Einbruch der Erdölpreise und Konsumverzicht treiben die Krise in Russland an

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Die russische Währung hat an der Moskauer Börse ein neues Halbjahrestief erreicht: Zum heutigen Handelsbeginn übersprang der US-Dollarkurs die Marke von 67 Rubel, der Euro wurde mit 76,130 Rubel notiert. Der sich beschleunigende Verfall der russischen Währung wird von russischen Ökonomen dem billigen Erdöls zugeschrieben.

Der Analytistin der Geschäftsbank „Russisches Kapital“, Anastasija Sosnowaja, zufolge, sank am Mittwoch die Notierung des Nordmeererdöles der Marke Brent auf unter $48 für das Barrel, und in der nächsten Zeit könne man einen Absturz des Preises für den fossilen Rohstoff auf 45 US-Dollar pro Barrel erwarten. Auf der gestrigen Auktion ging der Preisverfall für das Erdöl weiter. Nach Angaben der Agentur Bloomberg, sank der Preis für einen kurzfristigen Liefervertrag für das Erdöl Brent mit 46,9 USD je Barrel auf den geringsten Wert seit Anfang Februar, dass sind fast 0,5 % weniger als zum Handelsschluss am Mittwoch.

Unter dem Preissturz bei Erdöl leiden am meisten jene Volkswirtschaften mit einer starken Rohstofforientierung, wie Russland, Brasilien, Kasachstan. Der Einbruch der Erdölpreise war ein Hauptgrund für der Verschlechterung der ING-Wirtschaftsprognose für Russland. Gestern erhöhte die Investitionsbankbank den Rückgang des BIP der Russischen Föderation im Jahr 2015 von 3,3% auf 3,5 %. «Ungeachtet unsicherer Merkmale für die Stabilisierung einiger Indikatoren, bleiben die Wirtschaftsaussichten schwierig, während ein weiteres Abfallen des Erdölpreises das erneute Wachstum des BIP in Russland nach hinten verschieben kann», heißt es in dem Bericht der Bank. Unter diesen Bedingungen ziehen es die Investoren vor, ihre Deviseneinlagen zu vergrößern, insbesondere vor umfangreichen Zahlungen ins Ausland.

Die Nervosität auf dem Markt hat sich zusätzlich gesteigert , nachdem die Regierung Kasachstans, die von der Senkung der Preise für das Erdöl beunruhigt ist, die Abwertung der nationalen Währung beganntgegeben hat. Gestern räumte der Präsident Kasachstans Nursultan Nasarbajew ein, dass sich die niedrigen Preise für Erdöl und Metalle, die schwache Nachfrage nach den Exportwaren seitens Russlands und Chinas negativ auf die Wirtschaft des Landes auswirken werden. «Ausgehend von den neuen Wirtschaftsrealien, müssen wir uns auf Erdölpreise von $30−40 für das Barrel einstellen“, heißt es in den Material einer Beratung für Systemische Maßnahmen in der kasachischen Wirtschaftspolitik. In der Folge gab die Nationalbank Kasachstans auf Geheiß der Regierung am 20. August denWechselkurs für den Tenge frei. Das führte dazu, dass der Kurs innerhalb eines Tages um 26%, von 188,38 auf 255, 26 Tenge für einen US-Dollar absackte.

Nach Ansicht russischer Analysten hat die kasachische Währungskrise des Partnerlandes in der Euroasiatischen Wirtschaftsunion EAEU jedoch keinen größeren Einfluss auf die russische Wirtschaft.

Der Anteil Kasachstans am russischen Export ist mit drei bis vier Prozent relativ gering“, sage der Chefstratege der Sberbank CIB, Wladimir Pantjuschin, gegenüber Interfax.“Deshalb wird sich die Abwertung des Tenge nicht auf den Rubel auswirken. Sicher wird nun der russische Export etwas steigen, aber spürbar werden Veränderungen lediglich in den Grenzregionen, wo er im Gegenteil abnehmen wird.“ Der Volkswirt der Finanzgruppe BKS sieht allenfalls Auswirkungen der Abwertung der kasachischen Währung auf den Export im Maschinenbau aus Russland , der in den vergangenen Monaten gewachsen war. Viel wichtiger für die Wirtschaft Russlands seien aber Europa und China, das momentan ebenfalls mit starken wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen habe, so Tichomirow.

Für den Chefökonomen der Bank WEB, Andrej Klepatsch, bis 2014 im Wirtschaftsministerium Russlands für makroökonomische Prognosen zuständig, ist für die gegenwärtige Krise vor allem die schwache Binnenkonjunktur verantwortlich. „Die Verringerung der kaufkräftigen Nachfrage im Inland ist sogar noch schwerwiegender als in den Krisenjahren 1998 und 2009“, sagte er.

Allerdings sei 2009, im Gegensatz zur heutigen Situation, das Realeinkommen der Bevölkerung nicht gesunken. Nach Angaben der russischen Statistikbehörde ging im ersten Halbjahr der Einzelhandelsumsatz gegenüber dem selben Zeitraum des Vorjahres um acht Prozent zurück.

Immerhin sieht der Wirtschaftsexperte Licht am Ende des Tunnels, obwohl niemand garantieren kann, dass es nicht der Gegenzug ist. Seiner Zuversicht nach wird sich die Verbrauchernachfrage „schneller erholen, als der Investitionssektor“, allerdings werde es keinen solchen Anstieg wie im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts geben, sondern der Einzelhandelsumsatz werde parallel zum Anstieg der Einkommen um zwei bis drei Prozent zunehmen.

Auch die Ratingagentur Moodys rechnet nach einem Wirtschaftsrückgang in diesem Jahr in Russland von etwa vier Prozent, für 2016 zumindest mit einem Nullwachstum.

HH/russland.RU