Einheimische Lebensmittel auf Rekordniveau

Foto: stafichukanatoly CC0 Public Domain via Pixabay
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Seit Beginn des Embargos auf importierte Lebensmittel hat sich das Angebot der einheimischen Erzeugnisse vervielfacht. Das Niveau entspricht mittlerweile wieder nahezu dem aus Zeiten der damaligen UdSSR. Die Qualität allerdings leider auch.

Wenn es nach Alexander Tkatschow, dem russische Landwirtschaftsminister ginge, könnten die Sanktionen gegen aus dem Westen importierten Lebensmittel ruhig noch um weitere zehn Jahre verlängert werden. In einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin ‚Forbes‘ erklärte er seine Überzeugung, dass die russische Bevölkerung gewillt sei, einheimische Lebensmittel zu kaufen. „Das weiß ich für mich, und diesen Trend beobachte ich im ganzen Land“ betonte er und verwies darauf, dass die Landwirtschaft in Russland mittlerweile wieder „profitabel und interessant“ sei.

Wadim Sujkow allerdings sieht in seiner Eigenschaft als Präsident des Nationalen Handelsverbands das Frohlocken des Ministers eher skeptisch. Zwar muss er zugeben, dass der derzeitigen Anteil an russischen Lebensmittel in Höhe von 77 Prozent als Rekordwert gesehen werden muss und dieser Wert dem zur Zeit der Sowjetunion gleichkommt, räumt aber ein, dass diese Situation nicht ausschließlich auf das Produkt-Embargo zurückzuführen sei. Vielmehr sei für Sujkow die Nachfrage für Lebensmittel im Allgemeinen gesunken.

Für Wadim Sujkow seien die momentanen Lebenshaltungskosten in Russland daran schuld. Die Verbraucher würden wieder verstärkt auf inländische Produkte zurückgreifen, da sie häufig günstiger seien als ausländische. Deshalb sehe er die Importsubstitution auf ihrem Höhepunkt angekommen und erwarte kein weiteres Wachstum. Eher hat Sujkow das Gegenteil vor Augen. Durch den stärker werdenden Rubel werde für ihn der Anteil der Importe wieder steigen. Die Nachfrage für exotischen Früchten und Wein sei durchaus gegeben.

Euphorische Momentaufnahme

Derzeit stammen derlei Produkte von der Südhalbkugel der Erde, im Besonderen aus Chile, Argentinien und Südafrika. Das russische Industrieministerium indes freut sich, dass in einigen Nischen wie Brot, Milch, Grütze, Fleisch, Fisch, Eier, Nudeln und Zucker der Anteil der inländischen Produkte inzwischen wieder fast 100 Prozent erreicht. Der stellvertretende Industrieminister Wiktor Jewtuchow beziffert den Anteil der ausländischen Importwaren in russischen Lebensmittelgeschäften auf 23 Prozent.

Auch hätten Programme zur Förderung der inländischen Produktion laut des Einzelhandelsunternehmens ‚X5 Retail Group‘ die Anteile russischer Produkte in Lebensmittelketten stark erhöht. Die russische Einzelhandelskette ‚DIXY‘ verzeichnete ebenfalls innerhalb der letzten zwei Jahre eine Verdreifachung der Obst- und Gemüsewaren im eigenen Sortiment, die im Inland produziert wurden.

In den Supermärkten, da sind sich die Unternehmen einig, verzeichnet man aber auch eine gesteigerte Nachfrage für Produkte, die nicht mit den russischen Gegensanktionen und der Förderung der Produktion in Verbindung stehen – zum Beispiel für Fertigessen. Demnach könne man einen derzeitigen Trend in Russland ausmachen, dass sowohl aus Zeitgründen, aber auch aus Bequemlichkeit Nahrung immer seltener selbst zubereitet wird. Dies dürfte allerdings keine rein russische Tendenz darstellen.

Einen großen Wermutstropfen vergießt die Zeitung ‚Iswestija‘, wenn sie die Qualität der russischen Lebensmittel anprangert. Laut dem russischen Verbraucherschutz hätten 66 Prozent aller inländischen Lebensmittelhersteller im Jahre 2016 gegen bestehende Hygiene- und Sanitärvorschriften verstoßen. Jedoch habe die Behörde ein Programm ausgearbeitet, dass die Qualitätserhöhung russischer Erzeugnisse bis zum Jahr 2030 vorsieht. Der Verbraucher indes wird Qualität in erster Linie wohl durch den Geschmack definieren – und da kann so einiges durchaus noch etwas drauflegen.

[mb/russland.NEWS]

Über den Autor

Michael Barth
1961 in Nürnberg geboren und von da aus ab 1979 die große weite Welt erkundet. Die Wege führten anfangs nach Klein- und Mittelasien und waren stets das Ziel. Immer mit im Gepäck, der sehnsüchtige Blick auf die schier unerreichbare UdSSR. Dann fiel der eiserne Vorhang, die Pfade führten nach Nordosten. Durch einen glücklichen Umstand tat sich letztendlich Russland auf. Der berufliche Werdegang verlief zunächst sehr unjournalistisch. Ständig auf der Suche nach neuen Aufgaben und Herausforderungen war nach der Ausbildung zum Kirchenmaler vom Krematoriumsarbeiter bis zum R’n’R Caterer so ziemlich alles dabei, was Abenteuer und Ungewöhnlichkeit versprach. In Russland kam 2008 der Journalismus hinzu. Weltenbummeln und schreiben – perfekt. Zuerst bei einer kleinen Gazette und ab 2012 ernsthaft im Feuilleton bei russland.RU. Seit 2014 dort Chefredakteur.