fernsehzuschauer Fragen. Ist der europäische Dachverband wirklich so naiv zu glauben, dass sich Unentschlossene bei der Ausstrahlung der Szenen erst zu derlei Aktionen hinreißen lassen? Will man den zahlenden Goldesel Konsument für blöd verkaufen, indem man ihm suggeriert, die gesamte Veranstaltung sei eine Art „Wir-haben-uns-alle-lieb“-Happening? Oder geht es wieder einmal um etwas Höheres, zum Beispiel wieder einmal um Geld?

In der Tat, der Verdacht verdichtet sich. ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz formuliert es folgendermaßen: „Zu einer ausgewogenen Berichterstattung gehören nicht nur die Spielszenen, sondern auch alles, was abseits passiert“. „Deshalb könnten ARD und ZDF bei den von ihnen bezahlten Spielen grundsätzlich auch eigene Kameras aufstellen“, räumt die UEFA ein, das rentiere sich jedoch nur bei Partien mit deutscher Beteiligung kontert Gruschwitz. „Bei den deutschen Spielen haben wir mehrere eigene Kameras im Stadion, und wir können deshalb alle journalistisch relevanten Szenen zeigen.“

Man kann von dieser innereuropäischen Doppelmoral nun halten was man will und mag. Allerdings müssen wir uns vor den Fernsehgeräten wohl oder übel damit abfinden, dass wir nur eine geschönte und gereinigte Europameisterschaft erleben werden. Die „EURO 2016 Light“ sozusagen…

[Michael Barth/russland.RU]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.