Eine Bordell Etüde

Eine Bordell Etüde

Alexander Tsypkin ist der neue Star auf dem russischen literarischen Olymp. Der viel gelobte Blogger und Facebook-Autor hat mit seinem ersten Buch „Frauen im fortschrittlichen Alter“ Furore gemacht. Keiner schreibt so frech und herzberührend zugleich. Keiner beschäftigt sich mit dem Thema Sex so entspannt, humorvoll und klug wie er. Keiner schafft es, derbe Ausrücke so charmant und intelligent zu benutzen. Angesagte russische Schauspieler lesen seine Texte auf großen Bühnen und vor ausverkauften Sälen. „Hörbücher werden so quasi lebendig, und das gefällt den Menschen“, erklärt Tsypkin den Erfolg dieser Lesungen. Tsypkin ist der erste Frauen-Versteher der russischen Literatur. In seinen kurzen präzisen Texten entsteht das vielfältige Porträt einer modernen Russin und Großstadtbewohnerin, die ganz genau weiß, was sie will. Was ihr die Verrücktheit einer Liebesbeziehung allerdings nicht unbedingt erspart. Den modernen russischen Mann nimmt Tsyplin auch unter die Lupe und aufs Korn. Mit viel Humor und Ironie, denn in jedem seinen Protagonisten steckt der Autor selbst – ein 42 Journalist, PR-Manger und gebürtiger Petersburger, der inzwischen in Moskau in „einer Subkultur“, wie er selbst sagt, lebt. Dieser Subkultur der erfolgreichen russischen Mittelklasse hat er die literarische Stimme gegeben.

Heute druckt russland.news eine Erzählung aus seinem zweiten Buch «Haus der Wiedersehen“.

Der internationale Frauentag wird auch in Bordellen gefeiert. Einige Freier kommen extra vorbei, nur um zu gratulieren. Blumen, Geschenke, Glückwünsche. Kein Sex. Aus Zeitmangel.

Gegen fünf Uhr abends kam bei einer der Feen ihr sporadischer Klient vorbei. Also kein anständiger Familienvater, der einmal die Woche erscheint, sondern so ein unvorhersehbarer gemeiner Hund und Halunke. Mal wird man ihn nicht los, mal verschwindet er für den ganzen Sommer spurlos. Cashflow kann man eben nicht planen. Diesmal kam dieser Wasja wieder, ohne vorher anzurufen. Mit dem Schnee auf und dem Wind im Kopf.

„Ich war zufällig in der Nähe. Dachte mir, ich sollte mal gratulieren, und guck mal einer an, es ist deine Schicht! Weihnachten habe ich ja geschwänzt“.

„Besser gesagt, gegeizt.“

„Sorry, habe ich nicht geschafft. Wir waren irgendwohin auf die Schnelle weggeflogen. Und jetzt bin ich der 8.März-Weihnachtsmann!“

Der Typ hatte ein gigantisches Kosmetikset, einen Gutschein für Schönheitssalon und eine Torte mitgeschleppt.

„Also mit euch werde ich noch eine Zuckerkrankheit oder Pickel bekommen. Am schlimmsten sind aber die Blumen. Schau, was soll ich mit dieser ganzen Orangerie machen, Geld wäre besser, ehrlich“. Im Zimmer des Mädchens lagen mindestens zehn Blumensträuße.

Wie ich bereits erwähnte, war der Gast ein äußerst schlecht organisierter und chaotischer Mensch, deswegen schlug er sofort Folgendes vor:

„Hör mal, ich kaufe sie dir ab. Ich muss noch Tausenden Frauen Blumen schenken, und in Blumengeschäften stehen kilometerlange Schlangen“.

Der Kauf wurde ohne Notar abgewickelt, über den Preis nicht gefeilscht. Am nächsten Tag kam der kreative Schenkende mit einer Flasche Sekt wieder und erzählte, wie er einige graue Haare mehr bekommen hatte.

Als Wasja den Puff verließ, hatte er sich geschworen, Blumen für seine Frau in einem ordentlichen Blumengeschäft zu kaufen. Er hat sich sehr viel Mühe gegeben, dieses Versprechen auch zu halten und fuhr sogar zu einem kleinen Laden, doch er hatte nicht genug Geld dabei. Und eine Karte akzeptierten sie nicht. Weiter zu suchen war er zu faul. Das göttliche Gefühl der Faulheit siegte über die Vernunft und über das Gewissen. Unser Maestro hat sich überlegt, dass seine Schwester dieses Mal eben ohne Blumen auskommen soll. Einen Strauß hatte er ja noch übrig und fuhr damit direkt nach Hause. An dieser Stelle muss gesagt werden, dass der Blumenstrauß wirklich großartig war. Viel besser als der, der die zweite Hälfte unseres Helden bekommen hätte, wenn er den selber ausgesucht hätte. Seine Frau war völlig aus dem Häuschen.

Wasja zog sich um und setzte sich an den feierlich gedeckten Tisch. Er schenkte sich Wein ein und sah, wie seine Frau mit Tränen in den Augen und einem Zettel in der Hand das Zimmer betrat.

Wie es in solchen Situationen oft passiert, nimmt das Gesicht eines Mannes den Ausdruck eines fröhlichen Idioten an und belässt es dabei, bis man begonnen hat, in dieses Gesicht zu schlagen. Während die linke Gehirnhälfte von Wasja allen Göttern schwor, zumindest das Wort zu halten, das er sich selbst gab, versuchte die rechte zu ergründen, was auf dem Zettel stand und sich eine Verteidigungstaktik zurechtzulegen. Doch der Kerl hatte keine Ahnung, was man Prostituierten zum 8.März so schreibt, und die Zeit für eine Antwort schwand dahin.

Seine Frau setzte sich ihm gegenüber, nahm ihr Weinglas und schlug einen Trinkspruch vor:
„Auf Dich! Auf den besten Ehemann der Welt!“

Der beste Ehemann der Welt kapierte, dass die Situation viel schlimmer war, als es zu befürchten wäre. Wenn man ihn angebrüllt oder ihm eine Ohrfeige gegeben hätte, hätte es bedeutet, dass die Kränkung zwar sehr schwerwiegend aber kurierbar war. Dieser Sarkasmus jedoch sprach von einer endgültigen Katastrophe.

Das Gesicht konnte noch nichts sagen, aber sein Besitzer stieß wortlos an und schluckte Wein samt Weinglas runter.

„Ehrlich, du bist zwar ein Dummkopf, aber du hast so schön geschrieben! Jede Frau wünscht sich sowas. Und den Zettel hast du versteckt, ich habe ihn zufällig gefunden. Hast zwar nur getippt, du faule Socke, aber mit deiner krakeligen Handschrift… ist vielleicht sogar besser so“.

Während der Ehemann das Weinglas kaute, begriffen seine beiden Gehirnhälften langsam aber sicher, dass sie nicht mit einer Axt zerschlagen werden, und der Zettel im Blumenstrauß offensichtlich etwas Gutes und Universelles enthielt. Jetzt wurde er neugierig, was genau.

„Ist es wirklich wahr?“ Seine Frau war immer noch gerührt.

Die Wahrheit kannte Wasja nicht.

„Aber sicher doch!“

„Und denk nicht ans Geld! Du verdienst eben soviel du kannst. Ich schlafe doch, Gott sei Dank, nicht wegen des Geldes mit dir!“
Wasja war wieder schlecht geworden.

„Der Text ist aber ausgezeichnet. Umgekehrt wäre es schlimmer, weißt du. Das würde dir jede Frau bestätigen“.

Auf Wasjas Hirn hätte man inzwischen Bacon braten können. Er hatte es eilig, sich zu betrinken, um die Realität irgendwie zu verlassen.

„Weißt du was, unterschreib mal. Wir sollten das den Kindern später zeigen, wenn sie groß sind. Als Gebrauchsanweisung sozusagen“.

Wasjas Ohren glühten wie rote Sterne auf den Kreml-Türmen.  Jetzt schämte er sich.

Mit halb gelähmten Händen nahm er den Zettel entgegen. Dort stand:
„Du bist mein bester Sex. Ich bin dein schlechtester Geldbeutel. Danke, dass du mich erträgst. Alles Liebe zum 8.März!“.

Aus dem Russischen von Daria Boll-Palievskaya für russland.NEWS

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