EM-Qualifikation: Russland fährt in Vaduz auf die Überholspur

Foto: Wikipedia/Christopher Voitus CC BY-SA 3.0Foto: Wikipedia/Christopher Voitus CC BY-SA 3.0
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Vaduz – Die russische Sbornaja hatte heute Abend die große Chance endlich wieder auf einen Direktteilnehmer-Platz in der Tabelle zu klettern. Chance erkannt – Chance genutzt könnte man sagen. Amtshilfe leisteten tapfere Österreicher, die den Wikingern aus Schweden den Schneid abkauften. Das Spiel in Liechtenstein jedoch geriet zur One-Man-Show eines Mannes – es war das „Dzyuba-Festival“.

Die Bergkulisse hinter dem „Rheinpark Stadion“ ist beeindruckend. Weniger beeindruckend jedoch die Kulisse im Stadion. Nur halb gefüllt, dabei passen eh nur etwa 6.000 Zuschauer hinein. Im Publikum auch an die 150 Russen, die Morgenluft wittern. Dementsprechend laut waren sie auch. Bereits in der dritten Spielminute setzt Dmitri Kombarov eine erste Duftmarke. Er versucht vier Minuten später sein nächstes Ausrufezeichen setzen, aber noch deutlicher kann man gar nicht im Abseits stehen. In Solna, das ist oben in Schweden steht es nach neun Minuten bereits 0:1. Österreich führt früh.

Zehn Minuten sind in Vaduz gespielt, aber irgendwie stehen sie sich alle gegenseitig auf den Füßen. In der 19. Spielminute darf Peter Jehle, der Liechtensteiner Torwart, sein ganzes Können in die Waagschale werfen. Den Schuss von Beresutski faustet er souverän zur Ecke. Nach 20 Minuten brezelt Artjom Dzyuba nach Zuspiel von Roman Schirokov vom Elfmeterpunkt mittig ein. Nun heißt es hier auch 1:0. Russland nimmt nun Fahrt auf, die Außenseiter aus Liechtenstein kommen kaum noch über die Mittellinie. Österreich führt immer noch mit 1:0. Somit alles im Lot, Russland hat gerade Schweden in der Gruppentabelle überholt und steht auf Platz zwei.

Nein, es war kein Abseits! Dzyuba startet in den Strafraum durch und Daniel Kaufmann kann ihn bei diesem Tempo nur noch mit einem Foul stoppen. Den fälligen Elfmeter gönnte sich Alexander Kokorin, 2:0. Für Kaufmann war die Partie mit einer roten Karte beendet, Russland auch noch in der Überzahl. Zeitgleich schossen auch die Österreicher ihr zweites Tor. In der letzten Spielminute spielt Schirokov einen Zuckerpass auf Dzyuba. Der fährt lässig das 3:0 ein, Halbzeitpause. Die Alpenboys führen immer noch mit 2:0, wir gehen pinkeln und holen uns noch ein Fußballbier. Außerdem freuen wir uns auf die zweite Halbzeit. Denn, das war gewiss noch nicht alles.

Darf’s noch ein bisserl mehr sein?

Wiederanpfiff und ein unverändertes Bild. Sämtliche beherzten Angriffe des Fürstentums enden – an der Mittellinie. Nach knapp einer Stunde schicken nacheinander Beresutski, Ignaschevitsch und Gluschakow den tapferen Jehle auf den Prüfstand. In der 62. Minute darf Liechtenstein dann endlich mal einen Flugkopfball landen. Den Spielverderber gibt Igor Akinfeev im Tor der Sbornaja. In Schweden ist alles beim alten. Heldenmutig stehen die Liechtensteiner nun zu zehnt in und um ihren eigenen Strafraum herum und versuchen das Debakel in Grenzen zu halten. Mal knapp vorbei, mal gibt Peter Jehle mal wieder sein Bestes,

Fairerweise muss man aber sagen, die Russen haben dem Gegner noch zwei Angriffe zugestanden. Sogar zwei Ecken haben sie bekommen. Dann war aber wieder Schluss mit Lustig. 20 Minuten vor Spielende darf sich Jehle noch einmal mit einer Glanzparade beweisen und dann, tja und dann spitzelte Dzyuba ganz Spitzbubenhaft mit der Fußspitze zum 4:0 für Russland ein, ein spitze Wortspiel finden wir. Spitze fand auch Fjodor Smolow, dass er nach einem Freistoß von rechts aus kürzester Distanz zum 5:0 versenken darf. So langsam fällt es schwer bei diesem munteren Scheibenschießen den Ernst zu behalten. Schweden-Österreich nach wie vor unverändert.

Ein Schuss wie ein Strich, aus gut 20 Metern Entfernung, eine Granate ins linke obere Eck – der russische Bär hat erneut zugeschlagen. Eiskalt wie ein Auftragskiller der Russenmafia zieht Alan Dsagojew durch – unhaltbar! 6:0, wir müssen jetzt langsam mitzählen, um den Überblick nicht zu verlieren. Schweden liegt mittlerweile 0:3 zurück. Wer hätte das gedacht, dass sich dieser Dienstagabend noch so turbulent gestaltet? Wir schreiben die letzte Minute der regulären Spielzeit. Plötzlich steht einer vor dem leeren Tor des Fürstentums, das nun sperrangelweit offen steht. Erraten Sie es – 7:0 durch Dzyuba, genau der.

Noch drei Minuten Nachspielzeit. Die handvoll mitgereister Russen feiern ihren Artjom Dzyuba frenetisch. Und bevor der seine fünfte Bude einnetzen kann, erlöst der schottische Unparteiische Bobby Madden die Liechtensteiner vor einem noch größeren Desaster. Dzyuba freut sich, Leonid Slutskiy, der Nachfolger-Coach von Fabio Capello, freut sich auch und alle Russen freuen sich sowieso. Österreich gewann am Ende übrigens noch mit 4:1 in Schweden.

Das bedeutet: Österreich ist nun sicher bei der Europameisterschaft nächstes Jahr in Frankreich dabei und Russland ist auf dem besten Weg dorthin. Die Sbornaja liegt jetzt mit 14 Punkten zwei Punkte vor Schweden und hat heute kräftig am besseren Torverhältnis gewerkelt. 13 Zähler stehen gerade einmal zwei der Schweden gegenüber. Und sollte in den verbleibenden zwei Partien gegen Moldawien und Montenegro nichts mehr anbrennen, kann der Teilnahme an der Fußball-Europameisterschaft 2016 nichts mehr im Wege stehen.

[mb/russland.RU]

 

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.