Erwägt Russland einen Burgerkrieg?

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Moskau – Der Westen sanktioniert gegen Russland munter vor sich hin und wähnt sich ob der Spirale der Gewalt in der Ostukraine dazu im Recht. Zum Gegenwärtigen Zeitpunkt scheint jedoch niemand zu bedenken, was geschehen könnte, sollte sich der Spieß auf einmal umkehren. Eine diesbezügliche Erfahrung muss gerade der Fastfood-Primus Mc Donalds in Russland durchleben.

Erinnern wir uns an den 31. Januar 1990. Die Welt hielt den Atem an, die Sowjetunion stand Kopf. Unglaubliches war geschehen: In Moskau eröffnete die erste Mc Donalds-Filiale jenseits des Eisernen Vorhangs. Das Ereignis war symbolträchtig, der Andrang grenzenlos. Mehr als 400 Angestellte bedienten sämtliche 30 Kassen des gut 700 Sitzplätze fassenden Schnellrestaurants am Puschkin-Platz, um den neugierigen Menschenmassen Herr zu werden. Abertausende standen indes stundenlang vor der Tür auf der Strasse und begehrten Einlass. Die Sensation war perfekt.

Fast 25 Jahre später hat sich das Blatt gewandelt. Der Kalte Krieg, der damals mittels einer Frikadelle in einem klebrigen Brötchen gewonnen schien, ist in die Köpfe von Ost und West zurückgekehrt. Und wieder ist es die Systembulette mit dem gelben „M“, die an vorderster Front mitmischt. Als russland.RU Anfang Juli dieses Jahres davon berichtete, dass sämtliche der drei Mc Donalds-Restaurants auf der vermeintlich annektierten Krim das Schlachtfeld räumen mussten, konnten selbst wir noch nicht ahnen, wie sich das Gefecht an der Grillplatte ausweiten sollte.

Vom kalten Krieg ins heiße Geschäft

Der weltweite Marktführer, der insgesamt gut 28 Milliarden US-Dollar Umsatz bilanziert, betreibt inzwischen über 300 Filialen in Russland, landesweit gestreut zwischen Wladiwostok und Kaliningrad. Nun ist es offenbar vorbei mit dieser Herrlichkeit. Die russische Verbraucherschutzagentur „Rospotrebnadsor“ moniert laut Behördenchefin Anna Popowa Verstöße gegen Vorschriften zur Lebensmittelsicherheit und  der Qualität. Ein entsprechendes Verfahren sei bereits eingeleitet worden. Zudem bestätigte ein Moskauer Gericht eine entsprechende Klage. Das könnte im Ernstfall bedeuten, dass Produkte verboten würden.

Russland gehört jedoch zu den sieben wichtigsten Märkten des Unternehmens außerhalb der USA und Kanada. Das Unternehmen selbst zeigte sich zunächst noch ahnungslos angesichts der Vorwürfe. Am 13. August werde es eine erste Anhörung geben, so eine Moskauer Gerichtssprecherin. Im September könnte es dann zu einer Verhandlung kommen. Mc Donalds selbst, dessen Geschäftsphilosophie weitgehend auf einem Franchise-Modell basiert, wollte bislang zu den Anschuldigungen noch keine Stellung beziehen und enthält sich vorerst jeglichen Kommentars.

Nowgoroder Bakterien und patriotische Essgewohnheiten  

Im Konkreten wurden nach Behördenangaben in mehreren Filialen in der nordwestrussischen Region Nowgorod Bakterien im Salat, sowie in diversen Sandwiches und Burgern gefunden. Wie russischen Medien zu entnehmen ist, handele es sich dabei zwar nicht um das Schlachtschiff der Buletten-Flotte, den Big Mac, aber immerhin seien der Chickenburger, der Fischburger sowie Milchshakes beanstandet worden. In einigen dieser Produkte seien unangemessene Werte von „physikalisch-chemischen“ Substanzen gefunden worden. Auch der klassische Cheeseburger soll mit einem Bann belegt werden.

Das jedoch wundert uns jetzt ein klein wenig, da der Big Mac ebenso mit Käse, dem in Verbindung mit den Fleischtalern Verletzungen der Nährstoffangaben zu Fett, Eiweißen und Kohlenhydraten zur Last gelegt wird, und annähernd genauso belegt ist wie sein kleinerer Kollege, der Cheeseburger. Das verstehe nun wer mag, jedoch drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei dem „Burgerkrieg“ dann doch wieder nur um ein Politikum zwischen dem Westen und dem Osten angesichts der Ukraine-Krise handeln mag.

Bereits im April schon kam es im Moskauer Umland sowie anderen Städten zu Demonstrationen, die eine Schließung der Mc Donalds-Filialen in Russland forderten. In Brjansk beispielsweise skandierte die Menschenmenge, so will es zumindest die „Washington Post“ wahrgenommen haben, „Nieder mit dem amerikanischen Fastfood!“. Aktuellen Umfragen zufolge seien 62 Prozent der Russen auf der Strasse derselben Meinung. Hatte doch schon 2012 der Chefhygieneinspektor Gennadi Onischtschenko appelliert, sich patriotisch zu ernähren. Burger seien nun mal kein Essen für Russen.

Doch der Wind bläst dem Unternehmen nicht nur vom russischen Bären harsch ins Gesicht. Hygienemängel durch vergammeltes Hähnchenfleisch beispielsweise wurden auch aus China vermeldet, in Deutschland werden die Arbeitsbedingungen der Angestellten und Aushilfen hart kritisiert. Die Chicken Mc Nuggets und der Mac Rib bestünden Verbraucherschützern zufolge sowieso nur aus gepressten Fleischabfällen. Die Luft wird eindeutig dünn für den Branchenprimus. Selbst im Mutterland des Hamburgers, den USA, gehen mittlerweile die Umsätze erdenklich zurück. Und nun auch noch Russland…

[mb/russland.RU]

Foto: M. Barth

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.