In Russland ist nach den Worten der Vorsitzenden des Föderationsrates, Walentina Matwijenko, ein „Klub demografischer Millionäre“ entstanden. Gemeint sind keine besonders kinderreichen Familien, sondern Unternehmen, die ihren Beschäftigten bei der Geburt eines Kindes eine Million Rubel zahlen.
Rund 200 Betriebe hätten mittlerweile den sogenannten goldenen Standard der betrieblichen Demografie übernommen, berichtete Matwijenko bei einem Treffen mit Präsident Wladimir Putin. Neben der Einmalzahlung gewährten die Unternehmen ihren Beschäftigten weitere Hilfen für Familien.
Der „Klub“ war erst Anfang Juni beim Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum ins Gespräch gebracht worden. Damals sprach Matwijenko zunächst von mehr als 100, später von über 150 beteiligten Unternehmen. Inzwischen sollen es bereits rund 200 sein.
„Die Eintrittskarte in diesen Klub kostet nur eine Million Rubel für jedes Kind“, hatte Matwijenko auf dem Wirtschaftsforum erklärt. Die Formulierung verrät einiges über die Konstruktion: Nicht Eltern werden zu Millionären, sondern Unternehmen erwerben sich mit der Zahlung das Gütesiegel besonderer demografischer Verantwortung.
Die Million Rubel ist für die Eltern steuerfrei. Zum goldenen Standard gehören außerdem familienfreundliche Arbeitszeiten, zusätzliche freie Tage nach einer Geburt, eine Beteiligung an freiwilligen Krankenversicherungen und Betreuungsmöglichkeiten für Kinder. Auch die Darstellung kinderreicher Familien in der Unternehmenswerbung wird empfohlen.
Der rasche Zulauf soll nach Matwijenkos Darstellung zeigen, dass sich die russische Wirtschaft zunehmend an der staatlichen Bevölkerungspolitik beteiligt. Hinter der fürsorglichen Sprache steht jedoch ein handfestes ökonomisches Problem: Russlands Unternehmen leiden unter einem wachsenden Arbeitskräftemangel. Kinder gelten damit nicht nur als gesellschaftlicher Wert, sondern als künftiges Personal.
Matwijenko verwies gegenüber Putin außerdem auf einen Rückgang der Zahl der Schwangerschaftsabbrüche um fast zwölf Prozent innerhalb von zwei Jahren. Ob die betrieblichen Zahlungen bereits einen messbaren Einfluss auf die Geburtenzahl haben, wurde dagegen nicht erläutert.
Genau dort beginnt das demografische Glatteis. Eine Million Rubel kann einer Familie den Start nach der Geburt erleichtern. Sie verändert jedoch weder dauerhaft die Wohnverhältnisse noch die Verfügbarkeit von Kinderbetreuung, das Einkommen über viele Jahre oder die Unsicherheit über die Zukunft. Zudem dürften vor allem große, finanzstarke Unternehmen in der Lage sein, solche Summen regelmäßig zu zahlen. Beschäftigte kleiner Betriebe, Selbstständige und Menschen ohne feste Arbeit bleiben außen vor.
Der „Klub demografischer Millionäre“ ist deshalb zunächst eher eine Sammlung sozialpolitisch vorzeigbarer Arbeitgeber als ein Beleg für eine demografische Wende. Zugleich zeigt die Initiative, wie Russland die Verantwortung für die sinkende Geburtenzahl zunehmend verteilt: Der Staat gibt die politische Richtung vor, während Regionen und Unternehmen einen wachsenden Teil der praktischen und finanziellen Last übernehmen sollen.
Matwijenkos Million ist damit weniger ein Preis für ein neugeborenes Kind als eine Investitionsprämie auf Russlands knappste Ressource: seine künftige Bevölkerung.
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